Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessian World War I Primary Sources

↑ Tagebuch des Trainsoldaten und Infanteristen Max Müller aus Kassel, 1914-1916

Abschnitt 4: Versetzung zum Reserve-Infanterie-Regiment 39

[15-20]

1915

Januar. Neujahr. Mitternacht ließ ich die Wache, den 4. 5. + 6. Beritt auf dem Dorfplatz in Soincourth1 antreten und hielt eine kleine Ansprache. Nach einigen Liedern und einem „Hurra“ auf S. M.2 gingen wir zur Ruhe. Der Dienst verläuft eintönig, wir fahren jeden Tag Rüben, meist Regen. Am 8. Jan. [1915] hatte ich Pech. Der Braune ließ sich nicht lenken, der Wagen fuhr in den Dreck. Wir konnten nicht vor- noch rückwärts, bis uns Kam[erad] Gerhardi herausholte. Feines Abendbrot: Schweinebraten u[nd] Schinken, dazu warmen Kaffee. So herrlich wie heute habe ich es noch nie gehabt. In Agnicourth3 bekamen wir Quartier. Kam[erad] Schmidt und ich kamen in ein altes Schloß, jeder bekam ein Zimmer und sogar ein Bett mit Baldachin, ein Bett, ich weiß kaum noch wie es aussieht, viel weniger wie man darin schläft. Ich habe blödsinnige Zahnschmerzen. Heute seit langer Zeit mal wieder ein reines Hemd an und tüchtig gewaschen. Abends 2 Hühner verzehrt und dann ins mollige Bett. Dienst ist eintönig. Jeden Tag dreschen wir. Am 19. Jan. haben wir in 2 Stunden 48 Ztr. Roggen [S. 16] ausgedroschen. Heute bin ich etatsmäßiger Gefreiter geworden, auf der Handwerkerstube wurden gleich die Knöpfe angenäht. Zu Kaisers Geburtstag dienstfrei. 4. 5. + 6. Beritt bekommt 65 l Bier. Wetter ist immer noch unfreundlich. Mein Fuchs ist krank geworden. Der Februar verläuft ähnlich wie der Januar. Wir dreschen im Schweiße unseres Angesichtes. Beim Heuholen bin ich mit der Leiter durchgebrochen und habe mir den Fuß verstaucht. Der Arzt verordnet Ruhe. Es wäre alles ganz schön, wenn ich nicht solche furchtbaren Zahnschmerzen hätte. Nachdem die Feldpost längere Zeit ausgeblieben war, bekam ich heute (20. II.) [1915] 6 Briefe und 12 Pakte. Bis um 11.00 habe ich ausgepackt. Im März haben wir tüchtig draußen gearbeitet, geackert, geeggt und gesät. Ob wir diese Ernte noch einbringen oder sind wir dann schon wieder zu Hause bei unseren Lieben? 250 Russen werden in den nächsten Tagen anrücken, sie sollen bei der Feldbestellung helfen

