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Kurfürstentum Hessen 1840-1861 – 52. Ziegenhain

Ziegenhain

Stadtteil · 212 m über NN
Gemeinde Schwalmstadt, Schwalm-Eder-Kreis 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Stadt

Lagebezug:

3,4 km östlich von Treysa.

Lage und Verkehrslage:

Stadt mit komplexem Grundriss am Nord-Rand des Ziegenhainer Beckens in der hochwassergefährdeten Schwalmniederung.

Den Siedlungskern von Ziegenhain bildet der von 2 Schwalmarmen sowie dem kleinen Wallgraben umfasste Stadtteil Festung. An dessen Nord-Rand das als fünfseitige Anlage erbaute ehemalige Schloss mit westlich angehängtem Renthof (heute Strafanstalt); davor die von der Stadtpfarrkirche und weiteren Gebäuden umstandene Freifläche des ehemaligen Paradeplatzes. Südlich und besonders südöstlich des Platzes dichte Bebauung mit teilweise enger Gassenführung. Mit seinem halbkreisförmigen Umriss folgt dieser Siedlungskomplex dem Verlauf der frühen, in Resten noch erhaltenen Stadtummauerung.

An den Stadtteil Festung angehängt ist die Vorstadt Weichaus, die sich in linearer Ausrichtung entlang der Wiederholdstraße und der im stumpfen Winkel davon abknickenden Kasseler Straße (beide als Teilstück der Bundesstraße 254) erstreckt.

Jüngere und moderne Bebauung entlang der nach Treysa führenden Bundesstraße 454 sowie ansatzweise südlich des Stadtteils Festung im Bereich der Domäne Schafhof.

a) Historischer Straßenverkehr:

Durch Ziegenhain führte der südliche Strang der alten Landstraße durch die Langen Hessen, der aus dem Rhein-Main-Gebiet über Grünberg, Homberg (Ohm) bzw. Kirtorf und Willingshausen Ziegenhain erreichte.

Auf diesen Strang traf beim Schafhof südlich der Stadt einer der nördlichen Zweige der Langen Hessen aus Richtung Kirchhain/Neustadt.

Beide Straßenzüge wurden nordöstlich des alten Stadtgebietes von Ziegenhain durch den von Treysa kommenden Hauptstrang der nördlichen Langen Hessen gekreuzt, der nach Hersfeld [= Bad Hersfeld] und weiter nach Mitteldeutschland führte und damit zugleich ein Teilstück der alten Messestraße Köln - Leipzig bildete.

b) Moderner Straßenverkehr:

Teilweise im Zuge dieser alten Messestraße verläuft die heutige Bundesstraße 454.

Die Bundesstraße 454 wird am Ost-Rand von Ziegenhain gekreuzt von der Bundesstraße 254.

Darüber hinaus bestehen Straßenverbindungen zu allen umliegenden Orten.

c) Schienenverkehr:

0,8 km südlich der Stadt befindet sich der Bahnhof der Eisenbahnlinie Bad Hersfeld - Schwalmstadt/Treysa von 1907 bis zur Stillegung der Strecke am 10. September 1984 (Bahnhof Ziegenhain Süd).

2 km nördlich von Ziegenhain Bahnhof der 1878 erbauten Eisenbahnlinie Treysa - Malsfeld - Eschwege (Bahnhof Ziegenhain Nord).

Ersterwähnung:

1144

Siedlungsentwicklung:

Siedlung am Kreuzungspunkt alter Fernwege.

Die im Renthof ergrabenen Grundmauern einer Rundburg deuten auf eine hochmittelalterliche Anlage, der wohl unter anderem die strategische Funktion der Sicherung des Schwalmübergangs zugekommen ist. Unsicher bleibt jedoch, wieweit ein siedlungsmäßiger Zusammenhang mit der um 1050 genannten Siggenbrucca (Urkundenbuch Hersfeld Nr. 18) besteht, da der Flurname Seckenbrücke erheblich weiter südlich von Ziegenhain überliefert ist (1367, Urkunden H Grafschaft Ziegenhain).

Eine Siedlung bei der Burg, die seit 1144 namengebend für einen Zweig der Grafen von Reichenbach und Wegebach wurde, erst um 1230 ausdrücklich bezeugt (urbs; vgl. Siedlungsbezeichnung).

