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Eröffnung des 60. Kommunallandtages des Regierungsbezirkes Wiesbaden, 28. Januar 1926

Im Kommunallandtagssitzungssaal des Landeshauses in Wiesbaden wird um 18 Uhr der 60. Kommunallandtag des Regierungsbezirks Wiesbaden durch eine Ansprache des stellvertretenden Landtagskommissars, dem Regierungspräsidenten Fritz Ehrler (1871–1944) eröffnet:

Sehr verehrte Damen und Herren!
Ich habe seitens des Herrn Oberpräsidenten den ehrenvollen Auftrag erhalten, den 60. Kommunallandtag zu eröffnen und Sie zu bergüßen. Ich komme dieser Aufgabe mit um so größerer Freude nach, als es das erste Mal ist, daß mir eine solche Ehre zuteil wird, und heiße Sie herzlich willkommen.
Meine Herren, die Zeit, in der Sie zusammengetreten sind, ist furchtbar ernst, sie ist ernster, als manch einer meint. Wir haben vor dem Krieg, während des Krieges und in den Jahren nach dem Krieg bis jetzt keine so lang andauernde und so schwere Wirtschaftskrise zu verzeichnen gehabt, wie wir sie jetzt vor uns stehen haben. Die Wirtschaftslage ist unendlich traurig, das Bild, das sich zeigt, sehr, sehr niederdrückend; viele Hoffnungen, die vor kurzem noch an kleinere Ereignisse geknüpft werden konnten, haben sich nicht erfüllt, und der in den letzten Wochen so oft genannte Silberschein einer wirtschaftlichen Besserung ist auch noch nicht zu der Sonne geworden, die uns aus dem z. Zt. im Wirtschaftsleben vorhandenen Dunkel herausleuchten würde. Diese Wirtschaftsnot, im ganzen Volke gefühlt und gespürt, wirkt sich, unter erschwerten Folgen natürlich, erst recht aus in dem Teil unseres Vaterlandes, der immer noch nicht frei vom Fuße fremder Soldaten ist.
Meine Herren! Locarno? Es wurde viel geschimpft und gejubelt im Lande über Locarno. Darf ich dazu ein Wort sagen, so ist es das, daß, vom Standpunkt des Menschen aus gesehen, Locarno nur eine kleine Besserung bestehender Verhältnisse bedeutet.
Ich glaube an dieser Stelle verpflichtet zu sein, Glück zu wünschen unseren Brüdern am Rhein, die kürzlich frei geworden sind (Beifall) vom Druck der Besatzung (Beifall). Ich glaube hinzufügen zu dürfen, daß wir alle Wirtschaftsnöte gern tragen wollen, wenn der sehnlichst herbeigewünschte Zeitpunkt auch für uns kommt, an dem wir befreit werden vom Druck der Besatzung (Lebhafter Beifall!).
Es sind große Hoffnungen geknüpft worden an den Wechsel der Besatzung im Regierungsbezirk, den ich zu verwalten habe. Meine Herren, ich bin auf diesem Gebiete Skeptiker, ich glaube nicht an die Zukunftshoffnungen, die an diesen Wechsel geknüpft worden sind. Die Erfahrungen, die wir in den letzten Wochen gemacht haben, sprechen nicht dafür, daß der Druck, der auf der Bevölkerung haftet, kleiner geworden wäre (Rufe: Hört! Hört! Sehr richtig!), als er bisher war. Wir wollen hoffen, daß es besser werde, aber wir wollen nicht aufhören, zu verlangen, im Namen der Menschheit, daß dieser unwürdige Zustand – trotz aller bestehenden Verträge – endlich einmal ein Ende nimmt. (Sehr richtig!)
Ein Wort noch zu dem Sonstigen ganz kurz, was für den Regierungsbezirk von Bedeutung ist, zur Frage der Nöte, die uns der Himmel schickt, der Wassersnot, die nun in wenigen Jahren wiederholt und immer wieder den Regierungsbezirk heimgesucht hat. Meine Herren, wenn ich diesen Punkt in meiner Begrüßungsrede erwähne, so deswegen, weil ich damit verbinden möchte, die dringende Bitte, daß Sie mir helfen mögen, diese Schäden für die Zukunft auf ein Mindestmaß herabzumindern. Es muß viel mehr zur Verhütung dieser Schäden möglich sein, und ich glaube, bei gutem, schönem Zusammenarbeiten wird es möglich werden. (Sehr richtig, rechts.) Ich bin mir gar nicht im Zweifel darüber, daß die großen Aufgaben, die Ihnen für die nächste Zeit bevorstehen, die schweren Lasten, die die Verhältnisse heute notwendig machen, die Möglichkeit der Beschaffung von Mitteln außerordentlich schwierig gestalten. Aber, meine Herren, wo ein Wille ist, da ist ein Weg, und ich gebe mich der Hoffnung hin, daß es unseren vereinten Bemühungen gelingen werde, auch auf diesem Gebiete der Bevölkerung eine Befreiung von den z. Zt. bestehenden schwierigen Verhältnissen zu schaffen. Das, meine Damen und Herren, ist das Wesentliche. Besondere Vorlagen, die es notwendig machten, darauf einzugehen, sind nicht vorhanden. Ich wiederhole meine Begrüßung und wünsche Ihrer Arbeit den besten Erfolg. Ich dieser Hoffnung erkläre ich den 60. Kommunallandtag für eröffnet.
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Als Alterspräsident der Versammlung wirkt der 67-jährige Kaufmann Georg Ludwig Matthaei (Hessen-Nassauische Arbeitsgemeinschaft) aus Frankfurt am Main. Ihm zur Seite stehen als Schriftführer die beiden jüngsten Mitglieder des diesjährigen Kommunallandtages, der 30-jährige Lehrer Wilhelm Diefenbach aus Höchst und der 36-jährige Direktor Eugen Siebecke (beide SPD) aus Biedenkopf. Zum Vorsitzenden des Kommunallandtages wird in derselben Sitzung erneut Heinrich Hopf (SPD) aus Frankfurt am Main gewählt, zu dessen Stellvertreter Dr. Lorenz Ernst (Deutsche Zentrumspartei) aus Höchst. Georg Scheffler (SPD) aus Biebrich, Ludwig Hansohn (Demokratische Partei) aus Wiesbaden, Hermann Josef Geil (Zentrum) aus Oberlahnstein und Franz Kronenbitter (KPD) aus Höchst komplettieren das Präsidium als Beisitzer.2

