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Bericht über die Lage in Frankfurt, 1. August 1945

Die Gewerkschafterin Anna Beyer berichtet Willi Eichler1 über die Zustände in Frankfurt am Main. Sie thematisiert vor allem den Wiederaufbau der Gewerkschaften:

Lieber Willi,

wie es in Frankfurt aussieht, habe ich Dir schon vor einiger Zeit erzählt.2 Ich hoffe, Du hast den Brief bekommen. So hoffe ich auch, von Dir in einiger Zeit einmal etwas zu hören. Schlimm ist das Gefühl noch immer so sehr, von aller Welt abgeschnitten zu sein. Gibt es schon keine Post, so sind auch sonst die Nachrichten sehr spärlich. Am Radio kann ich nur Frankfurt hören, und die Zeitung verrät nicht viel. [...] Die Bekannten von anderen Städten kommen, hinterlassen einen Zettel, daß sie dagewesen sind und hauen wieder ab. Unsere gemeinsamen Freunde von drüben, die mich öfter besuchen wollten, lassen sich auch nicht sehen. Da sie eigene Reisemöglichkeiten haben, sollte es für sie leichter sein zu reisen. Auch von Hanna [Bertholet]3 habe ich schon seit Mitte Juni nichts mehr gehört. Ich hoffe, sie ist gesund.

Nun einiges über meine Arbeit. Ich wurde hier mit etwas Mißtrauen aufgenommen, nicht nur, weil ich von draußen kam und viele erst kennenlernen mußte, sondern auch, weil man so etwas wie Konkurrenz witterte. Dazu kam, daß 14 Tage vorher Hermann [Salomon]4 und Paul [Kronberger]5 hier ankamen, die nicht ihre richtigen Personalien und auch nicht ihre richtige Geschichte erzählen konnten. Eine Sache, die ihnen die Freunde von drüben eingebrockt haben. Bei meinem ersten Besuch im Gewerkschaftsbüro kam ich dazu, als sie eine heftige Auseinandersetzung mit Schäffer6 und Richter, der Leitung der Gewerkschaft, hatten. Es ging dabei um ihre Einordnung in die Arbeit und um ihre Anerkennung als Vertreter des IGB. Die Kollegen wollten, daß sie sich einordnen und daß sie alle Berichte zu Gesicht bekommen. Als Vertreter des IGB könnten sie uns nicht anerkennen, dazu wäre ein Ausweis nötig. – Mir versicherte Schäffer später, daß ich völlig legitimiert sei und als Mitglied willkommen. Es war gut, daß ich in Gegenwart von Schäffer alte Bekannte begrüßen konnte.