Ausbau der Burgsiedlung zur Stadt 2. Hälfte 13. Jahrhundert (vgl. Herrschaft und Gemeinde). Kleine ummauerte Stadtanlage mit eiförmigem Umriss, angehängt an die Burg.

Die siedlungsmäßige Entwicklung der Stadt stark geprägt durch den Ausbau der Burg zum gräflichen Residenzschloss und - nach dem Anfall der Grafschaft an die Landgrafschaft Hessen (1450) - durch die Einbeziehung der Stadt in die seit 1470 geplante, unter Landgraf Philipp 1537-1545 errichtete Festungsanlage (vgl. Burgen und Befestigungen).

Bis Ende 18. Jahrhundert war die Stadt bzw. Festung nur durch ein Tor im Nordosten (Philippstor) zugänglich, das zugleich die Verbindung zur Vorstadt Weichaus herstellte.

Diese zunächst unbefestigte Vorstadt erhielt seit 1625 Wall, Graben und 2 Bollwerke.

Die unzerstört gebliebenen Festungsanlagen von Ziegenhain wurden 1807 geschleift.

Das ehemalige Amtshaus im Renthofbereich beherbergte 1567 bis 1857 das hessische Samtarchiv.

Steinernes Haus des Stadtkommandanten anstelle eines älteren Burgmannensitzes 1659/60 erbaut; später Landratsamt, heute Museum der Schwalm.

Städtisches Rathaus in der Festung bis 1842; seitdem hatte das 1642 erbaute Rathaus der Vorstadt Weichaus diese Funktion für die Gesamtstadt.

Erst Anfang des 20. Jahrhundert und vor allem nach 1945 wuchs Ziegenhain über den Bereich des frühneuzeitlichen Festungs- und Siedlungsbereichs hinaus. Neue Stadtteile entstanden an der Hessenallee 1902-1937 sowie nach 1945 Am Fünften, Am bunten Bock, Hinterm Schloß und Am Hain.

1928: Eingemeindung von Teilen der aufgelösten Gutsbezirke Schafhof und Forst Neukirchen.

Seit 31.12.1970 ist die Stadt Ziegenhain selbst ein Stadtteil von Schwalmstadt.

Historische Namensformen:

  • Cigenhagen, de (1144) (MGH D Ko III Nr. 116)
  • Czegenhagen (1149) (Chronica Reinhardsbrunn. MGH Scriptores 30,1: Holder-Egger, Supplementa, S. 536)
  • Zigenhagen (um 1230)
  • Ciginhan (1308)
  • Czigenhain (15. Jahrhundert)
  • Ziegenhain
  • Auf den Wasen [= Amt Ziegenhain]
  • Wasen, Auf den [= Amt Ziegenhain]

Bezeichnung der Siedlung:

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

Burgen und Befestigungen:

  • Siedlung am Kreuzungspunkt alter Fernwege.
  • Die im Renthof ergrabenen Grundmauern einer Rundburg deuten auf eine hochmittelalterliche Anlage, der wohl unter anderem die strategische Funktion der Sicherung des Schwalmübergangs zugekommen ist. Unsicher bleibt jedoch, wieweit ein siedlungsmäßiger Zusammenhang mit der um 1050 genannten Siggenbrucca (Urkundenbuch Hersfeld Nr. 18) besteht, da der Flurname Seckenbrücke erheblich weiter südlich von Ziegenhain überliefert ist (1367, Urkunden H Grafschaft Ziegenhain).
  • Eine Siedlung bei der Burg, die seit 1144 namengebend für einen Zweig der Grafen von Reichenbach und Wegebach wurde, erst um 1230 ausdrücklich bezeugt (urbs; vgl. Siedlungsbezeichnung).
  • Ausbau der Burgsiedlung zur Stadt 2. Hälfte 13. Jahrhundert (vgl. Herrschaft und Gemeinde). Kleine ummauerte Stadtanlage mit eiförmigem Umriss, angehängt an die Burg.
  • Die siedlungsmäßige Entwicklung der Stadt stark geprägt durch den Ausbau der Burg zum gräflichen Residenzschloss und - nach dem Anfall der Grafschaft an die Landgrafschaft Hessen (1450) - durch die Einbeziehung der Stadt in die seit 1470 geplante, unter Landgraf Philipp 1537-1545 errichtete Festungsanlage (vgl. Burgen und Befestigungen).
  • Bis Ende 18. Jahrhundert war die Stadt bzw. Festung nur durch ein Tor im Nordosten (Philippstor) zugänglich, das zugleich die Verbindung zur Vorstadt Weichaus herstellte.
  • Diese zunächst unbefestigte Vorstadt erhielt seit 1625 Wall, Graben und 2 Bollwerke.
  • Die unzerstört gebliebenen Festungsanlagen von Ziegenhain wurden 1807 geschleift.
  • Das ehemalige Amtshaus im Renthofbereich beherbergte 1567 bis 1857 das hessische Samtarchiv.
  • Steinernes Haus des Stadtkommandanten anstelle eines älteren Burgmannensitzes 1659/60 erbaut; später Landratsamt, heute Museum der Schwalm.
  • Städtisches Rathaus in der Festung bis 1842; seitdem hatte das 1642 erbaute Rathaus der Vorstadt Weichaus diese Funktion für die Gesamtstadt.
  • Erst Anfang des 20. Jahrhundert und vor allem nach 1945 wuchs Ziegenhain über den Bereich des frühneuzeitlichen Festungs- und Siedlungsbereichs hinaus. Neue Stadtteile entstanden an der Hessenallee 1902-1937 sowie nach 1945 Am Fünften, Am bunten Bock, Hinterm Schloß und Am Hain.
  • 1928: Eingemeindung von Teilen der aufgelösten Gutsbezirke Schafhof und Forst Neukirchen.
  • Seit 31.12.1970 ist die Stadt Ziegenhain selbst ein Stadtteil von Schwalmstadt.

Umlegung der Flur:

1908/1911

Älteste Gemarkungskarte:

1802

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3516937, 5642211
UTM: 32 U 516856 5640394
WGS84: 50.91494496° N, 9.239780691° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

634022130

Flächennutzungsstatistik:

  • 1838 (Kasseler Acker): 1447 stellbares Land, 1681 Wiesen, 100 Gärten, 267 Triesche, 552 Wald.
  • 1885 (Hektar): 835, davon 310 Acker (= 37.13 %), 325 Wiesen (= 38.92 %), 112 Holzungen (= 13.41 %)
  • 1961 (Hektar): 1132, davon 148 Wald (= 13.07 %)

Einwohnerstatistik:

  • 1502: 91 Bürger. 1585: 79, mit Vorstadt Weichaus 162 Hausgesesse.
  • 1639: 60 Haushaltungen in Ziegenhain, 59 in Weichaus. 1681: 140 Hausgesesse (mit Weichaus).
  • 1705: 84 Haushaltungen in Ziegenhain, 135 in Weichaus. 1747: insgesamt 250 Haushaltungen.
  • 1739/40: 1 Apotheker, 1 Bader, 2 Bender, 19 Bäcker, 3 Brauknechte, 2 Buchbinder, 1 Chirurg, 16 Krämer, 1 Dachdecker, 2 Färber, 3 Gasthalter und Wirte, 27 Gemeinere, 1 Hutmacher, 1 Knopfmacher, 1 Koch, 18 Leineweber, 2 Löhner, 6 Maurer, 17 Metzger, 1 Musikus, 1 Müller, 9 Hufschmiede, 1 Kupferschmied, 4 Sattler, 1 Schirrmacher, 18 Schneider, 21 Schuhmacher, 6 Schreiner, 2 Seiler, 1 Seifensieder, 3 Strumpfweber und -stricker, 1 Tabakspinner, 1 Töpfer, 4 Wagner, 4 Wollweber und Tuchmacher, 3 Zimmermeister.
  • 1834: 1573, 1885: 2004 Einwohner.
  • 1838 (Farnilien): 16 Ackerbau, 235 Gewerbe, 69 Tagelöhner.
  • 1861: 1365 evangelisch-reformierte, 37 evangelisch-lutherische, 53 römisch-katholische Einwohner, 59 Juden.
  • 1885: 1922, davon 1630 evangelisch (= 84.81 %), 200 katholisch (= 10.41 %), 92 Juden (= 4.79 %)
  • 1925: 2160, 1939: 2147, 1950: 3568, 1961: 3619 Einwohner.
  • 1961 (Erwerbspersonen): 84 Land- und Forstwirtschaft, 880 Produzierendes Gewerbe, 238 Handel und Verkehr, 536 Dienstleistungen und Sonstiges.
  • 1961: 3619, davon 2814 evangelisch (= 77.76 %), 705 katholisch (= 19.48 %)
  • Starker Bevölkerungsrückgang in der Festung seit der Beschießung von 1761 durch Abzug vieler Familien.