In seiner Ansprache führt der Präsident des 60. Kommunallandtages Hopf aus:

Werte Damen und Herren! Ich danke Ihnen für die mir zuteil gewordene Ehre. Wenn auch mit Einschränkung meine Wahl vollzogen worden ist, so nehme ich doch an, daß gegen meine Person keine Bedenken vorliegen (Zuruf rechts: nein!), sondern daß sie mehr auf politischem Gebiet liegen. (Sehr richtig! rechts.)
Ich darf meinen Dank aussprechen für die Tätigkeit des Herrn Alterspräsidenten, und ich hoffe, daß er noch viele Jahre dieses Amt hier versehen möge in ungetrübter Gesundheit.
Ich begrüße insbesondere den Herrn Regierungspräsidenten und die Herren Vertreter der Regierung in meiner Eigenschaft als Präsident des Kommunallandtages. Es freut mich, daß der Herr Regierungspräsident nach kurzer Zeit seines Amtsantrittes bereits hier in unserem Kommunallandtag tätig sein kann, und ich hoffe, daß sein Wunsch, daß er in Gemeinschaft mit uns für unseren schönen Regierungsbezirk wirken kann, in reichem Maße in Erfüllung gehen möge.
Ich begrüße auch die Herren Kollegen, insbesondere die 17 neu eingetretenen – gerade ein Drittel! –, und hoffe, daß sie mit uns gemeinschaftlich und kameradschaftlich für die Interessen des Bezirksverbandes wirken werden. Ich bedaure nur so außerordentlich, daß unsere verehrte Kollegin, Frau Alken, so allein auf weiter Flur bleibt (Heiterkeit) und sich mit 51 Männern in die Arbeitsgemeinschaft finden muß. Aber ich glaube, sie wird das schon fertig bringen. (Heiterkeit.)
Leider ist einem der gewählten Abgeordneten das Schicksal zuteil geworden, nicht mehr in unserem Landtag eintreten zu können. Kurz vor der Einberufung ist der Herr Abgeordnete Lieser gestorben. Er ist uns, wenigstens den älteren Abgeordneten, kein Unbekannter; er hat bereits im Jahre 1920/21 hier mitgewirkt, und wir haben ihn als einen tüchtigen und befähigten Kommunallandtagsabgeordneten kennen gelernt. Wir werden ihn in guter Erinnerung behalten, und ich danke Ihnen, daß Sie ihm die Ehre durch Erheben von den Sitzen erwiesen haben.
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Der 60. Kommunallandtag des Regierungsbezirkes Wiesbaden tagt in insgesamt drei öffentlichen Sitzungen bis zum 30. Januar 1926.

