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Nuklearkatastrophe in Tschernobyl, erhöhte Strahlenwerte auch in Hessen, 26. April 1986

Infolge schwerwiegender Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften kommt es während einer Testsimulation im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl zu einer Explosion des Kernreaktors. Innerhalb der folgenden zehn Tage wird eine große und gesundheitsschädliche Menge radioaktiver Substanzen in die Erdatmosphäre freigesetzt. Auch in Deutschland, wo man erst zwei Tage später von dem Reaktorunfall erfährt, werden erhöhte Werte an Radioaktiv gemessen, besonders betroffen sind Regionen Süddeutschlands.1 Am 1. Mai wird in Offenbach ein Radioaktivitätswert von 77,7 Becquerel gemessen, etwa das Zwanzigfache der normalen Belastung, die bei vier Becquerel liegt. Bis zum 4. Mai sinkt dieser Wert laut dem Deutschen Wetterdienst wieder auf 5,7 Becquerel.2 In Darmstadt werden am 3. Mai 121 Bequerel gemessen, ein Wert, der erstmals höher ist, als die Werte, die in den 1960 Jahren nach Atomwaffenversuchen in der Bundesrepublik gemessen wurden.3 Die Bundesregierung leitet entsprechende Maßnahmen ein, das Bundesgesundheitsministerium veranlasst Einschränkungen für Agrarimporte aus Polen und der Sowjetunion. Frischprodukte wie Milch, Obst, Gemüse, Fleisch und Geflügel dürfen aus beiden Ländern nur noch in die Bundesrepublik eingeführt werden, wenn sie von den zuständigen Lebensmittelüberwachungsbehörden der Länder vorher auf mögliche radioaktive Belastung kontrolliert worden sind.4 Am 6. Mai wird jedoch bekannt, dass 87 Milchproben, die im Auftrag des hessischen Sozialministeriums in landwirtschaftlichen Betrieben und Molkereien entnommen wurden, 18 wegen zu hohen Gehalts an Radioaktivität beanstandet worden sind. Die Milch wird daraufhin beschlagnahmt und darf nicht als Frischmilch in den Handel gebracht werden. Landwirte werden dazu aufgerufen, ihre Milchkühe vorerst nicht draußen weiden zu lassen.5

Auch in politischer Hinsicht hat der Reaktorunfall in Tschernobyl Konsequenzen: Sofort nach Bekanntgabe des Unglücks finden bundesweite Proteste für den Atomausstieg statt. Am 4. Mai finden sich in Frankfurt am Main Demonstrant*innen an der Paulskirche zusammen, die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet hierzu: „Mit Manon Tuckfeld, einer Stadtverordneten der Grünen, an der Spitze setzte sich der Protestzug schließlich kurz nach zwölf Uhr mittags auf der Berliner Straße Richtung Hauptwache in Bewegung. Mitmarschierer waren die Grünen Jutta Ditfurth und Manfred Zieran, auch der frühere Frankfurter Magistratsdirektor Alexander Schubart fehlte nicht. Die Parolen auf den Transparenten reichten von ‚Alkem/Nukem: Deutsche Bombengeschäfte mit Uran aus Namibia‘ bis zu ‚Freiheit für alle – Kernreaktoren, brennt durch!‘ Bei den Sprechchören mischten sich in das schon ausgeleierte ‚Aufruhr, Widerstand, es gibt kein ruhiges Hinterland‘ auch neue Zeilen wie ‚Nukem, Alkern, Biblis weg – alles ist der gleiche Dreck‘.6 Die Demonstration wird organisiert von einem breiten Bündnis bestehend aus den Grünen, der AStA der Fachhochschule, der Bürgerinitiative gegen die Flughafenerweiterung und andere Gruppierungen. Ein offizieller Aufruf macht deutlich: „Bei Tschernobyl in der Ukraine ist passiert, was es eigentlich nach Meinung von Experten gar nicht geben kann: Der Reaktorkern eines Atomkraftwerks ist durchgeschmolzen ... Dies kann entgegen allen Beteuerungen von Betreibern und Politikern auch jederzeit bei uns geschehen.7 Kritische Stimmen kommen derweil auch von der Südhessischen SPD, die feststellt, „die Behörden hätten der von Tschernobyl ausgehenden Gefahr völlig hilflos gegenübergestanden“ und eine ausreichenden Zahl von Meßstellen in der Bundesrepublik fordert.8 Von offizieller Seite, den Gesundheitsämtern und dem hessischen Sozialminister Armin Clauss (SPD), heißt es derweil, dass „überhaupt keine Besorgnis hinsichtlich einer ernsthaften Gefährdung der Bevölkerung“ notwendig sei.9
(NT)


  1. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.4.1986, S. 1: Moskau gibt Unfall in Atomkraftwerk zu.
  2. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.5.1986, S. 33: Die Bevölkerung nicht über Gebühr nervös machen.
  3. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.5.1986, S. 2: „Gemüse etwas gründlicher waschen“.
  4. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.5.1986, S. 1: Strahlen-Messung an der Grenze.
  5. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.5.1986, S. 29: Die Molkereien müssen jede Milchlieferung analysieren lassen.
  6. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.5.1986, S. 33: Demonstranten fordern Stillegung aller Atomanlagen.
  7. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.5.1986, S. 42: Gegen Startbahn und Kernkraftwerke.
  8. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.5.1986, S. 33: Demonstranten fordern Stillegung aller Atomanlagen.
  9. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.5.1986, S. 33: Die Bevölkerung nicht über Gebühr nervös machen.
Belege
Weiterführende Informationen
Empfohlene Zitierweise
„Nuklearkatastrophe in Tschernobyl, erhöhte Strahlenwerte auch in Hessen, 26. April 1986“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/5601> (Stand: 13.10.2020)
Ereignisse im März 1986 | April 1986 | Mai 1986
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