Eine meiner Arbeiten besteht nun darin, Betriebsobleute in den Betrieben zu besuchen, die Betriebsvertretung mit neuen Kollegen, z.B. Technikern, zu erweitern. Diese Kollegen dann zu einer Besprechung einzuladen und mit ihnen ihre Probleme zu besprechen. An solchen Sitzungen, die mit allen Betriebsvertretungen gemacht werden, nehmen etwa 25-35 Kollegen teil und finden sehr häufig statt. Ich kann nicht genau sagen, wieviele es insgesamt sein werden, aber es sind gewiß einige Hundert. Im Augenblick wird hauptsächlich in diesen Diskussionen die Betriebsreinigung diskutiert. Du kannst Dir denken, daß es dabei viele Schwierigkeiten gibt. Bei einigen Metallfirmen, wie z.B. Voigt & Häffner, hat der Betriebsrat sehr gut gearbeitet und durch sein gründliches und genaues Vorarbeiten schon eine ganze Anzahl Nazis aus dem Betrieb herausgebracht, während in der Bauindustrie, z.B. Wayß & Freytag und Holzmann AG, immer noch sehr viele Nazis beschäftigt sind und der Betriebsrat auch nicht die Courage hat, energisch etwas dagegen zu unternehmen. – Der andere Diskussionspunkt, der immer wiederkehrt, ist der, welches sind die Richtlinien, und wann kommen sie? Sie alle möchten etwas zur Rückenstärkung haben, um sich bei der Belegschaft und bei ihren Chefs durchzusetzen. Da die Gewerkschaften bis jetzt nicht erlaubt sind, weigert sich die Leitung, irgendwelche Richtlinien herauszugeben. Damit komme ich zu den Funktionären. Bis vor einigen Wochen hatte noch keine gemeinsame Sitzung der Funktionäre stattgefunden, in der der Aufbau oder sonst irgendwelche Richtlinien besprochen worden wären. In der Diskussion mit einem Kollegen habe ich solche Besprechungen angeregt, sie finden jetzt auch wöchentlich statt, und alle (30-35), die daran teilnehmen, sind erfreut über diese Einrichtung. In dieser Woche habe ich über unsere Arbeit und die der Internationale berichtet. In diesen Besprechungen werden auch die Fragen des Aufbaus usw. besprochen. Ich hoffe, daß wir auf die Dauer nicht nur mit unserem Material aus England zu arbeiten haben, sondern auch bald zu örtlichen Richtlinien kommen werden. – Der Verkehr mit den Betriebsräten oder auch, weil das Wort „Räte“ zu anstößig erscheint, auch Betriebsvertretungen, ist also bis jetzt nur ein persönlicher. Eine Ausnahme machen die Eisenbahner. Bei ihnen arbeiten die Christlichen sehr aktiv mit. Sie fühlen sich auch als eine geschlossene Gewerkschaft. Da sie eigene Druckmöglichkeiten haben, geben sie ein Mitteilungsblatt für ihre Funktionäre heraus. [...]

Auch diese Kollegen sind grundsätzlich für eine Einheitsgewerkschaft. Es wird jedoch oft kritisiert, und ich glaube mit Recht, daß als Vertreter der Gewerkschaft bei den Amerikanern nur zwei Freie Gewerkschafter auftreten. Diese beiden, Schäffer und Richter, betonen ihrerseits immer wieder, sie seien die Treuhänder und müßten es bleiben, bis die Gewerkschaften erlaubt seien und gewählt werden dürfte. Ich habe den Eindruck, Schäffer und Richter arbeiten noch etwas zu sehr nach der Methode von vor 1933. Sie sind sehr darauf bedacht, keine Konkurrenz aufkommen zu lassen. Ich glaube, im Augenblick besteht die Gefahr einer Konkurrenz nicht so sehr. Erst dann, wenn sie viele Kollegen, z.B. die Christlichen, verärgert haben und sie anfangen, wieder ihre eigene Gewerkschaft aufzumachen. (Nach dem Zusammenbruch sollen 36 Anträge auf Neuerrichtung der Gewerkschaften eingegangen sein.) Die Christlichen und auch die Kommunisten haben sich auf eine Einheitsgewerkschaft festgelegt.

Die Gewerkschaftsarbeit wird noch immer ehrenamtlich gemacht und gespeist von einem Fond freiwilliger Spenden. Nur die Eisenbahner und auch die Post haben eine Aufbauspende gemacht. Bei den Eisenbahnern sollte jeder M 1.– zahlen. (Die Bahn hat etwa 6000 Beschäftigte.)7

Ich schrieb Dir schon, die Sozialistische Union“8 ist hier an Stelle der alten SP getreten. Kurz nach dem Zusammenbruch war es Kettel gelungen, das Londoner Unionsprogramm drucken zu lassen. Dadurch wurde es das erste Material und von vielen mit Freude aufgenommen. Leider konnte das Sofortprogramm nicht in die Tat umgesetzt werden. Es war keine gute Organisation da, nur die Antifa, über die schrieb ich schon früher,9 und die Amerikaner waren schneller da, als bis es gelungen wäre, eine gut funktionierende Arbeit auf die Beine zu bringen.

Knothe hat die Leitung der Union hier in die Hand genommen und sehr fleißig gearbeitet. Ein Aktionsausschuß, der Knothe zur Seite steht (sieben Mann), scheint mir ein rechtes Schattendasein zu führen. Knothe sagt so gern, hier hab ich zu sagen! – Seine Freunde im Ausland scheinen ihn nicht sehr zu interessieren. Allerdings soll er zu Hermann gesagt haben, er hätte den Auftrag gegeben, daß Walter Lob nach Frankfurt zurückgebracht werden soll, um Bürgermeister zu werden. Aus diesem Plan wurde nichts, weil angeblich der englische Offizier, der ihn holen sollte, ihn nicht gefunden hat.

So sind die Frankfurter! Im Augenblick ist eine lebhafte Diskussion im Gange, ob man die Union nicht in Sozialistische Partei umtaufen solle. Das ist nicht nur eine Äußerlichkeit. Hier ist nämlich ein MdR, Dr. Schumann,10 aufgetaucht. Nach einem Bericht von Rauschenplat soll er lange in Stuttgart vor 1933 gearbeitet haben. Unter den Nazis war er acht Jahre eingesperrt und hat danach in Hannover gelebt und soll dort wie auch in Stuttgart sehr beliebt sein. Schumann reist nun im Land herum, um die SP zu organisieren. Zu diesem Zweck hat er sich von einigen Orten das Mandat geben lassen, als Reichsleitung auftreten zu dürfen. Schumann war auch in Frankfurt, und Knothe soll begeistert von ihm gewesen sein. Einwände seiner engen Mitarbeiter, daß der Mann nicht bekannt sei, hat er abgewehrt. Er kommt doch von der Leitung.

In der Stadt oder vielmehr in den Außenbezirken der Stadt organisieren sich die früheren Genossen langsam wieder. Sie kommen in kleinen Gruppen zusammen. Interessieren tun vor allem praktische Fragen, manchmal sehr primitiv, stellen sie sich vor, schon wieder in ihren früheren Bezirken Agitation machen zu können, wie man das in der Weimarer Zeit gewohnt war. Politisch wollen sie alle etwas Neues. Wie das Neue aussehen soll, wissen sie nicht, aber

die alte SP darf es nicht sein. Leider ist das Unionsprogramm nur sehr wenig bekannt. Es wäre ein neues Sofortprogramm, bei dem die neuen Verhältnisse berücksichtigt sind, sehr, sehr nötig. Der Dir vielleicht bekanntgewordene Programmentwurf aus Neu-Isenburg stammt von bürgerlich-nationalistisch großgewordenen Leuten, kann also nicht als Gedankengut der sozialistisch gebliebenen Bewegung angesehen werden.

Ab 1. August kommt eine von Deutschen gemachte Zeitung heraus.11 Von den sieben Redakteuren12 sind drei SP, drei KP und einer Zentrumsmann. [...] Man verspricht sich von der Zeitung nicht, daß man alles sagen kann, was man möchte, hofft aber doch, einiges zur Information und zur Beeinflussung sagen zu können.

Ebenso singt der Gesangverein wieder. Auch die Freien Turner nehmen ihre Arbeit wieder auf. – Am 29.7. fand eine Totenfeier für die im KZ und im Zuchthaus gestorbenen Genossen statt. Die Teilnahme erfolgte auf besondere Einladung. An der Feier nahmen etwa 250 Menschen teil. Wilhelm Knothe und Oskar Müller (KP) haben gesprochen. Die Musik war sehr gut ausgesucht. Die Feier machte einen würdigen Eindruck.

