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Tod Carlo Mierendorffs bei Bombenangriff auf Leipzig, 4. Dezember 1943

Der frühere Darmstädter Reichstagsabgeordnete Carlo Mierendorff (geb. 1897; SPD) stirbt im Alter von 46 Jahren durch den Treffer einer alliierten Fliegerbombe bei einem Luftangriff auf Leipzig. Mierendorff, 1920 in die Sozialdemokratische Partei eingetreten und 1926 bis 1928 Sekretär der SPD-Reichstagsfraktion und Pressereferent des hessischen Innenministers Wilhelm Leuschner (1890–1944), errang bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 ein Mandat im 5. Deutschen Reichstag der Weimarer Republik und wurde dort der jüngste Parlamentsabgeordnete seiner Partei. Als Mitglied im sozialdemokratisch dominierten Veteranenverband „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ und in der „Eisernen Front“ lag der Schwerpunkt seiner politischen Aktivitäten im Kampf gegen die republikfeindlichen nationalistischen Kampfbünde („Schwarze Reichswehr“), die sich als paramilitärische Formationen (und unter Bruch des Versailler Friedensvertrags) seit 1919 bildeten und teilweise von der „offiziellen“ deutschen Reichswehr gezielt unterstützt wurden. Als Reichstagsabgeordneter gehörte er zu den entschiedensten Gegnern der Anfang der 1930er Jahre bedrohlich erstarkenden Nationalsozialisten. Nach der „Machtergreifung“ und der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurde Carlo Mierendorff in Frankfurt am Main verhaftet und 1933 bis 1938 in mehreren NS-Konzentrationslagern inhaftiert. 1938 kam er unter der Auflage frei, auf jede politische Betätigung zu verzichten. Seit 1941 war Mierendorff im engsten Umfeld des „Kreisauer Kreises“ um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg aktiv. Kontakte zu Wilhelm Canaris und Hans Oster knüpfend, bildete er innerhalb der Gruppierung ein Bindeglied zwischen zivilem und militärischem Widerstand. Im Juni 1943 verfasst er einen Aufruf zur Bildung einer Sozialistischen Aktion als überparteiliche Volksbewegung zur Rettung Deutschlands, deren Ziele unter anderem Toleranz in Glaubens-, Rassen- und Nationalitätenfragen, eine sozialistische Ordnung der Wirtschaft, die Enteignung der Schwerindustrie und des Großkapitals sowie der Abbau des bürokratischen Zentralismus und ein organischer Aufbau des Reiches aus den Ländern sind.1 Sein Tod bedeutet für die Arbeit der im Kreisauer Kreis zusammengeschlossenen Kräfte einen schweren Verlust.
(KU)


  1. Vgl. Kreisau-Initiative: Schriften und Dokumente des Kreisauer Kreises: Aufruf Mierendorffs (eingesehen am 4.12.2012)
Belege
  • Wikipedia: Kreisauer Kreis (eingesehen am 4.12.2012)
  • HeBIS Brakelmann, Günter: Die Kreisauer: folgenreiche Begegnungen : biographische Skizzen zu Helmuth James von Moltke, Peter Yorck von Wartenburg, Carlo Mierendorff und Theodor Haubach (Schriftenreihe Forschungsgemeinschaft 20. Juli e.V; 4), 2., korrigierte Aufl., Münster 2004
  • HeBIS Repertorien des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt: 16, Nachlässe zur Geschichte der Arbeiterbewegung im Hessischen Staatsarchiv und im Stadtarchiv Darmstadt, 1: Nachlässe Carl Ulrich (Abt. O 28), Wilhelm Leuschner (Abt. O 29) und Carlo Mierendorff (Abt. ST 45) / bearb. von Eckhart G. Franz, Eva Haberkorn und Heike Rolf, Darmstadt 2003
Weiterführende Informationen
Empfohlene Zitierweise
„Tod Carlo Mierendorffs bei Bombenangriff auf Leipzig, 4. Dezember 1943“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/867> (Stand: 4.12.2020)
Ereignisse im November 1943 | Dezember 1943 | Januar 1944
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