Diagramme:

Ziegenhain: Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • 1360/67: Gericht auf den Wasen (Amt Ziegenhain), Grafschaft Ziegenhain, seit 1450: Landgrafschaft Hessen
  • 1807-1813: Königreich Westfalen, Departement der Werra, Distrikt Hersfeld, Kanton Ziegenhain
  • 1814-1821: Kurfürstentum Hessen, Grafschaft Ziegenhain, Amt Ziegenhain
  • 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Ziegenhain
  • 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Fritzlar
  • 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Ziegenhain
  • 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Ziegenhain
  • 1945: Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Ziegenhain
  • 1946: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Ziegenhain
  • 1974: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Schwalm-Eder-Kreis

Altkreis:

Ziegenhain

Gericht:

  • a) Gericht (Amt) Ziegenhain:
  • Für das wohl nach seiner alten Malstatt benannte, 1360/67 erstmals erwähnte Gericht uf den Wasen wird die ursprüngliche Funktion eines sonst nicht überlieferten Grafengerichts der Grafen von Ziegenhain vermutet (Brauer, Ziegenhain, S. 15). Zum Zeitpunkt seiner ersten Erwähnung hat das Gericht die Funktion eines vergleichsweise großräumigen Amtes, dessen Gebietsumfang durch die einige Zeit zuvor erfolgte Einrichtung der Gerichte (Ämter) Neukirchen, Landsburg und Schönstein und die damit verbundene Abtretung einer Reihe peripher gelegener Orte neuformiert worden war (Brauer, Ziegenhain, Beilagen 5, S. 128; vgl. auch Mittelpunktfunktionen).
  • Die Kompetenz des Gerichts umfasste die hohe und niedere Gerichtsbarbarkeit, beides offenbar von Anfang an auch für die Stadt Ziegenhain. So wurde im 16. Jahrhundert das Gericht für Stadt und Amt gemeinsam abgehalten unter Vorsitz des Schultheißen und war besetzt mit den Ratsherren der Stadt und 6 Schöffen aus dem Amt. Als sogenanntes Oberamt war Ziegenhain zugleich Berufungsinstanz für alle Ämter der Grafschaft. Im Zuge einer fortschreitenden Zentralisierung der peinlichen Gerichtsbarkeit durch den Landesherrn seit Mitte 16. Jahrhundert wird das Oberamt Ziegenhain nach und nach für diese Rechtsfälle in allen Ämtern der Grafschaft zuständig.
  • Die Malstatt uf den Wasen wird beim Flurort Bei den zehn Gärten lokalisiert.
  • Auf eine alte Richtstätte weist der Flurname Galgenberg 2 km nördlich von Ziegenhain.
  • Schöffen 1332 (Klosterarchiv VI Nr. 465),
  • Vogt und Schöffen 1344.
  • Schultheiß 1441.
  • b) Spätere Gerichtszugehörigkeit von Ziegenhain:
  • 1822: Justizamt Ziegenhain.
  • Seit 1867: Amtsgericht Ziegenhain.
  • Seit 1945: Amtsgericht Treysa
  • 1971: Amtsgericht Schwalmstadt (Umbenennung)

Herrschaft:

Stadtgründung in Anlehnung an die gräfliche Burg.

Um 1230 wird Ziegenhain (im Unterschied zur civitas Fritzlar) urbs (Burgsiedlung?) genannt (Klosterarchiv V S. 450 f.; vgl. oben Siedlungsbezeichnung), besaß demnach zu diesem Zeitpunkt wohl noch keinen vollwertigen Stadtcharakter.

Daher auch fraglich, ob die 1240 neben Rittern und Wäppnern genannten oppidani zu Ziegenhain schon als (Stadt-) Bürger anzusehen sind (Klosterarchiv V Nr. 117), zumal Ziegenhain noch nach Mitte 13. Jahrhundert vorwiegend als castrum bzw. munitio bezeichnet wird.