Die Kommunisten arbeiten auch wieder auf ihre Art. Aus der Schweiz haben sie zwei Leute hier: Hans Wolf und Walter Fisch. Ihre Verbindung geht wohl von Stuttgart nach Frankreich. Örtlich hatten sie ihre ersten Ansätze in der Antifa, später dann in den Dreierausschüssen,13 die als Berater der Polizei arbeiteten. Jetzt sind auch diese Ausschüsse aufgelöst. Heute versuchen sie, sich auch in den Außenbezirken in kleinen Gruppen zu organisieren. Politisch war man sich in der Schuldfrage noch nicht ganz einig. Doch scheint es mir, daß sie sich langsam nach der Londoner Linie hin ausrichten.14 Politisch arbeiten sie mit der Parole, wenn erst einmal die Russen in Frankfurt sein werden, dann wird es viel besser sein. Gewerkschaftlich wollen sie in der Einheitsgewerkschaft arbeiten und politisch so eng als möglich mit den Sozialisten. Die Kommunisten haben viel Material im Umlauf. In einer Fabrik sah ich eine gedruckte Broschüre über die ersten Kriegsverbrecherprozesse. Dann verteilen sie eine Zeitung „Die Einheitsgewerkschaft“. Herausgegeben von den Deutschen Gewerkschaftern in Frankreich. Ebenso haben sie einen programmatischen Aufruf an das deutsche Volk von Berlin im Umlauf.

Auch die Katholiken versuchen, mit den evangelischen Überresten zu einer Einigung zu kommen. Ich sprach mit einem christlichen Gewerkschafter, der mir erzählte, sie arbeiten in Fachausschüssen, Wirtschaft, Kultur usw, um zu einem gemeinsamen Programm zu kommen. Die ersten Vorschläge für ein neues Programm der christlichen Konzentration liegen schon vor. Das nächste Mal werde ich Dir mehr davon berichten.

Außer diesen schon politisch Festgelegten gibt es die große Zahl der Abwartenden. Und oft hört man die Meinung, ich gehe niemals mehr in eine Partei.

Nun etwas über die Arbeit in der Stadt selber. Der Leiter des Arbeitsamtes ist ein früherer

SP-Genosse.15 Im Laufe der Wochen sind einige andere seiner Freunde mit in die Arbeit hineingekommen. Doch befinden sich an führender Stelle immer noch Nazis. Dies macht es den Genossen schwer, erstens mit der Säuberung im Arbeitsamt durchzugreifen und zweitens Nazis zu unangenehmen Arbeiten heranzuholen oder ihre Entlassung aus einem Betrieb zu verlangen. Über den Arbeitseinsatz sind jetzt die ersten amtlichen Verordnungen herausgekommen. [...] Es ist z.B. vorgekommen, daß die Nazis (Facharbeiter) aus einem Betrieb entlassen wurden, ein anderer, Nazibetrieb, hat sie wieder eingestellt, ohne daß durch das Arbeitsamt bis jetzt etwas unternommen wurde.

Die Freunde, die in der Polizei tätig sind, beklagen sich sehr, daß sie große Schwierigkeiten bei der Festsetzung der Nazis haben. Die Amerikaner haben dabei ihre eigene Methode. Oft entlassen sie Nazis wieder, die einen Tag vorher von ihren deutschen Kollegen festgesetzt wurden, ohne ihnen Mitteilung von der Wiederentlassung zu machen. Daß viele Gestapoleute noch frei herumlaufen, ist sicher bekannt. Und die festsitzen, behaupten natürlich, ganz harmlos zu sein. Außerdem wurde darüber geklagt, daß es so wenig Reisemöglichkeiten gebe, um nach flüchtigen Nazis zu suchen.16

Nun noch kurz von unseren Freunden hier einiges. Seppel Kudrnowski ist noch der alte Friedensfreund und bemüht sich sehr zu helfen und bemüht sich auch, die Friedensgesellschaft wieder aufzubauen. Er glaubt, damit einige Aussicht auf Erfolg zu haben. Egon Alfhart hat sich beim Einmarsch der Amerikaner gestellt. Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört. Er kam wahrscheinlich in ein Gefangenenlager. Mit Heini Meyer habe ich gute Verbindung. Mit seiner Verbindung werden wir einen Wagen bekommen, um etwas mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Einige unserer jüngeren Freunde sind noch sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Ich habe den Eindruck, als müßten sie erst langsam wieder in die politische Arbeit hineinwachsen. Es sind aber auch einige Freunde da, mit denen eine engere Arbeit wohl möglich wäre. Ich vergaß noch Erich Wettig. Bis jetzt habe ich ihn einmal gesehen. Er ist auch sehr mit sich und seiner Familie beschäftigt. Er möchte wohl nicht jetzt wieder politische Arbeit machen. Lissy Alfahrt wie auch Egon hatten sich sehr zurückgezogen und haben Knigge abgewiesen, obwohl er sich sehr gut ausgewiesen hatte. Lissy bedauert das heute, nachdem sie weiß, wieviel sie uns damit hätten helfen können.

Für die Arbeit hier wäre es sehr gut, wenn noch jemand nach hier kommen könnte.

Erich Schuchardts Schwester habe ich besucht. Sie freuen sich schon, wenn Erich zurückkommt.

Dies für heute mit sehr herzlichen Grüßen an Dich und alle unsere Freunde

Anna


  1. Willi Eichler wurde am 7. Januar 1896 als Sohn eines Postbeamten und kaufmännischen Angestellten in Berlin geboren. Der gelernte Kalkulator nahm von 1915 bis 1918 als Soldat in Russland und Frankreich am Ersten Weltkrieg teil. 1919 kam er in Kontakt mit der Lehre Leonard Nelsons, wurde Mitglied der SPD und des Internationalen Jugendbundes (IJB), wo er zunächst als stellvertretender Berliner Ortsgruppenleiter fungierte, sich daneben aber auch in der Bildungsarbeit engagierte. 1922 ging er in die Walkemühle und war fortan hauptberuflich im IJB tätig. Während er in Göttingen von 1923 bis 1927 als Privatsekretär Nelsons arbeitete, gehörte er dem IJB-Vorstand an und war von 1924 bis 1925 Zweiter Vorsitzender des Deutschen Freidenkerverbandes in Göttingen. Nach 1927 war er faktisch ISK-Vorsitzender und deutscher Vertreter der „Militant Socialists International“. Ab 1929 gab er die Zeitschrift „isk“ heraus, von 1932 bis 1933 die Zeitung „Der Funke“ . Im Dezember 1933 wanderte er über das Saarland nach Paris aus, um dort die ISK-Emigrationszentrale aufzubauen. Durch Kontakte zu Edo Fimmen ergab sich eine Zusammenarbeit mit der ITF. Eichler war Herausgeber der „Neuen politischen Briefe“ (später Reinhart-Briefe), der „Sozialistischen Warte“ (1934–1940), „Le Rappel“ (1938) und „Das Buch“ (1938–1940). Zudem engagierte er sich im Arbeitsausschuss deutscher Sozialisten und für die Revolutionären Sozialisten Österreichs. Als ihn die französischen Behörden im April 1938 wegen politischer Betätigung auswiesen, ging er zunächst bis Januar 1939 nach Luxemburg, dann nach London. Auch dort hatte Eichler die zentrale Rolle im ISK inne, zunächst ab 1941 als Mitherausgeber – neben Werner Hansen – der ISK-Zeitschriften „Renaissance“ und „Europe Speaks“ und Verfasser zahlreicher ISK-Broschüren, ab 1942 auch als Mitarbeiter der German Educational Reconstruction sowie der Deutschlandabteilung der BBC. Noch 1941 trat er mit dem ISK in die Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien ein, außerdem in die Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien. Kurz vor Kriegsende, im Februar 1945, gab er das gewerkschaftliche Deutschlandprogramm der Gruppe mit heraus. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland trat Eichler, der seit Dezember 1945 der Vereinigung deutscher Sozialdemokraten in Großbritannien angehörte, in die SPD ein und wurde Anfang 1946 Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“ in Köln. Außerdem schrieb er als Redakteur für die Zeitschrift „Geist und Tat“ und von 1945 bis 1949 für die SPK. Er war führend am Aufbau der rheinischen SPD beteiligt; darüber hinaus wirkte er von 1946 bis 1968 im Parteivorstand der SPD und beeinflusste später maßgeblich die Ausarbeitung des Godesberger Programms der SPD von 1959. Sein Wirkungskreis erstreckte sich aber noch weiter, so war Eichler Mitglied des Landtags in Nordrhein-Westfalen (1947–1948), des Frankfurter Wirtschaftsrates (1948–1949 ), des Bundestages (1949–1953) sowie des Europarats. Außerdem war er in der Sozialistischen Internationale sowie im Vorstand der Friedrich-Ebert-Stiftung aktiv. Willi Eichler starb am 17. Oktober 1971 in Bonn. Rüther/Schütz/Dann, Deutschland im ersten Nachkriegsjahr, München 1998, S. 554 f.
  2. Vgl. den Bericht von Anna Beyer vom 12. Juni 1945.
  3. Hanna Bertholet, geboren am 24. Januar 1901 als Tochter des Schneidermeisters Fortmüller in Hannover, ließ sich zur Sekretärin ausbilden. Über Kontakte zu Leonard Nelson stieß sie 1927 zum ISK, ging als Schülerin in die Walkemühle und wirkte anschließend bis 1933 beim ISK-Organ „Der Funke“ in Berlin mit. Diese Arbeit führte sie nach ihrer Auswanderung nach Paris, wo sich bis 1939 das Emigrationszentrum des ISK befand, fort und schrieb außerdem für die Zeitschrift „Sozialistische Warte“. Ebenfalls in Paris heiratete Hanna Fortmüller René Bertholet. Nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich 1940 flüchtete sie in die Schweiz, von wo aus sie die illegale Arbeit in Deutschland und Frankreich unterstützte . Sie unterhielt Verbindungen zum SAH und engagierte sich nach Kriegsende für die Hilfsaktion Colis Suisse zur Bekämpfung des Elends in Deutschland. Außerdem arbeitete sie bei der Zeitschrift „Geist und Tat“ mit, war Geschäftsführerin der EVA und des Verlags Öffentliches Leben. Zusammen mit René Bertholet ging sie 1959 nach Brasilien und war dort in der Landkommune Pindorama aktiv. Hanna Bertholet starb am 14. Juli 1970. Rüther/Schütz/Dann, Deutschland im ersten Nachkriegsjahr. Berichte von Mitgliedern des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) aus dem besetzten Deutschland 1945/46, München 1998, S. 552.
  4. Hermann Salomon (geb. 9.3.1877 in Kiel, † 30.1.1960): Buchdrucker. SPD, ab 1894 Verband Deutscher Buchdrucker (VDB). 1904–1910 Vorsitzender des Ortskartells der Freien Gewerkschaften in Hanau. 1905–1911 Stadtverordneter und Fraktionsvorsitzender der Hanauer SPD. 1906–1910 Leiter des Hanauer VDB-Ortsverbandes. 1918–1919 Zweiter Vorsitzender und Parteisekretär der SPD Hanau. 1919–1920 Angestellter beim Einheitsverband der Eisenbahner Deutschlands (EED) in Berlin, für diesen 1920 Bezirksleiter in Gleiwitz und Kattowitz. 1924–1932 Ortsbevollmächtigter des EED in Frankfurt am Main, 1932–1933 EED-Bezirksleiter für die Reichsbahndirektion Frankfurt/Oder. Nach 1933 verhaftet, Anfang 1945 Konzentrationslager Theresienstadt. Ab Juni 1945 Angestellter bei der Gewerkschaft der Eisenbahner in Frankfurt am Main 1946 im Vorbereitenden Vorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes Hessen und bis 1948 Leiter der Gewerkschaft der Eisenbahner in Hessen. 1946–1948 ehrenamtliches Mitglied des Frankfurter Magistrats. Danach Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) für die Bizone. 1948–1951 für die GdED Bezirksleiter in Frankfurt am Main. Rüther/Schütz/Dann, Deutschland im ersten Nachkriegsjahr. Berichte von Mitgliedern des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) aus dem besetzten Deutschland 1945/46, München 1998, S. 614 f.
