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Hessian Biography

Portrait

Rudolf Prestel
(1898–1979)

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Prestel, Rudolf [ID = 14311]

* 27.8.1898 Göggingen bei Augsburg, † 19.8.1979 Leonberg, evangelisch
Dr. jur. – Sozialreferent, Sozialmanager, Kommunalbeamter, Stadtrat
Other Names | Activity | Family Members | References | Life | Citation
Activity

Career:

  • Realgymnasium in Augsburg, 1916 Abitur
  • 1916 Kriegsdienst; Kriegsverletzungen
  • 1918-1923 Studium der Rechtswissenschaft an der Universität München
  • 1923 Erste Juristische Staatsprüfung
  • 1924 Promotion in Erlangen
  • 1926 Zweite Juristische Staatsprüfung
  • 1926-1936 Wissenschaftlicher Referent beim Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge in Frankfurt am Main, dabei enger Mitarbeiter von Wilhelm Polligkeit
  • 1.5.1933 NSDAP-Mitglied: Nr. 2 711 272
  • 1934/35 nebenamtliche Lehrtätigkeit am Seminar für soziale Berufsarbeit, von 1937-1945 Mitglied der Prüfungskommission
  • 1935-1945 Dozent an der Frankfurter Frauenschule für Volkspflege
  • Mitglied im NSV, "Kreisschulungsbeauftragter" der NSV
  • Mitglied in der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung für Schwerkriegsbeschädigte und Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges
  • Mitglied im NS-Reichskriegerbund Kyffhäuser
  • Mitglied im Reichskolonialbund
  • Mitglied im Reichsbund Deutscher Beamter
  • 15.8.1936 juristische Hilfskraft der Stadt Frankfurt am Main
  • 15.2.1937 verbeamtet als Magistratsrat, Amtsjurist des Sozialdezernats
  • 1937-1945 im Pflegamt des St. Katharinen- und Weißfrauenstiftes
  • 1938 ehrenamtlicher Mitarbeiter des Hauptamtes für Volkswohlfahrt
  • 11/1944 Vorstandsmitglied der Max und Rosalie Budge´schen Stiftung
  • 3.4.1945 Sozial- und Gesundheitsdezernent
  • 26.5.1945 Leitungsenthebung durch Bürgermeister Hollbach
  • 11.6.1945 Entlassung mit sofortiger Wirkung auf Befehl der US-Militärregierung
  • 5.7.1945 Hauptuntersuchungsausschuss der Stadt Frankfurt hatte keine Bedenken für eine Wiederbeschäftigung
  • 27.8.1946 Spruchkammer „entlastet“ ihn
  • CDU-Mitglied
  • 26.9.1946 Wahl zum hauptamtlichen Stadtrat als Jugend- und Sozialdezernent
  • 1948 und 1954 wiedergewählt
  • 5.6.1952 zusätzlich für das Ausgleichsamt zuständig
  • 1.7.1954 nur Sozialdezernent
  • Vorsitzender des Sozialausschusses des Hessischen Städtetags und der Vereinigung der Wohlfahrtsdezernenten
  • Mitglied im Sozialausschuss des Deutschen Städtetags
  • Mitglied des Bundesjugendkuratoriums für Jugendfragen
  • Mitglied im Arbeitsausschuss für Fragen der Fürsorge beim Bundesozialministerium
  • stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge
  • Vizepräsident der Stiftung Hilfswerk Berlin
  • geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Trägervereins des Frankfurter Seminars für soziale Berufsarbeit
  • Mitglied im Verein zum Betrieb gemeinnütziger Einrichtungen
  • Mitglied im Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe
  • Dozent am Seminar für soziale Berufsarbeit
  • wirkte intensiv mit an der Reform des Sozialhilferechts wie an der Novellierung des Jugendwohlfahrtsrechts
  • 30.6.1966 Ruhestand
  • Mitglied in der Augsburger Freimaurerloge „Augusta“
  • 1958 Ehrenplakette der Stadt Frankfurt
  • 1966 Freiherr-vom-Stein-Plakette des Landes Hessen
  • 1973 Ernst-Reuter-Plakette der Stadt Berlin
  • 1978 Stadtältester von Frankfurt am Main
  • 1980 Einweihung eines Rudolf Prestel-Hauses in Frankfurt am Main (Praunheim), 1998 Namensänderung

(Art-) Works:

  • Dissertation: Sowjetrussisches Recht vor Europäischen Gerichten [anscheinend nicht veröffentlicht].
  • Rudolf Prestel, Hans Pehl, Aus der Jugendschutzarbeit der Stadt Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1938.
Family Members

Partner(s):

  • Walck, Johanna, *15.3.1900, Heirat 22.6.1928
References

Sources:

  • Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main: PA 136.152

Bibliography:

  • Frankfurter Biographie, Bd. 2, Frankfurt am Main 1996, S. 153 f. (Reinhard Frost)
  • Harry Herrmann-Hubert, Jugendfürsorge, Jugendwohlfahrt und Jugendhilfe. Zur Geschichte des Jugendamtes der Stadt Frankfurt am Main. Bd. 2: Von 1945 bis 2014, Frankfurt am Main 2014, S. 148-159
  • Jutta Heibel, Rudolf Prestel - Amtsjurist in der NS-Sozialverwaltung, in: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 65 (1999), S. 259-305
  • Jutta Heibel, Biographische Darstellung der Tätigkeit Dr. Rudolf Prestels in der Zeit des Nationalsozialismus und als Stadtrat in den Jahren 1946-1966. Ein Gutachten im Auftrag des Frankfurter Verbandes für Alten- und Behindertenhilfe e.V. [Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main: S6a 579]
  • Joachim Rotberg, Matthias Zimmer, Aus Liebe zu Frankfurt. Erinnerungen und Streiflichter aus 60 Jahren CDU, Frankfurt am Main 2005, S. 288f.
Life

Rudolf Prestel war ein Sozialmanager und -politiker, der weit über Frankfurt hinaus das Leben vieler Menschen in vier Jahrzehnten maßgeblich beeinflusst hat.

Die ersten zwei Jahrzehnte seiner beruflichen Laufbahn waren von seiner Beziehung zum Sozialplaner Wilhelm Polligkeit geprägt: Prestel arbeitete für ihn als enger Mitarbeiter beim Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge. Als diese Institution nach Berlin umzog, wurde Prestel mit Polligkeits Unterstützung Mitarbeiter der Stadt Frankfurt, wo er umgehend eine zentrale Rolle in der Sozialverwaltung einnahm.

Im NS-Staat wurden in der Stadt Frankfurt die Dezernenten als Amtsleiter bezeichnet, um das Führerprinzip für den NS-Oberbürgermeister deutlich werden zu lassen. Weil dieser Begriff für die Verwaltungsspitze fehlt, ist es problematisch, Prestels Tätigkeiten in der Stadtverwaltung während der NS-Zeit festzumachen. So war er „Rechtswahrer (NS-Terminologie) für das Fürsorgeamt, Jugendamt, Stadtgesundheitsamt, Rechtsamt/Abteilung Standesämter, Polizeiangelegenheiten/Abteilung Gesundheitspolizei und Abteilung Wohnungs- bzw. Obdachlosenpolizei“. In den ersten Jahres des NS-Staates trieben Städte aus eigener Motivation sozialrassistisches Unrecht voran. Gerade auch in Frankfurt sollten damit Sozialausgaben verringert oder auf Opfer abgewälzt werden. Prestel hatte hierbei eine zentrale Stellung inne.1 „Darüber hinaus lassen die Niederschriften über die regelmäßigen“ Besprechungen der Dezernenten „mit Krebs erkennen, dass die Führungskräfte des Fürsorge- und Jugendamtes in aller Regel in eigener Initiative aus dienstlichem, fachlichem oder politischem Interesse dem Oberbürgermeister Angelegenheiten zur Entscheidung vortrugen.“ „Dieser nahm die Vorträge in aller Regel nur noch zur Kenntnis bzw. musste den bis zur Entscheidungsreife vorbereiteten Vorgängen nur noch zustimmen.“ Von daher wird Prestel formal verantwortlich in die Unrechtsentscheidungen in seinen Tätigkeitsbereichen eingebunden gewesen sein; er wird ein umfassendes Wissen über entsprechende Untaten gehabt und sie in vielen Fällen aktiv befördert haben. Es „ist festzustellen, dass alle entscheidungsrelevanten Schriftstücke wie z.B. Dienstanweisungen, Rundverfügungen, Antwortentwürfe, Aktenvermerke oder sonstige Vorlagen für den Oberbürgermeister etc. mit .. Unterschriften bzw. Paraphen ... versehen sind.“2

Prestel arbeitete eng zusammen mit Polizei und Partei: „Um den Problemen mit aufsässigen Jugendlichen der Swing-Jugend … begegnen zu können, wird unter seiner Mitwirkung bei einer Besprechung mit dem OB vorgeschlagen, dass unbeschadet der strafrichterlichen Ahndung das Jugendamt gegebenenfalls im Einvernehmen mit Vormundschaftsrichter und Gestapo geeignete Maßnahmen der Unterbringung in Verbindung mit dem Heimathof Herzogsägmühle einleitet ... Hier dürfte Prestel derjenige gewesen sein, der die Herzogsägmühle ins Gespräch gebracht hat.“3 Herzogsägmühle war eine Vorstufe zum Konzentrationslager (Wolfgang Ayaß). Bei „der Polizei-Verordnung zum Schutze der Jugend avancierte Prestel gar zum Sonderbeauftragten der Standortführung der Hitler-Jugend“.4 Er nahm 1939 „wiederholt an polizeilichen Streifen“5 teil.

In der Frankfurter Stadtverwaltung wusste man von der Euthanasie, weil die Stadt bei Pflegepatienten „für mehr als die Hälfte der kommunalen Beiträge an den Bezirksverband aufkam“. Und es „entwickelte das Frankfurter Fürsorgeamt selbst auf Anfragen hin keinerlei Interesse, dem tausendfachen plötzlichen Tod seiner Fürsorgeempfänger nachzugehen.“6 Prestel war beteiligt am Abwiegeln von Fragen.7

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Wilhelm Polligkeit für Prestel bei dessen Spruchkammerverfahren ein und für dessen Etablierung als Stadtrat.8 Prestel wiederum hat sich 1947 für die Einstellung des sog. Zigeunerforschers Robert Ritter „stark engagiert“. 1948 stellte Prestel dann Ritters frühere Mitarbeiterin Eva Justin ein. Proteste änderten nichts an Prestels Haltung zu ihr. Schließlich wurde sie sogar für die „wissenschaftliche Untersuchung von Familien“ in einem Wohnwagenstandplatz herangezogen, also ihren früheren Opfern. Auch noch 1964 verwandte sich Prestel für sie.9

Als Frankfurter Sozialdezernent weitete Prestel sozialstaatliche Hilfen aus und aktivierte die Unterstützung durch gemeinnützige Einrichtungen; sein „besonderes Verdienst aber ist die Errichtung von Sozialstationen, mit denen die Sozialverwaltung dezentralisiert wurde“.10

Gunter Stemmler


  1. Zitat und Nachweis siehe Heibel, Prestel, S. 265.
  2. Zitate siehe Harry Hubert, Jugendfürsorge, Jugendwohlfahrt und Jugendhilfe. Bd. 1: Von den Anfängen bis 1945, Frankfurt am Main 2005, S. 334f.
  3. Anne-Dore Stein, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen. Wilhelm Polligkeit zwischen individueller Fürsorge und Bevölkerungspolitik im Nationalsozialismus, Wiesbaden 2009, S. 270f.
  4. Herrmann-Hubert, Jugendfürsorge, S. 152.
  5. Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main, MA 3.883, Bl. 99.
  6. Zitate siehe Peter Sandner, Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus, Gießen 2003, S. 701.
  7. Siehe Peter Sandner, Die „Euthanasie“-Gasmorde in Hadamar 1941, in: www.frankfurt1933-1945.de [Stand 15.1.2007].
  8. Siehe Matthias Willing, Der Deutsche Verein von 1945 bis 2005, in: Forum für Sozialreformen. 125 Jahre Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, Berlin 2005, S. 117-264, hier S. 123.
  9. Zitate und Nachweise siehe Herrmann-Hubert, Jugendfürsorge, S. 66-68, 74f.; Peter Sandner, Nachkriegskarrieren von Robert Ritter und Eva Justin in Frankfurt 1947-1966, in: www.frankfurt1933-1945.de, [Stand: 10.9.2008].
  10. Frankfurter Biographie. Bd. 2, S. 154.
Citation
„Prestel, Rudolf“, in: Hessische Biografie <https://www.lagis-hessen.de/pnd/122050606> (Stand: 9.5.2020)
 
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