[S. 17] Der April erlangt für mich insofern Bedeutung, als ich am 7. [April 1915] zum erstenmal Läuse an mir entdeckte, die sicher die Russen mitgebracht haben. Ich säubere meine Bude, die Russen werden entlaust. Den 1. Mai fahren Kam[erad] Piel und Preißel auf Urlaub. Wann werde ich wohl drankommen? Pfingstmontag, ein strahlender Maitag. Wie ich höre, sollen mehrere Kam[eraden] und ich als gediente Infanteristen zu einem Infanterieregiment kommen. Ich wäre nicht böse, dann hört doch das tatenlose Leben auf. Heute (31. V.) [1915] endgültig, daß wir zu einem Infanteriergt. kommen, welches ist noch unbestimmt. Ersatz für uns ist da. Am 11. Juni feldmarschmäßig antreten zur Abfahrt nach Laon4. Bei General Rau meldeten wir uns. Ich kam mit einigen Kam[erad] zur 13. Division 39. Inf.-Regt. 3. Komp.5. Am 15. Juni bekamen wir neue Gewehre 98 und abends gings in den ersten Graben. Jetzt sollen wir den Feind aus nächster Nähe sehen. Ein eigentümliches Gefühl beschleicht mich als wir in den Unterstand kriechen. Nur jetzt keinen trüben Gedanken nachhängen, uns ruft die Pflicht. Ich zog mit Kam[erad] Döhle auf Beobachtungsposten. Zum „Willkomm“ beschoß uns der Franzmann [S. 18] mit schweren Minen, ohne Schaden anzurichten. Jedesmal wenn ein Kohlenwagen6 durch die Luft sauste, steckten wir den Kopf in den Dreck. Schließlich gewöhnt man sich an alles. Gegen 3.30 setzte schweres Minen- und Artilleriefeuer ein, vor dem wir in die Unterstände flüchteten. Heute ist’s noch gut abgegangen. Ein Kam[erad] stand mit mir Wache. Etwa 80 m von uns lag der Franzmann. Mein Kam[erad] steckte den Kopf hinter der Brustwehr hervor, im selben Augenblick krachte drüben ein Schuß und neben mir war ein blühendes Menschleben dem Tode zum Opfer gefallen. Die franz[ösischen] Scharfschützen waren so eingeschossen, daß sie durch Sehschlitze unserer Schießscharten schossen. Am 29. Juni wurden wir abgelöst und bezogen Quartier in besseren Erdhöhlen im Tannengraben. Franzmann läßt keine Ruhe, belegt unseren Graben mit Minen und Schrapnells. Ein Schrapnell platzte mit furchtbarem Knall vor unserem Unterstand. So schnell, wie diesmal, habe ich noch nie auf der Erde gelegen. Gottseidank kein Treffer. Unter fortdauernder Beschießung bringen wir unseren zerschossenen Graben [S. 19] wieder in Ordnung.

Am 23. Juli stand ich als Grabenposten. Etwa 100 Schritt von uns hauste der Franzmann mit seinen verdammten Scharfschützen. Durch den Grabenspiegel sah ich, wie einer auf mich anlegte. Mich in den Dreck werfen war das Werk einer Sekunde, schon pfiff die Kugel durch die Schießscharte in die Grabenwand. Mir zitterten alle Glieder, ein kurzes Dankgebet zum Herrn über Leben und Tod konnte ich nur stammeln. Wenn es mich jetzt gepackt hätte, ich hätte nichts mehr gemerkt, aber meine Lieben zu Hause? Es gibt einen gnädigen Gott, hier, in Not und Gefahr spürt man seine waltende Hand. Die mir zugedachte Kugel habe ich mir aus der Grabenwand herausgeholt zur bleibenden Erinnerung an meine wunderbare Rettung. Sie hat die Form eines Füllhorns. – Franzmann schießt, jetzt setzt unsere Artillerie ein und belegt den feindl[ichen] Graben mit Minen. Wir sehen gute Erfolge und hören deutlich das Schreien und Jammern der Verwundeten. Es ist gräßlich. Über allem steht ein herrlich klarer Julitag. Es ist der 31. Ist dieses Morden nicht widersinnig? Ein Jahr lang tobt schon [S. 20] dieser unglückliche Krieg. Vor einem Jahr rückten wir ins Feld, vor einem Jahr saß ich noch bei meinen Lieben zu Hause und jetzt liegt dieses Jahr schon eine Ewigkeit zurück. Der August läßt sich auch nicht besonders an. Durch Schrapnell sind aus meiner Korporalschaft 3 Mann getötet und 5 Mann verwundet worden. Um 2.00 kommt Befehl, daß wir nach Grandelaine7 in Ruhe kommen. Große Freude. 4.00 abrücken, gegen 8.00 waren wir da. Große Überraschung für mich, ich werde Korporalschaftsführer der 11. Korporalschaft.

{Foto (Postkarte): Die Badeanstalt Kaiser Wilhelm Bad in Crandelain.}


  1. S(eine) M(ajestät), d.h. Kaiser Wilhelm II.
  2. Vielleicht Aguilcourt an der Aisne, 19 km nördlich von Reims.
  3. Laon, Hauptstadt des Départements Aisne.
  4. Das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 39 als Teil der 13. Reserve-Infanterie-Division.
  5. Soldatenchargon für große Minen.
  6. Crandelain,

Persons: Müller, Max
Recommended Citation: „Tagebuch des Trainsoldaten und Infanteristen Max Müller aus Kassel, 1914-1916, Abschnitt 4: Versetzung zum Reserve-Infanterie-Regiment 39“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/en/purl/resolve/subject/qhg/id/179-4> (aufgerufen am 30.03.2020)
 
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