  5. Paul Kronberger (1897–1955): Bankkaufmann. 1913 im Allgemeinen Verband der Deutschen Bankangestellten. 1922 SPD, 1931 SAP. November 1933 verhaftet und bis 1935 im Konzentrationslager Sachsenhausen und im Zuchthaus Tegel. Emigration in die Tschechoslowakei, 1935 ausgebürgert, 1938 nach Großbritannien. Mitarbeit in der Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien. 1945 Rückkehr nach Deutschland, SPD und 1946 im Vorbereitenden Vorstand des Freien Gewerkschaftsbundes (FGB) Hessen, 1947 stellvertretender Vorsitzender und Kassierer. Ab 1946 Leiter der Landesgewerkschaft Banken und Versicherungen im FGB Hessen. 1948–1953 Bezirksleiter der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft in Hessen. Rüther/Schütz/Dann, Deutschland im ersten Nachkriegsjahr, S. 596.
  6. Fritz Schäffer: Vor 1933 Sekretär des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes der Ortsverwaltung Frankfurt. Ab Juni 1945 im Beirat von Oberbürgermeister Hollbach für Entnazifizierung und Wiederaufbau. Aktiv in der Antifaschistischen Organisation im Riederwald. Schon vor der offiziellen Genehmigung durch die Militäradministration (15. November 1945) Verbindung zu Frankfurter Betrieben, leitete bis Dezember 1945 die entstehende Metallgewerkschaft in Frankfurt. Im Januar 1946 im Betriebsrat der Buderuswerke. Rüther/Schütz/Dann, Deutschland im ersten Nachkriegsjahr, S. 615.
  7. Handschriftlicher Zusatz: „Der Name Freier Deutscher Gewerkschaftsbund darf nicht mehr benutzt werden.“
  8. Die „Union der Sozialisten“ wurde Ende Mai 1945 von Wilhelm Knothe ins Leben gerufen. Ziel war die Errichtung einer politischen Einheitsfront von SPD, ISK und SAP. Trotz enger Zusammenarbeit mit der KPD wollte die Union ein Gegengewicht zu kommunistischen Aktivitäten liefern. Vgl. Antifaschistische Organisationen und Tendenzen im Frankfurter Raum 18.6.1945; in: Borsdorf, Befreiung, S. 95.
  9. Vgl. den Bericht von Anna Beyer vom 12. Juni 1945.
  10. Handschriftlich korrigiert: „Schumacher“.
  11. Gemeint ist die „Frankfurter Rundschau“.
  12. Gemeint sind offenbar die sieben Lizenzträger: Wilhelm Knothe, Hans Etzkorn und Paul Rodemann (alle SPD), Emil Carlebach, Arno Rudert und Otto Grossmann (alle KPD) sowie Wilhelm Karl Gerst (1887–1968; Zentrum).
  13. Die Dreier- oder Vierergruppen standen an der Spitze des jeweiligen Antifaausschusses. Sie leiteten die örtlichen Aktivitäten, besonders die Verhaftung und Auslieferung von Nationalsozialisten. Die Gruppen waren um paritätische Besetzung (SPD, KPD, Zentrum) bemüht, meist aber waren Kommunisten in der Mehrheit. Die Sozialdemokraten kamen hauptsächlich vom linken Parteiflügel. Vgl. Arbeiterinitiative 1945, S. 432 f.
  14. Zum Schuldverständnis der Frankfurter Antifagruppen vgl. Borsdorf, Befreiung, S. 93 f. Zur Londoner Linie vgl. Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien, Die Gewerkschaften im neuen Deutschland. Verfaßt Ende Juni 1943 in London. Für einen Abdruck vgl. Hessische Gewerkschafter im Widerstand, S. 252-258.
  15. Gemeint ist Heinrich Sauer.
  16. Der folgende Schluß des Berichts wurde handschriftlich verfasst.
Belege
Empfohlene Zitierweise
„Bericht über die Lage in Frankfurt, 1. August 1945“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/5632> (Stand: 16.11.2020)
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