Historisches Ortslexikon
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- KDR 100, TK25 1900 ff.
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- Kurfürstentum Hessen 1840-1861 – 1. Carlshafen
Weitere Informationen
Bad Karlshafen
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Stadtteil · 101 m über NN
Gemarkung Karlshafen, Gemeinde Bad Karlshafen, Landkreis Kassel - Siedlung ↑
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Ortstyp:
Stadt
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Lagebezug:
17 km nordöstlich von Hofgeismar
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Lage und Verkehrslage:
Kleinstadt mit ursprünglich symmetrischem Grundriss am Nordrand des Reinhardswaldes an der Mündung der Diemel in die Weser, unmittelbar an der Grenze zum Bundesland Niedersachsen. Kern der Stadt um ein künstliches Hafenbecken längs zur nördlich verlaufenden Weser, die Schmalseite zur Diemel hin. Auf der gegenüberliegenden Weserseite durch Brücke verbundene Gartenstadt seit 1920 angelegt mit Ausdehnung nach Norden. Etwa auf halber Strecke Richtung Helmarshausen befindet sich an der Bundesstraße 83 entlang einer Diemelschleife die Karlshafener Kolonie Nollendorf/Diemelhöhe.
Chaussee von Bad Karlshafen nach Hofgeismar. In Bad Karlshafen treffen die Bundesstraßen B80 (hier beginnend) und B83 aufeinander.
Endbahnhof der Eisenbahnlinie Bad Karlshafen – Kassel ("Carlsbahn"; "Diemeltalbahn (II)") (Inbetriebnahme der Strecke 30.3.1848) bis Stilllegung der Strecke 1970.
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Ersterwähnung:
1699
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Siedlungsentwicklung:
1699 wird Si(e)burg als französische Kolonie von Landgraf Karl am Nordrand seines Territoriums an unbesiedelter Stelle als Stadt mit 38 Familien gegründet. Ziel der Gründung ist die Umgehung von Stapel und Zoll im hannoverschen Münden. Hierfür wird ein künstliches Hafenbecken angelegt, das als zentrale Symmetrieachse den Kern der neuen Stadt bildet. In der ersten Bauphase entstehen öffentliche Gebäude, Invaliden-, Pack- und Freihaus sowie 63 Reihenhäuser. Der Plan, einen Kanal von der Diemelmündung in die Weser nach Kassel mit einer Fortsetzung über Eder und Lahn zum Rhein zu bauen, schreitet jedoch nur schleppend voran und wird nach dem Tode Karls (1730) eingestellt. In der zweiten Ausbauphase nach dem Siebenjährigen Krieg bis 1800 erlebt Karlshafen durch weitere landesherrliche Förderungen u.a. durch eine staatliche Saline mit drei Gradierwerken eine wirtschaftliche und bauliche Blütezeit.
Nach wirtschaftlichem Niedergang zu Beginn des 19. Jahrhunderts und Stillegung des Salzwerkes (1835) erfolgt nach der Umwandlung von Karlshafen in ein Heilbad (1838) und die Errichtung der Karlsbahn durch das Diemeltal (1847/48) eine langsame Konsolidierung. Erst um 1900 floriert der Kurbetrieb, es entsteht auf dem rechten Weserseite auf dem von der Provinz Hannover erworbenen Gelände die Gartenstadt und es kommt zur Ansiedlung neuer Industriebetriebe. Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs können schnell überwunden werden.
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Vorbemerkung Historische Namensformen:
Zur ursprünglichen Namensform Sieburg
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Historische Namensformen:
- Sieburg (1700) [HStAM Bestand 5 Nr. 9691; Sammlung kurhessischer Landes-Ordnungen, Bd. 3.: 1671/1729 (1777), Nr. 127, S. 451f.]
- Siburg (1708/10) [Schleenstein, Landesaufnahme, Karte Nr. 3]
- Sieburg, nunc Carlshafen (um 1710) [HStAM Bestand 4 f Staaten P Nr. Paderborn 374]
- Carlshafen (1719) [HStAM Bestand 5 Nr. 9691]
- Carlshaven (1807)
- Carlshafen (1840-1861) [Kurfürstenthum Hessen : Niveau Karte auf 112 Blättern, Kassel 1840-1861/1: Carlshafen (1 : 25000)]
- Karlshafen (1885)
- Bad Karlshafen (1977)
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Bezeichnung der Siedlung:
- Flecken, Stadt (1700)
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Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:
- Gotlevessen
- Juliushöhe
- Sieburg
- Wiesenfeld
- Freihaus Bad Karlshafen (→ Burgen, Schlösser, Herrenhäuser)
- Jagdschloss Bad Karlshafen (→ Burgen, Schlösser, Herrenhäuser)
- Sieburg (→ Burgen, Schlösser, Herrenhäuser)
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Älteste Gemarkungskarte:
1697
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Koordinaten:
Gauß-Krüger: 3531503, 5723376
UTM: 32 U 531417 5721526
WGS84: 51.643862° N, 9.454042° O OpenLayers - Statistik ↑
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Ortskennziffer:
633002010
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Flächennutzungsstatistik:
- 1885 (Hektar): 211, davon 97 Ackerland (= 45,98 %), 26 Wiesen (= 12,32 %), Holzungen (= 0,47 %)
- 1961 (ha): 405, davon 27 Wald
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Einwohnerstatistik:
- 1699 wurde die französische Kolonie als Stadt mit 66 Familien gegründet
- 1747: 66 Haushaltungen (Stadt- und Dorfbuch des Ober- und Niederfürstentums Hessen)
- 1895: 1724 Einwohner
- 1939: 2224
- 1961: 3031
- 1970: 2910
- 1885: 1599, davon 1505 evangelisch (= 94,12 %), 61 katholisch (= 3,81 %), 33 Juden (= 2,06 %)
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Diagramme:
Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968. - Verfassung ↑
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Verwaltungsbezirk:
- 1725: Landgrafschaft Hessen-Kassel, Französische Kanzlei (ursprünglich Französische Kommission, dann Französische Kanzlei, ab 1778 offiziell Französische Justizkanzlei)
- 1787: Landgrafschaft Hessen-Kassel, Niederhessen, Amt Trendelburg
- 1803-1806: Kurfürstentum Hessen, Niederhessen, Amt Trendelburg
- 1807-1813: Königreich Westphalen, Departement der Fulda, Distrikt Kassel, Kanton Carlshaven
- 1814-1821: Kurfürstentum Hessen, Niederhessen, Stadt und Amt Carlshafen
- 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis Hofgeismar
- 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Kassel
- 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis Hofgeismar
- 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hofgeismar
- 1945: Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Hofgeismar
- 1946: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Hofgeismar
- 1972: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Kassel
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Altkreis:
Hofgeismar
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Gericht:
- 1821: Justizamt Karlhafen
- 1822: Justizamt Karlshafen
- 1867: Amtsgericht Karlshafen
- 1879: Amtsgericht Karlshafen
- 1943: Amtsgericht Hofgeismar (Zweigstelle Karlshafen)
- 1949: Amtsgericht Karlshafen
- 1968: Amtsgericht Hofgeismar (Zweigstelle Karlshafen)
- 1969: Amtsgericht Hofgeismar
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Herrschaft:
1700 erlässt Landgraf Karl von Hessen die Freyheiten, welche denen, so auf dem Flecken an der Sieburg sich häußlich niederlassen und bauen wollen, versprochen worden. Bis 1800 unterstand die Kolonie der Französischen Kanzlei der landgräflichen Regierung in Kassel.
Seit 1716 besteht der Magistrat aus je einem Bürgermeister und drei Ratsschöffen der französischen und e deutsch-reformierten Gemeinde. 1719 erlässt Landgraf Karl eine Freiheitskonzession für die Stadt Carlshafen (HStAM Bestand 5 Nr. 9691), durch die die Wahl des Stadtrates ohne Ansehen der Nation zugestanden wird.
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Gemeindeentwicklung:
Ab 1717 wurde die Stadt zu Ehren des Gründers Carlshafen genannt. Am 1.8.1972 erfolgte im Zuge der hessischen Gebietsreform der Zusammenschluss der Stadt Karlshafen mit der Stadt Helmarshausen zur neu gebildeten Stadtgemeinde Karlshafen. Zu deren Entwicklung s. Bad Karlshafen, Stadtgemeinde. Sitz der Gemeindeverwaltung ist Bad Karlshafen.
- Besitz ↑
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Grundherrschaft und Grundbesitzer:
- Ursprünglicher Besitz der Abtei Helmarshausen
- Kirche und Religion ↑
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Ortskirchen:
- Um 1900 war die Pfarrei landesherrlich, früher 3, damals 2 Gemeinden, reformiert und lutherisch (Historisches Ortslexikon Kurhessen, S. 271)
- Die Gottesdienste der drei reformierten Gemeinden fanden bis 1960 in der Kapelle (1708) des Invalidenhauses statt, evangelisch-unierte Stephanuskirche (Gallandstraße 9) erst 1962 errichtet
- Katholische Pfarrkirche St. Michael (Mündener Str. 16) 1935 errichtet, 1962 renoviert
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Diakonische Einrichtung:
24.10.1904 Eröffnung eines Diakonissenheims, 29.03.1909 Kleinkinderschule, Vertrag zwischen reformierter und lutherischer Gemeinde und Mutterhaus in Kassel; Krankenpflee, Gemeinde- und Vereinsarbeit; Sardemann, Geschichte des hessischen Diakonissenhauses zu Cassel, S. 272-274; Diakoniestation bis 1964 (Landeskirchliches Archiv Kassel, Findbuch G 2.6. Kurhessisches Diakonissenhaus)
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Bekenntniswechsel:
1700 französisch-reformierte Gemeinde, erster Pfarrer: Guillaume Barjon 1699-1712
1707 deutsch-reformierte Gemeinde, erster Pfarrer: Johann George Bitter 1707-1712
1717 deutsch-lutherische Gemeinde, erster Pfarrer: Johannes Raßmann 1717-1719
1792/93 kurzzeitig französisch-katholische Flüchtlingsgemeinde
1825 Vereinigung der französisch-reformierten Gemeinde mit der deutsch-reformierten
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Kirchliche Mittelbehörden:
die deutsch-reformierte und lutherische Gemeinde gehörte zur Klasse Trendelburg, die französische Gemeinde zur französischen Inspektur
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Juden:
Der Ort gehört zur Gemeinde Helmarshausen
1835: 16; 1861: 43; 1905: 30 Juden
Vermutlich lebten einzelne jüdische Familien seit dem Mittelalter hier.
Sie waren Handel und Metzgerwesen tätig.
- Kultur ↑
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Schulen:
1740 Allgemeine hessische Schulreform an der Französischen und der Deutschen Schule; 1821 drei Schulen; 1858 Städtische Schule; 1866 Höhere Privatschule; 1866 Realschule mit Progymnasium, 1910 Volksschule mit sieben Stellen, 1920 Mittelschule, 1946 Städtisches Realgymnasium
1877 Städtische Berufsschule
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Sprachgeschichte (Quellenfaksimiles):
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Historische Ereignisse:
Überschwemmungen 1764, 1785, 1799, 1827, 1830, 1841, 1890, 1943 (Zerstörung der Edertalsperre)
- Wirtschaft ↑
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Wirtschaft:
Wirtschaftliche Bedeutung vor allem durch landesherrliche Förderung; Tuchweberei (1717), herrschaftliche Blaufarbenfabrik um 1730; Hutfabrikation (1738); 1771 Gründung einer Handelskompanie durch Landgraf Friedrich II.; Zigarrenfabrik (1780)
Solequelle um 1730 entdeckt, seit 1763 staatlich betrieben, 1835 geschlossen, ab 1838 als Solbad
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Mühlen:
Tabaksmühle (Weserstraße) bis 1903 mit Wasser betrieben, danach Wasserrad durch Turbine ausgetauscht. Ursprünglich zum Antrieb der Hessischen Saline, dann in Tuchfabrik, später Kau- und Schnupftabakfabrik, ferner Molkerei und Schreinereibetrieb
Blaufarbenmühle (Bremer Landstraße) wurde mit dem Wasser der Diemel über zwei mittelschächtige Wasserräder betrieben, 1930 von der Stadt erworben und stillgelegt
Diemelmühle (Weserstraße 2) wurde mit dem Wasser der Diemel betrieben, der Antrieb erfolgte zunächst über vier unterschlächtige Wasserräder, die 1878 gegen zwei Turbinen ausgetauscht wurden
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Markt:
1719: 1 Wochenmarkt (Freitag), 1801 bestätigt (für Donnerstag)
1785: 3 Jahrmärkte
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Zoll:
Seit 1719 Lasten- und Zollfreiheit für die französischen Siedler
- Nachweise ↑
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Literatur:
- Zögner, Hugenottendörfer in Nordhessen, S. 25-28
- Vogt, Ansiedlungen französischer Glaubensflüchtlinge, S. 72-98
- Kadell, Hugenotten in Hessen-Kassel, S. 246-263
- Denkmaltopographie Kreis Kassel, Bd. I, S. 20-51
- Scholz, Wasser- und Windmühlen im Landkreis Kassel, S. 37-43
- Historisches Ortslexikon Kurhessen, S. 271
- Chr. v. Rommel, Zur Geschichte der französischen Kolonien; in: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 7 (1858), S. 177-179
- R. Franke, Geschichte der Stadt Carlshafen; in: Mitteilungen des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde; 1900; S. 5 f.
- Desel, Pfarrergeschichte des Kirchenkreises Hofgeismar, S. 654ff.
- Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen: Anfang, Untergang, Neubeginn, Bd. 1, S. 347
- E. Herzog/I. Bechert, Artikel Karlshafen, in: Hessisches Städtebuch, S. 272-275
- Zitierweise ↑
- „Bad Karlshafen, Landkreis Kassel“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/2077> (Stand: 29.4.2024)