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Der Hamburger Reeder Albert Ballin unterrichtet Kaiser Wilhelm II. auf Schloss Wilhelmshöhe vom drohenden Zusammenbruch Deutschlands, 5. September 1918

Der Generaldirektor der 1847 in Hamburg gegründeten Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) Albert Ballin (1857–1918) begegnet dem deutschen Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) auf Schloss Wilhelmshöhe in Kassel, um den Monarchen von der Notwendigkeit eines sofortigen Friedensschlusses zu überzeugen.

Im Auftrag der Heeresleitung beim Kaiser

Den alliierten Truppen war es am 8. August 1918 in der Schlacht bei Amiens gelungen, in die Westfront einzubrechen und die deutschen Truppen auf breiter Front zum Rückzug zu zwingen. Die deutschen Generäle und Oberbefehlshaber des deutschen Heeres Paul von Hindenburg (1847–1934) und Erich Ludendorff (1865–1937) waren angesichts der wachsenden Überlegenheit der Alliierten zu der Überzeugung gelangt, dass Deutschlands Niederlage nun besiegelt sei, und keine andere Wahl bestand, als um Frieden zu bitten. Bevor aber Verhandlungen mit den Westmächten und den USA eingeleitet werden konnten, musste der Kaiser über den bedrohlichen Ernst der militärischen Lage und – sollte es nicht zu einem Friedensschluss kommen – die drohende Gefahr einer Revolution im Inneren unterrichtet werden. Am 20. August 1918 hatte daraufhin Ludendorffs Adjutant Oberst Max Bauer (1869–1929) dem Industriellen Hugo Stinnes (1870–1924) einen Besuch abgestattet, um ihn zu bitten, Ballin davon zu überzeugen, nach Berlin zu reisen um mit der Obersten Heeresleitung in Kontakt zu treten. Der Hamburger Reeder sollte die „peinliche Mission“ (so Ballin) übernehmen, den Kaiser vom drohenden Zusammenbruch des Reiches zu unterrichten. Ballin hatte das Ersuchen zunächst abgelehnt und die vorherige Ablösung des amtierenden deutschen Reichskanzlers Georg von Hertling (1843–1919) gefordert, entschloss sich aber zu Beginn des Folgemonats zu einer weiteren Unterredung mit Stinnes und Major Christian von Harbou, einem Mitarbeiter Ludendorffs.

Erfolgloser Vortrag

Ballin hatte am Vortag, den 4. September, bei seiner telefonischen Bitte um eine Audienz die Mitteilung erhalten, das der Kaiser bereit sei, ihn am heutigen Tag um 13 Uhr zu empfangen. Trotz des schlechten gesundheitlichen Zustands des Monarchen beraten die beiden Männer in Begleitung Friedrich Wilhelm von Berg (1866–1939), dem Chef des Geheimen Zivilkabinetts, bei einem Spaziergang durch die Gartenanlagen des Schlosses Wilhelmshöhe. Ballin äußert die Ansicht, dass Deutschland bei der Suche nach einem Friedensschluss nun die Initiative übernehmen müsse. Verhandlungen sollten jedoch nicht mit England, sondern direkt mit dem amerikanischen Präsident Woodrow Wilson (1856–1924) aufgenommen werden. Aufgrund der Einmischung von Bergs gelingt es Ballin jedoch nicht, wie er es beabsichtigt hatte, ein offenes Gespräch zu führen um den Kaiser schonungslos vom Ernst der Lage in Kenntnis zu setzen und die sofort notwendigen Schritte zu benennen.1 Vielmehr beharren Wilhelm und von Berg auf dem Standpunkt, dass es Sache der Engländer sei, den ersten Schritt zu Friedensverhandlungen zu tun. Vor dem Beginn von Verhandlungen müsse überdies den deutschen Truppen im Westen bis zum Herbst Zeit gegeben werden, sich fest hinter der „Siegfriedstellung“ (die auch unter dem Namen „Hindenburglinie“ bekannte Defensivstellung der deutschen Truppen in Nordfrankreich) zu verschanzen. Erst danach sei daran zu denken, das von Königin Wilhelmina von Holland (1880–1962) ausgesprochene Vermittlungsangebot anzunehmen. Desillusioniert kehrt Ballin nach der Unterredung in sein Kasseler Hotel zurück.
(KU)


  1. Ein von Ballin vorbereitetes Memorandum, das neben den von Deutschland ausgehenden Schritten zu einem Verhandlungsfrieden auch die Modernisierung und Demokratisierung des Reiches als notwendigen Schritt enthielt, ist bei dem Zusammentreffen mit dem Kaiser wohl nicht übergeben worden, vgl. Stubmann 1960, S. 225-227. Offenbar spielte für Ballins Zurückhaltung nicht nur die Einmischung von Bergs eine Rolle, sondern auch der Umstand, dass „ihm, wenn Wilhelm gerade zuversichtlicher Stimmung war, der Mut gefehlt habe, den Kaiser wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen, indem er ihm die volle Wahrheit sagte“, vgl. Cecil 1969, S. 283.
Belege
Weiterführende Informationen
Hebis-Schlagwort
Ballin, Albert;
Empfohlene Zitierweise
„Der Hamburger Reeder Albert Ballin unterrichtet Kaiser Wilhelm II. auf Schloss Wilhelmshöhe vom drohenden Zusammenbruch Deutschlands, 5. September 1918“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/5307> (Stand: 5.9.2020)
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