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Eröffnung des 45. Kommunallandtages des Regierungsbezirkes Wiesbaden, 8. Mai 1911

In Wiesbaden wird um 18 Uhr im Kommunallandtags-Sitzungssaal des Landeshauses der 45. Kommunallandtag des Regierungsbezirks Wiesbaden durch eine Ansprache des stellvertretenden Königlichen Landtagskommissars, dem Regierungspräsidenten Wilhelm von Meister (1863–1935) eröffnet:

Geehrte Herren!
Nachdem seine Majestät der Kaiser und König den Kommunallandtag für den Regierungsbezirk Wiesbaden zum heutigen Tage einzuberufen und mich zum Stellvertreter des Herrn Oberpräsidenten in dessen Eigenschaft als Königlicher Kommissar zu ernennen geruht haben, gereicht es mir – wie in den Vorjahren – wiederum zur Ehre, Sie von dieser Stelle aus willkommen heißen zu dürfen.
Bei Beginn Ihrer Tagung, der ersten in einer neuen Wahlperiode, möchte ich zunächst daran erinnern, daß am 1. April d. Js. seit dem Inkrafttreten der Kreisordnung und der Provinzialordnung für die Provinz Hessen-Nassau ein Vierteljahrhundert verflossen war. Auf ihrem neuen gesetzlichen Unterbau hat die Selbstverwaltung in den Kreisen und im Bezirksverbande eine erfreuliche Tätigkeit entfaltet. Insbesondere ist seitens des Bezirksverbandes für die wirtschaftliche Hebung des Bezirks und seiner Bewohner und für den Fortschritt auf allen der Bezirksverwaltung überlassenen Gebieten erhebliches geleistet worden. Dies darf heute mit Befriedigung festgestellt werden. Freilich hat es sich nicht vermeiden lassen, die Steuerkraft der Bevölkerung dabei in steigendem Maße in Anspruch zu nehmen. Auch in dem Ihnen vorliegenden Voranschlag der Einnahmen und Ausgaben für das laufende Rechnungsjahr ist, um die Aufwendungen für die ständig wachsenden Aufgaben des Bezirksverbandes decken zu können, gegen 1910 wiederum eine Erhöhung der Bezirksabgabe und zwar um ½ % nicht zu umgehen gewesen.
Zu ihrem großen Bedauern hat die Königliche Staatsregierung während des vergangenen Winters feststellen müssen, daß unter den Winzern in einigen weinbautreibenden Kreisen des Regierungsbezirks – und zwar vorwiegend unter den Winzern des Rheingaues – ein Notstand herrscht, dessen Linderung die Verwendung öffentlicher Mittel erheischt. Zu diesem Zwecke hat sich die Staatsregierung entschlossen, die Summe von 1.150.000 Mark bereit zu stellen, jedoch nur unter der Bedingung, daß der Bezirksverband und die beteiligten Kreise sich auch ihrerseits an der Linderung des Notstandes beteiligen. Wie diese Beteiligung gedacht ist, geht aus der Ihnen zugegangenen Vorlage der Staatsregierung, deren Annahme ich Ihnen auf das Wärmste ans Herz legen möchte, hervor. Die vorgesehene Verwendung der Gelder durch Organe, die mit den örtlichen und persönlichen Verhältnissen im Notstandsgebiete genau vertraut sind, wird, wie bestimmt zu hoffen ist, den Bedürfnissen im einzelnen gerecht werden und geeignet sein, die Hilfsaktion ihrem Ziele: "Erhaltung eines selbständigen Winzerstandes auf eigener Scholle" entgegenführen zu helfen. Damit aber die auf diese Weise angebahnte Gesundung unseres heimatlichen, auf eine uralte Geschichte zurückblickenden und weit über die Grenzen des Vaterlandes hinaus berühmten Weinbaues auch für die Zukunft nach Möglichkeit gesichert werde, sind gleichzeitig Mittel von Ihnen erbeten worden, als Zuschuß zu den Kosten, die eine planmäßige Bekämpfung der pflanzlichen und tierischen Schädlinge, welche die langjährigen Fehlernten zum großen Teile mitverursacht haben, erfordert.
Von den übrigen Ihnen zugegangenen Vorlagen wird der Vortrag des Landesausschusses, betreffend das „Wanderarbeitsstättengesetz“, der Vortrag über die Errichtung und den Betrieb eines Aufnahmeheims für vorschul- und schulpflichtige Fürsorge-Zöglinge Ihr Interesse vorzugsweise in Anspruch nehmen. Die Stellen des Ihnen vorliegenden Berichts über die Ergebnisse der Bezirksverwaltung vom 1. April 1909 bis Anfang 1911, welche die Unterstützung landwirtschaftlicher Meliorationen, die Aufwendungen für Verminderung der Staubentwickelung auf öffentlichen Straßen und die Denkmalpflege behandeln, darf ich weiter Ihrer besonderen Aufmerksamkeit empfehlen und schließlich noch darauf hinweisen, daß aus dem gedachten Berichte auch zu ersehen ist, welche Förderung die von Ihnen unterstützten Bemühungen zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse im Zuge der Bezirksstraße Wiesbaden-Frankfurt und das Projekt einer Rheinuferstraße zwischenzeitlich erfahren haben.
Mit dem Wunsche, meine Herren, daß Ihre Arbeit eine gedeihliche sein möge, erkläre ich den 45. Kommunallandtag für den Regierungsbezirk Wiesbaden für eröffnet.
1

Als Alterspräsident der Versammlung wirkt der 76-jährige Kommerzienrat Hermann Joseph Hummel aus Hochheim. Ihm zur Seite stehen als Schriftführer die beiden jüngsten Mitglieder des 45. Kommunallandtages, der 38-jährige Landrat des Kreises Biedenkopf Dr. Julius Daniels und der gleichaltrige Landrat des Oberwesterwaldkreises Dr. Heinrich Thon. Zum Vorsitzenden des Kommunallandtages wird in derselben Sitzung erneut Dr. Adolf Humser aus Frankfurt am Main gewählt, zu dessen Stellvertreter der Rechtsanwalt und Justizrat Dr. Alexander Alberti aus Wiesbaden. Rudolf Vogt aus Biebrich und Philipp August Groos aus Offenbach werden als Schriftführer gewählt.2

Der 45. Kommunallandtag des Regierungsbezirks Wiesbaden wird in insgesamt fünf öffentlichen Sitzungen bis zum 18. Mai 1911 tagen.

Zusammensetzung des 45. Kommunallandtages

Abt, Ferdinand (1849–1933; Privatier und Stadtrat; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Achenbach, Heinrich von (1863–1933; Landrat, jetzt Geheimer Regierungsrat; Berlin; Kreis Höchst am Main)
Alberti, Dr. Alexander (1855–1929; Rechtsanwalt und Justizrat; Wiesbaden; Kreis Wiesbaden-Stadt)
Arnold, Johannes (1858–1927; Bürgermeister; Berghofen; Kreis Biedenkopf)
Arntz, Wilhelm (1861–1942; Rentner und Stadtrat; Wiesbaden; Kreis Wiesbaden-Stadt)
Beckmann, Dr. August (1852–1914; Landrat, Geheimer Regierungsrat; Usingen; Kreis Usingen)
Berg, Ferdinand (1852–1924; Landrat, Geheimer Regierungsrat; St. Goarshausen; Kreis St. Goarshausen)
Brandis, Eberhard Freiherr von (1868–1933; Hofjägermeister; Biebrich; Kreis Wiesbaden-Land)
Braunfels, Otto (1841–1917; Geheimer Kommerzienrat; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Brüning, Dr. Gustav von (1864–1913; Generaldirektor und Kreisdeputierter; Höchst am Main; Kreis Höchst am Main)
Buchsieb, Friedrich (1856–1933; Amtsrat und Kreisdeputierter; Runkel; Oberlahnkreis)
Büchting, Robert (1861–1925; Landrat; Limburg; Oberwesterwaldkreis)
Dahl I., Jakob (geb. 1866; Landwirt; Niederhofheim; Kreis Höchst am Main)
Daniels, Dr. Julius (1873–1919; Landrat; Biedenkopf; Kreis Biedenkopf)
Duderstadt, Max (1861–1918; Landrat; Diez; Unterlahnkreis)
Eck, Adolf von (1860–1923; Rechtsanwalt und Justizrat; Wiesbaden; Kreis Wiesbaden-Stadt)
Flesch, Dr. Karl (1853–1915; Stadtrat; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Friedleben, Dr. Fritz (1853–1920; Rechtsanwalt, Geheimer Justizrat und Stadtverordnetenvorsteher; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Füller, Josef (1861–1953; Bürgermeister; Oberursel; Obertaunuskreis)
Funck, Karl (1852–1918; Kaufmann und Stadtverordneter; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Geiger, Dr. Berthold (1847–1919; Rechtsanwalt und Geheimer Justizrat; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Goll, Emil (1865–1939; Gastwirt und Stadtverordneter; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Gräf, Eduard (1870–1936; Arbeitersekretär und Stadtverordneter; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Groos, Philipp August (1845–1919; Bürgermeister; Offenbach; Dillkreis)
Grün, Karl (1851–1916; Kommerzienrat; Dillenburg; Dillkreis)
Haeuser, Adolf (1857–1938; Justizrat; Frankfurt am Main; Kreis Höchst am Main)
Hartherz, Emanuel (1842–1915; Bildhauer; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Hartmann, Wilhelm (1848–1913; Bürgermeister; Hadamar; Kreis Limburg)
Hehner, Dr. Adolf (1858–1922; Rechtsanwalt und Justizrat; Wiesbaden; Kreis Wiesbaden-Stadt)
Heimburg, Fritz von (1859–1935; Landrat und Kammerherr; Wiesbaden; Kreis Wiesbaden-Land)
Helff, Dr. Albert (1861–1945; Rechtsanwalt, Justizrat und Stadtverordneter; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Hengsberger, Dr. Adalbert (1853–1923; Stadtrat; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Herber, Franz (1846–1918; Gutsbesitzer; Eltville; Rheingaukreis)
Hertz, Moritz Philipp (1871–1940; Rechtsanwalt und stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Herz, Hermann (1870–1916; Hofrat; Weilburg; Oberlahnkreis)
Heussenstamm, Dr. Karl (1835–1913; Bürgermeister a.D.; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Himmerich, Franz (1849–1934; Kassierer; Herschbach; Unterwesterwaldkreis)
Hummel, Hermann Joseph (1834–1921; Kommerzienrat; Hochheim; Kreis Wiesbaden-Land)
Humser, Dr. Gustav (1836–1918; Rechtsanwalt und Geheimer Justizrat; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Ibell, Dr. jur. Karl von (1847–1924; Oberbürgermeister; Wiesbaden; Kreis Wiesbaden-Stadt)
Kalteyer, Josef (1852–1932; Mühlenbesitzer; Mühlen; Kreis Limburg)
Keßler, Robert († 1911; Bürgermeister und Kreisdeputierter; Marienberg; Oberwesterwaldkreis)
Knödgen, Karl Heinrich (um 1850–um 1920; Betriebsdirektor; Ransbach; Unterwesterwaldkreis)
Körner, Karl (1832–1914; Bürgermeister a.D.; Wehen; Untertaunuskreis)
Kröck, Wilhelm († 1914; Bürgermeister; Bettendorf; Kreis St. Goarshausen)
Ladenburg, Ernst (1854–1921; Kommerzienrat und Stadtverordneter; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Lasaulx, Fritz von (1870–1914; Kaufmann und Stadtverordneter; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Leichtfuß, Wilhelm (1850–1929; Bürgermeister; Idstein; Untertaunuskreis)
Lex, Adolf (geb. 1862; Landrat; Weilburg; Oberlahnkreis)
Marx, Dr. Ernst von (1869–1944; Landrat; Homburg vor der Höhe; Obertaunuskreis)
Metzler, Albert von (1839–1918; Bankier und Stadtrat; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Rupp, Fritz (1855–1926; Weißbindermeister und Stadtverordneter; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Sauerborn, Martin (1854–1921; Bürgermeister; Montabaur; Unterwesterwaldkreis)
Schaumann, Gustav (1861–1937; Stadtrat; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Schmidt, Christian Sebastian (1851–1921; Kommerzienrat; Niederlahnstein; Kreis St. Goarshausen)
Schmitt, Franz sen. (1842–1920; Hotelbesitzer; Ems; Unterlahnkreis)
Schneider, Karl (1873–1946; Bürgermeister; Steinfischbach; Kreis Usingen)
Schön, Karl (1847–1934; Bürgermeister; Netzbach; Unterlahnkreis)
Sturm, Eduard (1845–1920; Gutsbesitzer; Rüdesheim; Rheingaukreis)
Theis, Adolf (1842–1924; Rentner; Gladenbach; Kreis Biedenkopf)
Thon, Dr. Heinrich (1872–1939; Landrat; Marienberg; Oberwesterwaldkreis)
Varrentrapp, Dr. jur. Adolf (1844–1916; Bürgermeister a.D., Geheimer Regierungsrat; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main-Stadt)
Vogt, Rudolf (1856–1926; Oberbürgermeister; Biebrich; Kreis Wiesbaden-Land)
Wedel, Georg (1845–1924; Privatier und Stadtverordneter; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main)
Woell, Dr. Wilhelm (1871–1926; Stadtrat; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main)
Wollweber, Georg († 1917/18; Rentner; Rennerod; Kreis Westerburg)3
Wussow, Waldemar von (1865–1938; Landrat; Dillenburg; Dillkreis)
Zielowski, Otto (1866–1928; Redakteur und Stadtverordneter; Frankfurt am Main; Kreis Frankfurt am Main)
Zimmermann, Dr. Oskar (1856–1917; Justizrat; Homburg vor der Höhe; Obertaunuskreis)
(LV)


  1. Verhandlungen des 45. Kommunallandtags des Regierungsbezirks Wiesbaden vom 8. bis 18. Mai 1911, Wiesbaden [1911], S. 3 f.
  2. Vgl. ebd., S. 4 f.
  3. Das zweite Mandat für den Kreis Westerburg blieb in diesem Kommunallandtag unbesetzt, nachdem der Abgeordnete Leopold Rademacher (1864–1935) im September 1910 zum kommissarischen Landrat des Kreises Geestemünde im Regierungsbezirk Stade ernannt worden war.
Belege
Empfohlene Zitierweise
„Eröffnung des 45. Kommunallandtages des Regierungsbezirkes Wiesbaden, 8. Mai 1911“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/5446> (Stand: 14.6.2019)
Ereignisse im April 1911 | Mai 1911 | Juni 1911
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