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Berichte über Mißwirtschaft, Verfehlungen und Maßnahmen gegen Homosexuelle, Februar 1936

Der Deutschland-Bericht des SPD-Exilvorstands in Prag (Sopade) für den Monat Februar 1936 gibt eine Zusammenstellung zahlreicher Fälle von Misswirtschaft und Verfehlungen durch NSDAP-Funktionäre und listet Beispiele für die Verfolgung von Homosexuellen auf:
So wird etwa berichtet, dass ein nationalsozialistischer Pfarrer, Mitglied der SA, zu 1 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er sich an schulpflichtigen Knaben vergangen habe. Wegen homosexueller Verfehlungen verhaftet wurden der Heldentenor und der Bühnenbildner des Staatstheaters Wiesbaden. Ein umfangreicherer Fall werde aus Bad Schwalbach berichtet. Dort seien 38 SA-Leute, Arbeitsdienstler und Angehörige des Wehrsportlagers wegen homosexueller Verfehlungen verhaftet worden. Drei von ihnen, darunter der politische Leiter, haben Selbstmord durch Erschießen begangen. In zwei Prozessen seien 20 Angeklagte mit 4 Monaten bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft worden.
Unsittliche Vorgänge hätten im BdM Wiesbaden zu einer Untersuchung durch die Gauleitung geführt. Der Tod eines 16jährigen BdM-Mädchens bei der Entbindung habe dazu den Anlass gegeben. Weitere Minderjährige aus dem BdM lägen zur Entbindung in verschiedenen Krankenhäusern. Im Adolf-Hitler-Haus in Wiesbaden habe der Gebietsführer der Hitlerjugend Hessen-Nassau, Cramer, eine Vereinigung von Homosexuellen gegründet, die er »Liga zur Ablehnung des Weiblichen« nannte. Von den 128 höheren und niederen Führern der Gebietsleitung (der Hitlerjugend) befänden sich jetzt nur noch etwa 40 auf freiem Fuß. Dem Gebietsführer Cramer sei die Gelegenheit gegeben [worden], sich zu erschießen. Ein weiterer Führer habe bei seiner Verhaftung Selbstmord verübt, ein dritter sei, so werde behauptet, erschossen worden. Der vierte sei ins Ausland geflüchtet.
Verfehlungen werden auch aus der Deutschen Arbeitsfront (DAF) gemeldet. So sei der Geschäftsführer der Wormser DAF wegen sexueller Verfehlungen und Trunksucht ein halbes Jahr beurlaubt worden, jetzt sei er Geschäftsführer der DAF in Darmstadt. Ein ehemaliger Kreiswalter der DAF, den man wegen Unterschlagung und Bezug von Sekt aus einer jüdischen Sektkellerei ein halbes Jahr beurlaubt hatte, fungiere jetzt als Kreiswalter der DAF in Hanau.
Auch in Hessen gibt es Beispiele für das Herunterwirtschaften ehemals jüdischer Betriebe durch die Nazigeschäftsführer angeführt: Die Seifenfabrik Wolf in Schlüchtern (Drei-Türme-Seife) sei unter dem früheren jüdischen Besitzer ein rentables Unternehmen gewesen, das die Arbeiter am Gewinn beteiligt hatte. Nachdem man vor etwa eineinhalb Jahren den jüdischen Geschäftsinhaber enteignet und einen Nazigeschäftsführer mit einem Bonzenstab eingesetzt hatte, sei infolge Mißwirtschaft und persönlicher Bereicherung der leitenden Nazibonzen ein Verlust von 400.000 Mark erzielt worden.
(OV)

Belege
Empfohlene Zitierweise
„Berichte über Mißwirtschaft, Verfehlungen und Maßnahmen gegen Homosexuelle, Februar 1936“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/4839> (Stand: 13.7.2020)
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