Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessian World War I Primary Sources


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S. 20-21

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Seite 22-23

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Seite 24-25

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Seite 26-27

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Seite 28-29

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Seite 22: Zeichnung der Molleville ferme

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Seite 23: Deutscher Soldatenfriedhof, dahinter Drahtverhaue

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Seite 25: Deutsche Soldaten in einem Schützengraben im Aisnetal (Postkarte)

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Seite 28: Max Müller (links) mit seiner Gruppe

↑ Tagebuch des Trainsoldaten und Infanteristen Max Müller aus Kassel, 1914-1916

Abschnitt 5: Leben im Schützengraben in Frankreich

[21-28] [S. 21] [Foto (Postkarte): Kirche von Crandelain (Aisne)]

[S. 22] Meine erste Tätigkeit in Grandelaine war der Gang nach dem „Kaiser-Wilhelm-Bad“. War das eine Wohltat. 4 Wochen nicht richtig gewaschen, jetzt habe ich mich aber richtig waschen können und vor allen Dingen ein reines Hemd anziehen können. – Bis zum 13. Aug. Ruhe. Am 15. Aug. 4.30 wecken, 5.30 antreten zu einer Marschübung. Im Gelände machte Lt. Brinkmann eine Aufnahme.1

[S. 23] Um 2.00 antreten zum Schießen nach Molleville ferm. Aus dem Schießen wurde nichts, wir mußten zum Begräbnis mehrerer Offiziere und Kameraden, die auf unserem Friedhof beigesetzt wurden. In der Nacht hatte der Franzmann 32 Granaten nach Cordecon2 geschossen, wobei es viele Tote, Schwer- und Leichtverwundete gab.3

Unsere Kompanie war Ehrenkompanie. Es sprachen unsere evang. und kath. Geistlichen. Um 6.00 war die Feier beendet. Mancher wischte sich die Tränen aus den Augen, als er die vielen Kränze [S. 24] sah und an die lieben Kam[erad] dachte, die hier der Ewigkeit entgegenschlummerten. Heute am 15. Aug. war ich mit Kam[erad] Rösing und Dembach in Laon. Nachdem unser Auftrag auf der Kommandantur erledigt war, gingen wir bummeln. Besuchten die Kathedrale, hörten uns das Platzkonzert an und aßen dann gut und reichlich Mittag.4

Abends um ½ 9 fuhren wir ab und kamen gegen 11.00 wohlbehalten im Quartier an. [S. 25]

Heute, 16. Aug. geht es wieder in Stellung. 3.00 Abmarsch, bis Molleville ferme geht es geschlossen. Von hier aus gruppenweise von 5 zu 5 Min. Wir rücken wieder in den Tannengraben ein. Ich bezog mit 3 Mann eine famose Deckung, in der es noch schöner wäre, wenn sie nicht soviele Flöhe hätte. So erlebe ich nun meinen 2. Geburtstag draußen. Wieviel mögen noch folgen? Ich glaube nicht, daß wir dieses Weihnachtsfest zu Hause feiern. An Urlaub ist auch nicht zu denken. Na, wie Gott will!5

[S. 26] Man steht hier wie der Jäger auf dem Anstand und lauert auf das Wild: Gegen 3.30 ließ sich drüben ein Franzmann blicken, ich legte an und schoß, wie auf dem Scheibenstand, Visier 150. Kopfschuß. – Am 20. wurden wir mit Minen beschossen. Wir zogen alle Posten ein. Ich stand mit Kam[erad] Alberts auf Sappe I., als kerzengrade über uns eine Mine heruntersauste. Ich konnte Alberts nur noch zu rufen: „Schnell Deckung, Mine!“, als das Biest schon an Kam[erad] Albers fiel in seiner ganzen Länge die Treppe zum Unterstand hinunter. Im selben Augenblick krepierte die Mine, wir waren in Sicherheit. Die Mine krepierte in die Richtung, wo die Jäger und Gardepioniere standen, die furchtbare Verluste hatten. Von unserer Kom[pagnie] wurde der Rekrut Schleiffer durch Rückenschuß (Splitter) verwundet. Heimatschuß. Die Nächte sind warm und klar. Eben spielte ich Feuerwehr. Ich fand unseren Unterstand brennend, schnell ein paar Eimer Wasser, das Feuer war gelöscht. Am 28. schweres Gewitter. Wenn der Himmel mal nicht schwarz wäre, könnte man denken, die Artillerieschlacht tobe noch weiter. Der [S. 27] Franzmann belegt unser Schwimmbad Courteron6 mit Minen. 4 Tote, 30 Pferde tot. Wir erwidern das Feuer, unsere Artillerie belegt die Dörfer hinter der franz[ösischen] Front mit schweren Minen. Eine Liebe ist der anderen wert. Heute, 31. VIII. [1915] besuchte General von Kühne7 den Tannengraben. Zur Begrüßung schickte der Franzmann Flügelminen8. Wir blieben die Antwort nicht schuldig, der Krach dauerte bis gegen Morgen. So vergeht ein Tag nach dem anderen in Unsicherheit. Am 6. Sept. [1915] gingen wir auf Grabenposten. Kaum standen wir, sauste eine Kugel neben mir in die Wand. Kam[erad] Strieme fand sie und gab sie mir. Für diesmal war ich verschont. Heute nachmittag hatte ich das furchtbarste Erlebnis des Krieges. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam eine franz[ösische] Mine auf den Tannengraben und krepierte mit furchtbarem Knall. Mit den auf die Erde fallenden Steine fiel auch ein Arm, ein Fuß und der zerschmetterte Kopf eines Kameraden herunter. Die übrigen Teile rollten den Bergabhang hinunter. Mir wurde übel, als diese Reste in einen Sack gepackt wurden, den wir Mutter Erde übergaben. Ist dieses Morden nicht sinnlos? Wieviel [S. 28] Jammer und Elend wird uns dieser Krieg noch bringen? Ich habe meinen besonderen Schutzengel. Heute (10.9.) [1915] unterhielt ich mich mit Albers. Ich wollte schon zum Unterstand, als er mich noch etwas fragte. Im selben Augenblick krachte vor meinem Unterstand ein Schrapnell. Schopp, Schüler und Braun wurden verwundet, kamen ins Lazarett. Endlich kommen wir in Ruhe nach Grandelaine. Aber wie sah es hier aus. Alles drunter und drüber. Wir ziehen in Baracken, haben eine feine erwischt. Abends ließ ich mich mit meiner Gruppe knipsen.9


  1. Zeichnung der Molleville ferme hier eingeklebt.
  2. Heute Pancy-Courtecon, Ort zwischen Crandelain und Chamouille, Département Aisne.
  3. Foto des Soldatenfriedhofs hier eingeklebt.
  4. An dieser Stelle ist Platz für ein (nicht eingeklebtes) Foto gelassen.
  5. An dieser Stelle ist ein Foto (Postkarte) von Soldaten in einem Schützengraben im Aisnetal eingefügt.
  6. Wohl Courtecon, siehe oben.
  7. Alfred von Kühne (1853-1945), General der Kavallerie, Kommandeur der 13. Reserve-Division
  8. Siehe unten die Flügelmine auf einem Foto von 1916 (Seite 55)
  9. Foto Max Müllers mit 6 Kameraden hier eingeklebt.

Persons: Müller, Max
Recommended Citation: „Tagebuch des Trainsoldaten und Infanteristen Max Müller aus Kassel, 1914-1916, Abschnitt 5: Leben im Schützengraben in Frankreich“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/en/purl/resolve/subject/qhg/id/179-5> (aufgerufen am 01.04.2020)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde