Hessian World War I Primary Sources

Contents
- Ausmarsch und Fahrt zur belgischen Grenze
- ...
- Gerüchte vom Eintritt Italiens in den Krieg
- Ruhige Pfingsten an der Front, Gedanken an die Heimat
- Reaktionen auf den Kriegseintritt Italiens
- Bau einer großen Scheinstellung
- Vermessungs- und Ausbauarbeiten, Ruhe an der Front
- Ausbau der Stellungen, feindliche Patrouillen
- Patrouillen gegen den Feind, Beschuss, Frontleben
- ...
- Rückfahrt von der Somme nach Deutschland
Illustrations
↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915
Abschnitt 29: Bau einer großen Scheinstellung
◀ [280-281]
Der 26. bis 28. Mai [1915] verlief für mich recht beschäftigungslos. Die Sonne drückte glühend heiß, ich habe im hohen Grase gelegen und abends meine Transporte zur Stellung begleitet. Es ist Arbeit, die mir wenig zusagt, ich habe um andere Arbeit gebeten. Heute abend soll ich nun mit Leutnant Sch. unsere zweite Stellung abgehen. Durch die Fehler von E. klug geworden, sind unsere Pioniere jetzt mit Hochdruck dabei, diesen bereits ausgehobenen Graben zu befestigen, 15 m breite dichte Stacheldraht-Hindernisse anzulegen und breitere Schulterwehren einzubauen.
Das Arbeiten an dieser zweiten Stellung ist wenig angenehm. Der Leichengeruch ist hier stellenweise so durchdringend, und ganz besonders gerade bei Nacht, daß man kaum atmen kann. Unter den [S. 281] Trümmern, besonders der etwas vor dem Dorfe nach der feindlichen Stellung hin liegenden Fermen, liegen viele Tierkadaver, und es wird uns kaum gelingen, diese zu verscharren. Chlorkalk wird überall in Mengen verstreut, damit hier keine Seuchen ausbrechen sollen, wegen unserer Schutzpocken-, dreimaligen Typhus- und dreimaligen Choleraimpfung ist damit ja wohl auch weniger zu rechnen.
29. Mai 1915. Gestern nachmittag um 5 Uhr erhalte ich unerwartet einen recht interessanten Auftrag. Ich soll mit Leutnant Sch. eine vierte Scheinstellung hinter A. noch abstecken. Ich habe mich gefreut, einmal in eine andere schöne Gegend zu kommen. Ich lief mit einem Pionier nach der großen Fabrik zu. Hier sah ich riesige Truppenmassen wie die Ameisen über die Felder hin- und herlaufen und Schützengräben ausheben und Drahthindernisse von 10 bis 50 m Tiefe anlegen. Landstürmler, Landwehrleute und Arbeiterkompagnien arbeiteten fieberhaft vom Morgen bis in die Nacht, man sagte mir, daß in 4 Tagen diese Linie von vielen Kilometern gebaut sein müsse.
Mich hat diese wundervoll ausgebaute Stellung in Erstaunen gesetzt, vor 14 Tagen zog ich noch hier durch die Felder, da wurden Projekte und Pläne gemacht, und jetzt steht dieses taktisch großartige Werk, nach ganz anderen Gesichtspunkten angelegt, schon fertig da. Eine bessere Bauleitung als unsere Militärverwaltung gibt es einfach nicht, wenn so ein Privatunternehmer bauen könnte! Für Flieger ist die Anlage völlig unsichtbar. Ich habe dicht davor gestanden und von einem ausgehobenen Graben nichts gesehen. Die ausgeworfene Erde ist glatt verstreut, der Graben mit grauen Faschinenbündeln zugedeckt, und dann sind auf diese ganze lange Fläche wieder Zuckerrüben gesteckt oder Grasbüschel eingepflanzt. Die Linie ist dem Gelände überall angepaßt, jeder Schütze hat ein weites übersichtliches Vorfeld, Talmulden werden durch flankierende Maschinengewehre gesichert.
Wenn es den wütenden und enorme Opfer kostenden Angriffen der Franzosen doch schließlich einmal gelingen sollte, ein Paar Kilometer wieder zu erobern, so wird sich hier jeder Angriff brechen. Und wenn die Verteidigungsanlagen überall so sind wie hier, so können wir jetzt schon unseres Sieges über Frankreich ganz sicher sein, hier wirft uns niemand heraus.
Mehrere hundert Meter hinter dieser Stellung habe ich diesen Abend, die ganze Nacht bis zum Morgen eine Scheinstellung mit weißem Band abgesteckt. Es war ein schönes Arbeiten beim Abendrot und dann beim Vollmondschein. Um 3 Uhr morgens kam schon der Train mit einigen tiefackernden Pflügen, um diese Linie umzuwenden, und eine Stunde später war die Infanterie schon damit beschäftigt, Schulterwehren anzudeuten, der Schützengraben war wirklich fein vorgetäuscht. Als um 7 Uhr der erste feindliche Flieger kam, habe ich mich in einen blühenden Apfelbaum gesetzt, mein Frühstück herausgeholt und mich gefreut, als er richtig auf den Leim hereinfiel. Er flog recht tief die ganze Linie entlang und wird wohl wertvolle Ausnahmen gemacht haben. Erst als viele weiße Schrapnellwölkchen um ihn herum platzten, ist er wieder nach Westen heim.
▶
| Persons: | Fischmann, Wilhelm |
|---|---|
| Keywords: | Leutnante · Pioniere · Drahthindernisse · Scheinstellungen · Schützengräben · Landsturm · Landwehr · Arbeiterkompanien · Flieger · Maschinengewehre · Franzosen · Schrapnells |
| Recommended Citation: | „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 29: Bau einer großen Scheinstellung“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/164-29> (aufgerufen am 07.05.2026) |