Als Stadt (opidum), und zwar auf gleicher Stufe mit Treysa und Nidda, erscheint Ziegenhain zweifelsfrei erst 1274 (vgl. oben Siedlungsbezeichnung).

Stadtherrschaft bis 1450: Grafen von Ziegenhain, seitdem Landgrafen von Hessen.

Stadtrechtsverleihung nicht bekannt.

1450 bestätigen die Landgrafen der Stadt ihre hergebrachten Rechte und Freiheiten.

Burgfriede von 1542.

Ältestes Stadtsiegel: Sigillum universitatis civiu(m) i(n) Ciginhan 1308 (Demandt-Renkhoff Nr. 153).

Den geringen Umfang städtischer Freiheit kennzeichnet das Fehlen einer eigenen Gerichtsbarkeit.

Noch Ende 16. Jahrhundert erscheinen die Bürger von Ziegenhain mit den Dörfern des Amtes gemeinsam im ungebotenen Ding, das für Rügesachen bis 10 Pfund zuständig war.

1679 bittet die Stadt erfolglos um die Rückgabe der ihr angeblich entzogenen Zivilgerichtsbarkeit.

An der Spitze der Stadt standen im 16. Jahrhundert 2 Bürgermeister, die abwechselnd je 1 Jahr regierten, daneben der Rat;

im 18. Jahrhundert: 6 Ratsherren.

Ergänzung durch Kooptation; Bestätigung durch den Landesherrn.

Gemeindeentwicklung:

Am 31.12.1970 erfolgte im Zuge der hessischen Gebietsreform der Zusammenschluss mit der Stadt Treysa und anderen Gemeinden zur neu gebildeten Stadtgemeinde Schwalmstadt, deren Stadtteil Ziegenhain wurde.

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • 1367 sind die Grafen von Ziegenhain Grundherren aller Hofstätten innerhalb der Stadtmauern, auch wenn sie nicht bebaut sind; neuerliche Bebauung der Hofstätten nur aufgrund gräflicher Anordnung gestattet. Von den Gärten vor der Stadt erhielten die Grafen eine Mohnabgabe (Römer S. 59).
  • Stadthaus des Abtes von Hersfeld (1619 abgebrochen).
  • Burgmannenhäuser (frühe Nennungen):
  • von Schrecksbach und von Marburg um 1240 (Klosterarchiv V Nr. 122),
  • Buchsorge 1246 (Klosterarchiv V Nr. 157),
  • von Gerwigshain 1254 (Klosterarchiv V Nr. 237),
  • von Obenrod 1264 (Klosterarchiv V Nr. 419).

Ortsadel:

Grafen von Ziegenhain 1060-1450

Kirche und Religion

Ortskirchen:

  • capellanus 1215 (Klosterarchiv V Nr. 13),
  • capella 1255 (Klosterarchiv V Nr. 245).
  • Der 1253 genannte Kaplan Rüdiger wird 1261 und später wechselweise Pleban und Kaplan genannt.
  • Adjunkt des Plebans 1263 (Klosterarchiv V Nr. 398) genannt.
  • Die lutherischen Einwohner (Garnison) wurden seit 1764 vom Pfarrer in Holzburg versorgt.
  • Bis 1903 wurden die katholischen Bewohner von Neustadt aus versorgt, seitdem eigene katholische Pfarrkuratie in Ziegenhain.
  • St. Josef-Kirche 1957 geweiht.

Pfarrzugehörigkeit:

Wohl schon 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts Pfarrkirche, der die Vorstadt Weichaus eingepfarrt war.

1585 Weichaus als eigene Pfarrei bezeichnet.

Zweite Pfarrstelle seit 1573.

Patronat:

Den Patronat der Kirche hatte der Stadtherr.

Bekenntniswechsel:

Erster evangelischer Pfarrer: Curt Siffert bis 1531, zugleich letzter katholischer Pfarrer, schafft 1529 die Messe ab und verkauft das Messgewand.

Reformierter Bekenntniswechsel: 1605

Kirchliche Mittelbehörden:

Die Klasse Ziegenhain umfasste die Pfarreien Merzhausen, Niedergrenzebach, Ropperhausen, Wasenberg, Willingshausen, Zella und Ziegenhain (Hochhuth 702-714).

15. Jahrhundert: Sendbezirk Treysa. Als Stadt war Ziegenhain vom Sendgericht eximiert

Juden:

Provinzial-Rabbinat Marburg

Juden schon im 13. Jahrhundert und 1612 in Ziegenhain nachweisbar (G. J. II 2, S. 940).

Um 1694: jüdische Tuchmanufaktur in Weichaus (vgl. Wirtschaft).

1744: 7 jüdische Familien.

1825: 89; 1835: 95, 1861: 59, 1895: 93 Juden; 1900: 83; 1905: 78; 1925: 57 Juden; 1932/33: 63 Juden. Die letzte Abmeldung datiert aus dem Jahr 1939.

Ende 19. Jahrhundert zumeist als (Vieh-)Händler und Kaufleute tätig; wenige Metzger, 1 Gastwirt,

Seit 1828 wurde der Gottesdienst in einem Privathaus gehalten; die Synagoge wird 1835 errichtet.

1855 war die jüdische Gemeinde völlig verarmt. Nicht zuletzt aufgrund Baudarlehen für den Synagogenbau.

Die Religionsschule wurde vermutlich um 1870 in eine öffentliche Elementarschule umgewandelt. 1922 wurde sie wegen rückläufiger Schulkinderzahlen geschlossen.

Der Friedhof der Gemeinde war in Niedergrenzebach.

Kultur

Schulen:

Schulmeister: Israel Erhardi (Kirchhain), Rektor 1551-1552

Städtische Lateinschule seit dem 16. Jahrhundert.

Städtische Realschule seit 1951.

Kreisberufsschule und Haushaltsschule seit 1941.

Hospitäler:

Hospitalhaus 1557 genannt.

Kreiskrankenhaus seit 1964.

Kultur:

Heimatmuseum seit 1921,

seit 1938 im "Steinernen Haus".

Historische Ereignisse:

Als einzige hessische Festung wurde Ziegenhain nach der Gefangennahme und der Kapitulation Landgraf Philipps im Schmalkaldischen Krieg (1547) durch die Weigerung des Festungskommandanten Heinz von Lüder dem Kaiser nicht übergeben.

Im 30jährigen Krieg ist die Festung Ziegenhain nie erobert worden, nur die seit 1625 befestigte Vorstadt Weichaus durch Truppen der katholischen Liga 1631.

Im 7jährigen Krieg war Ziegenhain wiederholt von französischen Truppen besetzt, die 1761 den zerstörenden Beschuss hessischer Artillerie auf die Stadt lenkten.

1807 wurde die Festung auf Befehl Napoleons geschleift.

Wirtschaft

Mittelpunktfunktion:

a) Residenz Ziegenhain:

Als Residenz der Grafen von Ziegenhain 1144 zu erschließen;

seit dem Aussterben der Reichenbacher Linie des Grafenhauses (1272) Hauptresidenz der Grafen und Sitz der zentralen Behörden (dazu Brauer, Ziegenhain, S. 37 ff.).

Seit dem Übergang der Grafschaft an die Landgrafen von Hessen (1450) Nebenresidenz des Landgrafenhauses.

b) Wasserfestung Ziegenhain:

Mit dem Ausbau zur Wasserfestung erhielt Ziegenhain eine zentrale militärische Funktion für den ober- und niederhessischen Raum der hessischen Landgrafschaft.

Ziegenhain wurde 1607 als eines der 4 festen Häuser der Landgrafschaft bezeichnet.

c) Gericht auf den Wasen (Amt Ziegenhain):

1360/67 gehören zum Gericht auf den Wasen (Amt Ziegenhain): Ziegenhain, Loshausen, Zella, Gungelshausen, (Wüstung) Heckershausen, Merzhausen, (Wüstung) Niederfischbach, Willingshausen, (Wüstung) Seizenrode, Oberwiera, (Wüstung) Mittelwiera, (Wüstung) Niederwiera, Wasenberg, (Wüstung) Emelshausen, (Wüstung) Warmershausen, (Wüstung) Wollertshausen, Oberleimbach, (Wüstung) Mitteleimbach, (Wüstung) Mönchleimbach, Ascherode, Niedergrenzebach, Rörshain, Rommershausen, Dittershausen, (Wüstung) Breitenbach, (Wüstung) Biedenbach, Mengsberg, Hof Ransbach, Hof Rengershausen.

1436 dazu: Schönborn;

Mitte 15. Jahrhundert dazu: Steina.

Im 16. Jahrhundert dazu: Michelsberg, Allendorf an der Landsburg.

2. Hälfte 16. Jahrhundert dazu: Florshain.

Zum Zeitpunkt der ersten Nennung des Gerichts auf den Wasen (1360/67) waren die ursprünglich dem Gericht zugehörigen Orte: (Wüstung) Falkenhain, (Wüstung) Frankenhain, Treisbach, Schönau und Sachsenhausen dem neugebildeten Amt Schönstein; Allendorf an der Landsburg, (Wüstung) Klein-Allendorf, Michelsberg, (Wüstung) Holzmannshausen, (Wüstung) Diemerode, (Wüstung) Knechtbach (zur Hälfte) dem neugebildeten Amt Landsburg und Neukirchen, Asterode, Nausis, Rückershausen, Riebeisdorf, Steina, (Nieder-)Schrecksbach, (Wüstung) Kesingen, (Wüstung) Winderode, Immichenhain, Berfa, Hattendorf dem neugebildeten Amt Neukirchen zugeschlagen worden.

d) Modernes Verwaltungszentrum Ziegenhain:

1807-1813 war Ziegenhain Kantonsort im Distrikt Hersfeld.

1814-1821: Amtsvorort.

1821-1848 und 1851-1973 Kreisstadt des Kreises Ziegenhain mit 79 Gemeinden.

Wirtschaft:

a) Mittelalterliche Grundlagen:

Über Gewerbe und Handel im Mittelalter fast nichts bekannt.

Haus eines Goldschmieds in Ziegenhain 1261 erwähnt (Klosterarchiv V Nr. 351).

Das ortsansässige Gewerbe dürfte vornehmlich auf die Versorgung des Schlosses, später auf die Bedürfnisse der Garnison ausgerichtet gewesen sein.

Um 1585 bestanden in Ziegenhain Zünfte der Leineweber, Schneider und Schuhmacher (S 640).

Viehhandel von einiger Bedeutung (vgl. Markt).

b) Tuchmanufaktur:

1690 gründet der wallonische Kaufmann M. Hestermann aus Hanau mit staatlicher Unterstützung eine Tuchmanufaktur in Ziegenhain.

1692 an J. F. Munier,

1694 an den Schutzjuden J. Danneberg verpachtet;

Letzterer erwirbt den Betrieb 1697.

Wichtigster Auftraggeber war das landgräfliche Heer.

Schrumpfende Entwicklung der Produktion seit 1725.

Beschäftigte 1700: 32 Meister im Verlag, 6 ledige Burschen in der Werkstube.

1742: 16 Gesellen, 2 Jungen.

Produktion: 1698-1720 über 54000 Reichstaler Umsatz bei Heereslieferungen.

1761 wird die Manufaktur im Zuge des 7jährigen Krieges in Brand geschossen und aufgegeben.

c) Industrieansiedlungen in kleinerem Umfang erst im 20. Jahrhundert:

Besteckfabrik Hessische Metallwerke seit 1925,

Landwirtschaftliche Maschinenfabrik seit 1938,

Möbelfabrik seit 1947;

Schuhfabrik seit 1947.

Mühlen:

Herrschaftliche Mahlmühle 1486 genannt.

Um 1585 Bannmühle für Ziegenhain und Weichaus (Mühlenbetrieb bis nach dem 2. Weltkrieg).

1775 befand sich neben der Mahlmühle eine Schlag- und Schneidemühle (Apell, Ziegenhain, Planskizze 1775).

Eine Pulvermühle im Bereich der Festung vor 1583 erbbar (Roßmühle ?); vgl. Apell, Ziegenhain, S. 226.

Herrschaftliche Walkmühle 1690 erwähnt; vom Besitzer der Tuchmanufaktur betrieben.

1739/40: 1 Müller (vgl. Einwohnerstatistik).

Markt:

Ziegenhain erhielt 1653 3 Märkte,

später 7.

1821-1866: 5 Märkte (davon 2 mit Viehmarkt verbunden). Viehhandel von einiger Bedeutung.

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Ziegenhain, Schwalm-Eder-Kreis“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/4815> (Stand: 16.10.2018)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde