Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Jakob Ebersmann, Berichte aus der Heimat in den Dieburger Feldbriefen, 1915-1917

Abschnitt 72: Sauerkrautausgabe, Kriegsanleihe, Hungertote

[Nr. 72] Feldbrief vom 8. April 1917

[...] Nur eines fehlt bei unseren kirchlichen Feiern. Das sind die Männer, die jetzt gegen die Feinde des Vaterlandes kämpfen. Hoffentlich hat der Krieg bald ein Ende, damit auch unsere Kirchenfeste wieder ihre schönste Zier erhalten, die katholischen Männer.

Unsere Stadtväter sind jetzt vielfach beschäftigte Herrn. Mit der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung haben sie alle Hände voll zu tun. Bald sind Bohnen, bald Kartoffeln, Sauerkraut, Erdkohlraben, Fische u. s. w. zu verausgaben. Immer wieder sind es die Herrn Stadtverordneten, die mit stets gleicher Freundlichkeit all die kostbaren Dinge verteilen. Kürzlich war ich einmal bei der Sauerkrautausgabe im Marienschulhaus. Da stand in dem Keller Faß an Faß, angefüllt mit duftendem Sauerkraut. Das Pfund kostete zwar 16 Pfennig, aber die Käuferinnen waren so zahlreich, daß bald der ganze Vorrat erschöpft war. Glücklicherweise konnten doch noch alle Wünsche befriedigt werden. Strahlend vor Vergnügen, mit ihrem Sauerkraut-Schatz im Topf, gingen die guten Dieburgerinnen wieder heim. Eine von ihnen sagte noch freundlich zu mir: »Jetzt müssen Sie es noch segnen, damit es nicht all wird."

Am Palmsonntag fand im "Mainzer Hof" eine Versammlung des katholischen Männer- und Arbeiter-Vereins statt. Während derselben hielt Herr Abgeordneter Uebel einen Vortrag über die Weltmachtpolttik Japans. Die sorgfältig ausgearbeitete Rede entrollte ein klares Bild insbesondere von den wirtschaftlichen Bestrebungen des ostastatischen Inselreiches und wurde von den Zuhörern mit größtem Interesse entgrgengenommen. Darauf hielt ich eine kurze Ansprache über die Bedeutung der sechsten Kriegsanleihe für den Kriegsschauplatz und die Heimat. Ich machte darauf aufmerksam, daß auch die deutschen Bischöfe bereits zur Zeichnung der Kriegsanleihe aufgefordert und auf die gewaltige Bedeutung des Ergebnisses für unsere Friedensaussichten hingewiesen hätten. In Dieburg hat die Jungfrauen-Sodalität bei ihren Mitgliedern für die Kriegsanleihe geworben und ein erfreuliches Resultat erzielt. Der Verein als solcher zeichnete 200 M., die einzelnen Mitglieder 5000 M. Auch der Cäcilienverein, die Jünglings-Sodalität und der Gesellenverein beteiligten sich wieder mit ansehnlichen Beträgen. Sogar aus den Schützengräben trafen einige Zeichnungen hier ein. Möge diese sechste Anleihe uns den Frieden bringen.

Die Pfarrbücher bieten im ersten Quartal des Jahres 1917 keinen günstigen Rückblick. Das Taufbuch weist nur 12 Einträge auf, während im Totenbuch 20 Einträge erfolgten. Von den 20 Verstorbenen waren 19 Erwachsene. Früher hatten wir über große Kindersterblichkeit zu klagen; jetzt sterben viele ältere Personen. Bei der spärlichen Ernährung ist es leiht verständlich, daß die Widerstandskraft dieser Leute nur gering ist. Sie sind auch Opfer des Krieges.

Wie der Krieg die Beschlagnahme von Kupfersachen, Orgelpfeifen u. s. w. gebracht hat, so sind neuerdings auch die Glocken beschlagnahmt worden. In Oesterreich sind die meisten Glocken schon längst abgeliefert. Ob sie nun auch bei uns abgeholt werden? Wir hoffen, daß vorher der Krieg zu Ende geht.

Zum Gefreiten befördert wurde Kanonier Karl Wolfenftätter, zum Unteroffizier Heinrich Blank IX.
Die hessische Tapferkeitsmedaille empfingen Karl Wolfenstätter, Musketier Joseph Blank, Unteroffizier Karl Ludwig, Gefreiter Johann Georg Steinmetz, Schütze Jakob Thomas und Gefreiter Josef Sättig.
Durch Verleihung des eisernen Kreuzes wurden ausgezeichnet: Unteroffizier Jak. Herz, Gefreiter Heinrich Blank IX., Ers.-Res. Ad. Stemmler.


Empfohlene Zitierweise: „Jakob Ebersmann, Berichte aus der Heimat in den Dieburger Feldbriefen, 1915-1917, Abschnitt 72: Sauerkrautausgabe, Kriegsanleihe, Hungertote“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/19-72> (aufgerufen am 25.07.2021)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde