Hessian World War I Primary Sources

Contents
- Ausmarsch und Fahrt zur belgischen Grenze
- ...
- Ruhige Pfingsten an der Front, Gedanken an die Heimat
- Reaktionen auf den Kriegseintritt Italiens
- Bau einer großen Scheinstellung
- Vermessungs- und Ausbauarbeiten, Ruhe an der Front
- Ausbau der Stellungen, feindliche Patrouillen
- Patrouillen gegen den Feind, Beschuss, Frontleben
- Heftiger Beschuss im Unterstand, Beerdigung
- ...
- Rückfahrt von der Somme nach Deutschland
Illustrations
↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915
Abschnitt 30: Vermessungs- und Ausbauarbeiten, Ruhe an der Front
◀ [294-295]
G.C. Auf dem Apfelbaum bin ich zwei Stunden wohl sitzen geblieben. Das Wetter war sichtig, Kugelwolken schwammen am weiten Himmel dahin, zur Linken stieg in der Ferne ein Fesselballon auf, vor mir lag A. im Sonnenglanze, und zur Rechten leuchteten die Schieferdächer des neutralen E. Es war so ein rechter Frühlingsmorgen, aber mich lockte doch mein Bett mit seinem neuen Strohsack. Aber als ich um 10 Uhr heimkam, hieß es: „Sie müssen sofort wieder raus und die Bataillons- und Kompagnie-Grenzen bei der vierten Stellung abstecken." Da bin ich durch die heißer gewordene Gegend wieder hinausgepilgert und habe bis zum Nachmittag weitergearbeitet, Tafeln angebracht, gemessen und abgesteckt. Meine Füße brannten und ich war müde zum Umfallen. Aber als ich dann wieder daheim mit vielen Störungen drei Stunden geschlafen hatte, wurde ich schon wieder herausgeschmissen. Nachtarbeit wartet meiner. Unsere zweite Stellung ist noch nicht fertig, es fehlt noch ein großes Stück Drahthindernis, das soll ich fertig bauen.
Um 7 Uhr mußte ich also abermals wieder an meine Arbeit, ich mußte zur zweiten Stellung vor, um Drahthindernisse zu bauen. Auf französischer Seite herrschte in dieser wundervollen Vollmondnacht eine unheimliche Stille, kein einziger Gewehr- oder Kanonenschuß war zu hören. Um 11 Uhr flammten auf der ganzen französischen Front grüne Raketen ans. Was haben die zu bedeuten? — Keiner konnte Aufschluß geben. Die Franzosen unternahmen nichts, aber unsere schwere Artillerie, die nicht weit von uns entfernt wohlversteckt steht, feuerte sofort 50 schwere Granaten hinüber, die pfeifend und heulend ihre Bahn über uns weg zogen.
30.5.15. Leutnant Sch. sagt mir, daß wir einen großen französischen Angriff zu erwarten haben. Unsere Division sowie die beiden benachbarten Divisionen werden die Angegriffenen sein. Es ist durch Flieger und Beobachtungen aus dem Fesselballon einwandfrei festgestellt, daß große Truppenmassen auf dem Marsche sind, doch kann es immerhin Scheinmanöver sein. Aus verschiedenen Anzeichen (Auftauchen von anscheinend denselben Schimmeln) kann man wieder schließen, daß es nur Irreführungen sein sollen.
Als ich abends in Stellung ging, wußte meine Bereitschaftskompagnie schon Bescheid. Es war ihnen mitgeteilt worden, außerdem sind sämtliche Truppen unserer Division jetzt in erhöhter Bereitschaft. Zur rechten Hand stand zum ersten Male der goldgelbe Fesselballon am Abendhimmel. Es war wieder so ruhig wie gestern, als wenn kein Schuß diese wundervolle Stille entweihen wollte. Unsere ganze Kompagnie hat Nachtarbeit. Ich habe vor der vordersten Stellung das Drahthindernis noch einmal zu verstärken, der große Rest der Kompagnie baut mit 2 Kompagnien Infanterie Verbindungsgräben zur zweiten Stellung. Reserve-Artilleriebeobachtungsstände, Grabenwehren soll ich morgen bauen. — Heute hatte ich zum ersten [S. 295] Male mein Gewehr wieder mitgenommen, aber es blieb ruhig, und als ich nachts um 5 Uhr unter dem sternenklaren hellen Nachthimmel mit unserm Wagen heimwärtsfuhr, hatte ich immer noch nicht einen einzigen Schuß gehört. Das kommt einem sehr seltsam und unheimlich hier draußen vor. Überall die Front entlang flogen die weißglänzenden Leuchtraketen zum Himmel, dazwischen mischten sich rote und sternförmige. —
31. 5. und 1. 6. 15. Ich habe wie alle fieberhaft zu arbeiten. Man kommt kaum zum Schlafen, 15 Stunden habe ich an beiden Tagen hintereinander gearbeitet, bald war ich bei der neuen Stellung hinter A., bald in X. oder im Schützengraben. Infanterie und Pioniere arbeiten die Nächte hindurch mit Pickel und Spaten, dicht hinter unserm Schützengraben sind sie mit der Anlage von Gräben beschäftigt, die wir mit großen Mengen Handgranaten ausstatten. 60 Mann verbessern weiter das Drahthindernis, nun können sie kommen.
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| Persons: | Fischmann, Wilhelm |
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| Keywords: | Fesselballons · Vermessungsarbeiten · Drahthindernisse · Franzosen · Artillerie · Flugzeuge · Flieger · Scheinmanöver · Gewehre · Leuchtraketen · Schützengräben · Handgranaten |
| Recommended Citation: | „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 30: Vermessungs- und Ausbauarbeiten, Ruhe an der Front“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/164-30> (aufgerufen am 08.05.2026) |