Zusammensetzung des 60. Kommunallandtages

Sitzverteilung

Hessen-Nassauische Arbeitsgemeinschaft Stadt und Land 16
Sozialdemokratische Partei Deutschlands 16
Deutsche Zentrumspartei 12
Deutsche Demokratische Partei 4
Kommunistische Partei 4

Hessen-Nassauische Arbeitsgemeinschaft Stadt und Land

Decker, Heinrich (1867–1956; Landwirt und Kaufmann; Dörnberg; Wahlbezirk Unterlahn)
Fink, Hermann (geb. 1881; Bürgermeister und Landwirt; Seelbach; Wahlbezirk Oberlahn-Usingen)
Guckes, Wilhelm (1877–1942; Landwirt und Bürgermeister a.D.; Breithardt; Wahlbezirk Untertaunus)
Hartmann, Heinrich (1862–1938; Bauunternehmer; Wiesbaden; Wahlbezirk Wiesbaden-Stadt)
Heldmann, Dr. Heinrich (1871–1945; Senatspräsident; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Jaspert, August (1871–1841; Rektor und Stadtrat; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Krücke, Georg (1880–1961; Rechtsanwalt und Notar; Wiesbaden; Wahlbezirk Wiesbaden-Stadt)
Kupfrian, Fritz (1879–1953; Seminaroberlehrer; Dillenburg; Wahlbezirk Dillkreis)
Matthaei, Ludwig (geb. 1859; Kaufmann; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Meyer, Erich (1884–1955; Pfarrer; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Ruhl, Jean (1877–1957; Architekt; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Biedenkopf)
Rumpf, Dr. Hermann (1875–1942; Rechtsanwalt und Notar; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Schmitt II., Ludwig (1868–1945; Landwirt; Breidenbach; Wahlbezirk Biedenkopf)
Stein, Dr. Wilhelm Freiherr von (1869–1954; Amtsgerichtsrat; Wiesbaden; Wahlbezirk Wiesbaden-Stadt)
Ulrici, Werner (1877–1950; Landrat; Marienberg; Wahlbezirk Oberwesterwald)
Zorn II., Adam (1863–1930; Bürgermeister; Niederwallmenach; Wahlbezirk St. Goarshausen)

SPD

Asch, Bruno (1890–1940; Kämmerer; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Bechtel, Heinrich (1882–1962; Filialleiter; Diez; Wahlbezirk Unterlahn)
Bierbrauer, Rudolf (1884–1937; Diplom-Ingenieur; Weilburg an der Lahn; Wahlbezirk Oberlahn-Usingen)
Diefenbach, Wilhelm (geb. 1895; Lehrer; Höchst am Main; Wahlbezirk Höchst am Main)
Gräf, Adam (1882–1945; Bürgermeister; Niederselters; Wahlbezirk Limburg)
Gräf, Eduard (1870–1936; Bürgermeister; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Holl, Philipp (1879–1967; Städtischer Beamter; Wiesbaden; Wahlbezirk Wiesbaden-Stadt)
Hopf, Heinrich (1869–1929; Geschäftsführer; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Kirchner, Karl (1883–1945; Geschäftsführer; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Langgemach, Paul (geb. 1875; Stadtrat; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Plewe, Karl (geb. 1876; Stadtverordneter; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Scheffler, Georg (1877–1933; Bürgermeister; Biebrich; Wahlbezirk Wiesbaden-Land)
Schmitt, Georg (1872–1940; Landwirt und Bäckermeister; Breithardt; Wahlbezirk Untertaunus)
Schweig, Fritz (1874–1964; Schleifer; Oberursel; Wahlbezirk Obertaunus)
Siebecke, Eugen (1891–1959; Direktor; Biedenkopf; Wahlbezirk Biedenkopf)
Zimmermann, Joseph (1871–1929; Landrat; Höchst am Main; Wahlbezirk Höchst am Main)

Deutsche Zentrumspartei

Alken, Else (1877–1943; Stadtrat; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Beppler, Jean (1876–1940; Buchdruckereibesitzer; Königstein i. T.; Wahlbezirk Oberlahn-Usingen)
Dahlhoff, Heinrich (geb. 1882; Rektor; Bad Homburg; Wahlbezirk Obertaunus)
Ernst, Dr. Lorenz (1890–1977; Studienrat; Höchst am Main; Wahlbezirk Höchst am Main)
Geil, Hermann Josef (1858–1935; Maurermeister; Oberlahnstein; Wahlbezirk St. Goarshausen)
Gotthardt, Ludwig (1870–1932; Kaufmann; Limburg; Wahlbezirk Limburg)
Haenlein, Wilhelm (1876–1949; Weingutsbesitzer; Hochheim am Main; Wahlbezirk Wiesbaden-Land)
Lutsch, Wilhelm (1879–1942; Stadtrat; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Pnischeck, Edmund (1883–1954; Bürgermeister; Lorch am Rhein; Wahlbezirk Rheingau)
Roth, Heinrich (1889–1955; Arbeitersekretär; Holler bei Montabaur; Wahlbezirk Unterwesterwald)
Schieren, Dr. Martin (1886–1956; Landrat; Westerburg; Wahlbezirk Westerburg)
Schmitz, Wilhelm (geb. 1869; Landgerichtsrat; Wiesbaden; Wahlbezirk Wiesbaden-Stadt)

Deutsche Demokratische Partei

Hansohn, Ludwig (1879–1929; Ingenieur; Wiesbaden; Wahlbezirk Wiesbaden-Stadt)
Hesch, August (1870–1942; Steinhauermeister; Biebrich; Wahlbezirk Wiesbaden-Land)
Jenner, Hans (geb. 1882; Landrat; Weilburg an der Lahn; Wahlbezirk Oberlahn-Usingen)
Trumpler, Prof. Dr. Hans (1875–1955; Syndikus; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)

Kommunistische Partei

Bach, Theodor (1879–1945; Weißbinder; Dotzheim; Wahlbezirk Wiesbaden-Land)
Drewanz, Johannes (geb. 1896; Packer; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
Kronenbitter, Franz (1887–1952; Schlosser; Höchst am Main; Wahlbezirk Höchst am Main)
Lang, Konrad (1885–1963; Monteur; Frankfurt am Main; Wahlbezirk Frankfurt am Main)
(LV)


  1. Verhandlungen des 60. Kommunallandtags des Regierungsbezirks Wiesbaden vom 28. bis 30. Januar 1926, Wiesbaden [1926], S. 5 f.
  2. Ebd., S. 6-9.
  3. Ebd., S. 7.
Belege
Empfohlene Zitierweise
„Eröffnung des 60. Kommunallandtages des Regierungsbezirkes Wiesbaden, 28. Januar 1926“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/5442> (Stand: 19.10.2019)
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