Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Historisches Ortslexikon

Lohra

Ortsteil · 215 m über NN
Gemeinde Lohra, Landkreis Marburg-Biedenkopf 
Siedlung | Statistik | Verfassung | Besitz | Kirche und Religion | Kultur | Wirtschaft | Nachweise | Zitierweise
Siedlung

Ortstyp:

Dorf; Gemeinde

Lagebezug:

12,5 km südwestlich Marburg

Lage und Verkehrslage:

Geschlossenes Dorf mit regelhaften Grundrissmerkmalen auf breitem, nach Südwest ins Salzbödetal ziehenden Feldrücken. Ortskern mit annähernd rechteckiger Wegeführung. Kirche mit ummauertem Kirchhof und Linde am Nordosten-Rand des Dorfes. Die breite von Südwest-Nordost führende Marktgasse trifft auf den Kirchhof. Moderne Bebauung im Nordwesten, Nordosten und Süden jenseits der Salzböde.

Straßen Damm-Mornshausen und Rollshausen-Willershausen (mit Anschluß an B 255) kreuzen sich im Ortsbereich. Alte Verbindungsstraße Fronhausen-Gladenbach.

Bahnhof der Eisenbahnlinie Weimar/Niederwalgern – Herborn ("Aar-Salzböde-Bahn") (Inbetriebnahme der Strecke 12.5.1894).

Ersterwähnung:

750/779

Siedlungsentwicklung:

Flurname Sachsenhausen am südwestlichen Ortsrand (Hofwüstung). 1366 abgebrannt

Historische Namensformen:

  • Lare (769) [Staatsarchiv Würzburg, Mainzer Bücher verschiedenen Inhalts, Nr. 72, Bl. 183vb)
  • Lare (750/779, nach Abschrift des 12. Jahrhunderts) [Urkundenbuch des Klosters Fulda 1, Nr. 111, wenn nicht Lahr, Kreis Limburg oder Lahr, Kreis Gießen]
  • Larer marca, in (770, nach Abschrift der 2. Jälfte des 12. Jahrhunderts) [Codex Laureshamensis III, Nr. 3684 b]
  • Lare, in (1200/1220) [Klosterarchive 4: Die oberhessischen Klöster 2 S. 257-258, Nr. 546 = S. 376-377, Anhang II (Volltext)]
  • Loher (1339)
  • Laer (1490)
  • Lar (1504)
  • Loer (1518)
  • Lohr (1577)
  • Lohra (1604)

Bezeichnung der Siedlung:

  • locus 750/779;
  • villa 770.
  • Oberdorf 1364 genannt

Siedlungsplätze innerhalb der Gemarkung:

Umlegung der Flur:

1927/1934

Älteste Gemarkungskarte:

1803

Koordinaten:

Gauß-Krüger: 3474114, 5622355
UTM: 32 U 474050 5620546
WGS84: 50.7361246° N, 8.632262251° O OpenLayers

Statistik

Ortskennziffer:

534013040

Flächennutzungsstatistik:

  • 1838 (Kasseler Acker): 1652 stellbares Land, 550 Wiesen, 86 Gärten, 42 Triesche, 1513 Wald.
  • 1885 (Hektar): 1163, davon 401 Acker (= 34.48 %), 126 Wiesen (= 10.83 %), 554 Holzungen (= 47.64 %)
  • 1961 (Hektar): 1162, davon 496 Wald (= 42.69 %)

Einwohnerstatistik:

  • 1467: 28, 1502: 34, 1577: 82, 1630: 67 hausgesessene (einschließlich 3 Witwen). 1681: 52 hausgesesseneMannsch. 1747: 347, 1838: 600, 1885: 750, 1925: 1097, 1939: 1262, 1950: 1863, 1961: 1915 Einwohner - 1861: 521 evangelisch- luth.Einwohner, 18 Juden. 1961: 1656 evangelisch, 240 römisch-katholisch Einwohner - 1592: 29 Bauern mit Pflug, 39 Einläuftige, 13 Eigenleute. 1630: 3 dreispänn., 13 zweispänn., 14 einspänn. Ackerleute, 37 Einläuftige (einschließlich Witwen). - 1746: 3 Müller, 4 Branntweinbrenner, 2 Bender, 1 Rechenmacher, 5 Schneider, 3 Tagelöhner, 4 Tagelöhnermnnen; 2 Juden, die schlachten; 1 Jude, der Geldwechsler und Kleinkrämer ist; 2 Krämer, 1 Fenstermacher, 4 Schmiede, 3 zünftige Leineweber, 2 Schreiner, 2 Wirte, 3 Schweineschneider, 1 Spielmann. 1 Braumeister, 1 Maurer, 1 Bäcker genannt 1838 (Familien): 58 Ackerbau, 36 Gewerbe, 17 Tagelöhner 62 nutzungsberechtigte, 49 nicht nutzungsberechtigte Ortsbürger, 3 Beisitzer. 1961 (Erwerbspersonen): 213 Land- und Forstwirtschaft, 504 Produzierendes Gewerbe, 109 Handel und Verkehr, 114 Dienstleistungen und Sonstiges
  • 1885: 750, davon 664 evangelisch (= 88.53 %), 0 katholisch, 52 andere Christen (= 6.93 %), 34 Juden (= 4.53 %)
  • 1961: 1915, davon 1656 evangelisch (= 86.48 %), 240 katholisch (= 12.53 %)

Diagramme:

Lohra: Einwohnerzahlen 1834-1967

Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: 1. Die Bevölkerung der Gemeinden 1834-1967.
Wiesbaden : Hessisches Statistisches Landesamt, 1968.

Verfassung

Verwaltungsbezirk:

  • 750/779: Lahngau
  • 790: pagus L. (Codex laureshamensis Nr. 3633). L. marca 770 (ebd. Nr. 3684 b.) 1237: Gfsch. Ruchesloh. Um 1400 und später: Gericht im Amt Marburg. Seit 1601 mit Gericht Fronhausen vereinigt. Gericht: iudicium et iurisdictio 1237, iudicium ville 1316, Gericht zu L. 1352. - Beim Verkauf der Gfsch. Ruchesloh an das Erzstift Mainz 1237 behalten sich die Merenberger das Gericht L. vor. Vor 1372 gelangt der Landgraf in den Besitz (eines Teils?) des Gericht, das 1374 den Grafen von Solms verpfändet ist. Den Grafen stehen und a. auch ein Viertel der Fünfschilling-Buße und der Gericht-Hühner zu. 1377 ist den Herren von Buseck das Gericht mit Zubehör vom Landgraf für erlittene Schäden im Sternerkrieg versetzt; um 1400 beziehen die Herren von Buseck einen Teil der Gericht-Gefälle. 1412 beanspruchen die Grafen von Nassau-Saarbrücken ein Viertel des Gericht und der Bußen. 1426 teilt Gf. Bernhard II. von Solms der Stadt Wetzlar mit, ihm stehe das Gericht ebensogut zu wie den Landgrafen Bei der Teilung der Gfsch. Solms 1432 wird Gf. Johann zu Solms-Lich das Gericht L. zugesprochen. Trotz der unklaren Rechtsverhältnisse ist zu vermuten, daß die Landgrafen im Laufe des 15. Jahrhundert faktisch die ausschließliche Gerichtherrschaft erlangt hatten, nachdem ursprgl. wohl die Grafen von Solms und von Nassau-Saarbrücken je ein Viertel des Gericht besaßen. Zwar unterhält 1412 Nassau-Saarbrücken noch einen Schultheiß, doch kann dieser nur noch über den Anteil der Gericht-Gefälle verfügen. 1577 erhalten beide Grafen-Häuser lediglich gewisse Gericht-Gefälle. 1571 sind die Gericht L. und Oberwalgern durch Personalunion des landgräflich Schultheißen vereinigt; Abgaben und Dienste leisten Oberwalgern, Bellnhausen, (Wüstung) Damm und Niederwalgern bereits seit dem 14. Jahrhundert an das Gericht L., das 1529 als Oberhof für das Gericht Oberwalgern bezeichnet wird. 1601 werden die Gericht L. und Fronhausen vereinigt. 1686 verlegt der Amtsschultheiß seinen Sitz von L. nach Fronhausen; einmal wöchentl. Amtstag in L. - Gerichtbarkeit umfaßte wohl stets die niedere und peinl. Fälle. - Auf Gerichtstätten deuten die Flurnamen: das alte Ding (Gemarkung Nanz-Willershausen; ca. 1,5 km nördlich Lohra), Urteilsberg (ca. 1,3 km sw. Lohra), Hessengalgen (ca. 600 m nördlichKirchvers). - Grebe 1370, Landschöffen 1396, Schultheiß 1446, Unterschultheiß 1606. - Vogtei: 1297 verkaufen die Herren von Kalsmunt den Grafen von Solms die Hälfte der Vogtei L. 1312: solms. Lehen der Herren von Göns, die 1534 die von Buseck belehnen. 1592 verfügt der Landgraf über Vogteirechte in L. Nach dem Anfall des Erbes der Herrschaft Eppstein-Königstein belehnt das Erzstift Mainz 1624 die Schutzbar von Milchling mit der Vogtei L. Zumindest ein Teil der anderen Hälfte ist 1428 eppstein. Lehen der von Schutzbar genannt Milchling; 1624 nach dem Anfall des Erbes der Herrschaft Eppstein-Königstein mainzisch Lehen der von Schutzbar
  • 1807-1813: Königreich Westphalen, Departement der Werra, Distrikt Marburg, Kanton Lohra
  • 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Marburg
  • 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Marburg
  • 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Marburg
  • 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Marburg
  • 1945: Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Marburg
  • 1946: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Marburg
  • 1974: Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Marburg-Biedenkopf

Altkreis:

Marburg

Gericht:

  • 1821: Justizamt Fronhausen
  • 1867: Amtsgericht Fronhausen
  • 1902: Amtsgericht Gladenbach
  • 1948: Amtsgericht Marburg

Gemeindeentwicklung:

Zur Entwicklung der im Zuge der hessischen Gebietsreform neu gebildeten Gemeinde s. Lohra, Gemeinde. Sitz der Gemeindeverwaltung ist Lohra.

Besitz

Grundherrschaft und Grundbesitzer:

  • 750/779 schenken Adelman und seine Gattin Odalswint Kloster Fulda ihren Besitz in Lohra mit allem Zubehör (Identifizierung mit Lohra fraglich; vgl. Ziff. 2 b). 770 schenkt Aldrad Kloster Lorsch einen Herrenhof sowie 13 Hufen (sortes id est hubanne) und eine Anzahl Manzipien.
  • 780/800 verfügt Kloster Lorsch über 17 Hufen in Lohra (1 Herren-, 8 Servil-, 8 Lazenhufen).
  • 790 und 792 erhält das Kloster 2 Bifänge in Lohra marca.
  • Ende 9. Jahrhundert besitzt Lorsch 1 Herrenhufe, 23 Servilhufen und 150 Manzipien; sicher nicht allein auf Lohra zu beziehen.
  • 1200/1220 hat das Stift Wetter ein Mannlehen von 1 Hufe in Lohra.
  • 1250/60 sind die von Linden mit eppsteinischen Gütern belehnt.
  • 1282/83 verfügen die Dynasten von Eppstein über 6 Hufen Ackerland in Lohra.
  • Um 1320 ist das Lehen der von Linden in der Hand der von Schutzbar; 1624 nach dem Anfall der Herrschaft Eppstein-Königstein mainzisches Lehen der von Schutzbar.
  • 1325 verfügt das Erzstift Mainz über Einkünfte aus Güterbesitz in Lohra; es dürfte sich hierbei um Teile jener Güter handeln, die das Erzstift ca. 1313 vom Ritter Wolfram Zenichin von Bommersheim im Gericht Lohra erwarb und die zwischen 1341 und 1607 wiederholt verpfändet wurden.
  • 1291 und 1305 erwirbt Kloster Caldern Güterbesitz; 1431 ist das sogenannte Waldgut des Kloster zu Landsiedelrecht verpachtet.
  • 1341 erwirbt der Deutsche Orden - Marburg von dem Ritter Konrad von Buchenau den halben Teil seines Hofes in Lohra; 1358/75: 1 Deutsche Orden-Hof, später 3 Höfe, die vor 1707 veräußert sind.
  • 1494 verfügt der Landgraf über 8 dienstbare Pflüge in Lohra.

Ortsadel:

1240-1316. - Vgl. auch Wüstung -> Stallhof

Kirche und Religion

Ortskirchen:

Patrozinien:

  • Martin (1518 und 1520, HStAM Bestand 257, J 36 und S 223)

Pfarrzugehörigkeit:

Send- und Pfarrkirche. Eingepfarrt waren 1577 und später: Damm, Nanzhausen, Willershausen, Reimershausen sowie die 1630 und später als Filiale bestehenden Kirchen von Altenvers, Rollshausen und Seelbach.

Patronat:

1284 (Gudenus II Nr. 190) und 1577 solmsisches Lehen der Vögte von Fronhausen; seit deren Aussterben 1585 Solms-Lich Patron.

Bekenntniswechsel:

Erster evangelischer Pfarrer: Heinrich Orth 1519/20-1574, seit 1526 evangelisch

Reformierter Bekenntniswechsel: 1606, 1624 wieder lutherisch.

Kirchliche Mittelbehörden:

Im 15. Jahrhundert Sedes im Dekanat Amöneburg

Juden:

Provinzial-Rabbinat Marburg; Im 19. Jahrhundert bildeten Lohra, Roth und Fronhausen eine Gemeinde.

Juden seit dem 18. Jahrhundert im Ort nachweisbar

1744: 3, 1746: 15, 1835: 21, 1906: 30 Juden.

Die genutzte Synagoge befindet sich in Fronhausen534009000; nach 1933 besuchten die Juden aus Lohra den Gottesdienst in Gladenbach.

2 Friedhöfe, Lohra I und Lohra II, der älter liegt am Steinweg, der neuere im allgemeinen Friedhof an der Schulstraße. (alemannia-judaica)

Wirtschaft

Mittelpunktfunktion:

Markt- bzw. Gauvorort im 8. Jahrhundert; Umfang und Funktion dieser Verwaltungsbezirke ungeklärt. 770 liegt -> Neuendorf, 789 ->Wambach (?) in L. marca; 790 Erfurtshausen im L.-Gau. - Mittelpunkt einer umfangreichen Villikation des Kloster Lorsch im 8. Jahrhundert ( siehe Ziff. 3 b). Vorort des Gericht L. Gerichtumfang 1374 und später: Altenvers, (Wüstung) Bracht, Damm, Holzhausen, Kirchvers, Lohra, Nanzhausen, Oberwalgern, Rodenhausen, Rollshausen, Seelbach, Weipoltshausen, Willershausen. 1412: Reimershausen; 1492 auch: Belinhausen. Niederwalgern gehört 1571 mit Diensten nach Lohra, geht aber an das Gericht Reizberg. - 1807-1813: Kantonssitz. - Der Sendbezirk L. umfaßte im 15. Jahrhundert: Altenvers, Damm, Kirchvers, L., Reimershausen, Rodenhausen, Rollshausen, Seelbach, Weipoltshausen, Willershausen; hinzuzurechnen ist ferner Nanzhausen

Nachweise

Literatur:

Zitierweise
„Lohra, Landkreis Marburg-Biedenkopf“, in: Historisches Ortslexikon <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/9217> (Stand: 16.10.2018)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde