Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessian World War I Primary Sources

↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915

Abschnitt 31: Ausbau der Stellungen, feindliche Patrouillen

[295-296]
2.6.15. Wie immer verbrachte ich den Vormittag auf meinem Strohsack, nachmittags zog ich hinaus nach X., um dicht am Depot einen Unterstand für Leutnant Sch. und mich und einen für die Depotmannschaft anzulegen. Als ich bis 8 Uhr abends mit Pickel und Spaten angestrengt gearbeitet hatte, kam Leutnant Sch. und gab mir den Befehl, vorn in der Stellung in einem vorgeschobenen Horchposten 6 Minenwerfer einzubauen. — Ich hatte mich so sehr auf das Ausruhen gefreut, aber vorwärts, in diesen Tagen darf uns keine Arbeit zu viel werden.
Um 10 Uhr begannen wir unsere Arbeit. Mannschaften, Unteroffiziere und unser Leutnant arbeiteten mit Ablösung mit dem Spaten, um die Batterie einzubauen. — Um 12 Uhr kam eine Patrouille von uns, 9 Mann Infanterie, die von diesem Punkt aus, der 90 m vom Gegner entfernt liegt, hinaus wollten, um dicht vor der französischen Stellung eine schwarzweißrote Fahne einzupflanzen. Sie hofften, dort in der kommenden Nacht einen Gefangenen zu machen.
Nun waren von verschiedenen Posten Meldungen eingelaufen, daß Franzosen am Drahthindernis seien. Ich selbst habe die Überzeugung, daß sie an einer Stelle, wo ich Obacht gab, Drähte zerschnitten haben. Trotzdem durften wir nicht schießen, da von uns eine Patrouille draußen war. Der Kompagnieführer erklärte kurz, wir sähen in den letzten Tagen Gespenster.
Leutnant Sch. und ich gingen zum Horchposten vor. Plötzlich ruft er: „Da ist einer!", springt aus dem Graben, „Qui vive!", keine Antwort, und — bums, da schießt er auf den vermeintlichen Franzosen einen Revolver ab und springt auf ihn zu. Diesmal war's aber wirklich keiner. — Trotz der Schreierei antworteten die Franzosen mit keinem Schuß, auch schossen sie keine Leuchtkugeln ab. Nun wurden Patrouillen hinausgeschickt, Leutnant Sch. und ich gingen ebenfalls auf diesem vorgeschobenen Horchposten vor.
Wir waren noch keine 50 m vorgekrochen, als wir starkes Feuer bekamen, ein Schuß, der aus allernächster Nähe abgegeben war, sauste ganz dicht an meinem Kopfe vorbei. Wir wurden richtig von einer starken französischen Patrouille beschossen. Ich hatte als einzige Verteidigungswaffe mein Seitengewehr, Leutnant Sch. seinen Revolver. Noch eine Salve gaben sie über uns weg ab, dann haben wir gemacht, daß wir uns verdrückten.
Ich habe dann am Einbau unserer Minenwerfer weitergearbeitet und diese einfachen und doch so sehr wirksamen neuen Instrumente mit 25 Mann Infanterie vorgeschafft. Um 7 Uhr war diese Arbeit getan, da habe ich nach dieser langen Arbeit gebeten, nach Hause gehen zu dürfen.
Als ich nachts zum Transport der Minenwerfer in X. ankam, setzte vorn im Abschnitt H., wo unser Hindernistrupp arbeitete, starkes Maschinengewehrfeuer ein.
Unsere Mannschaften waren beim Hindernisbau. Die Waffen hatten sie abgelegt, damit sie besser arbeiten konnten. Plötzlich melden 3 Leute: „Es sind 3 Franzosen bei uns im Hindernis!" Der Unteroffizier L. schnauzt die Leute an: „Ihr seht wohl wieder Gespenster und wollt Euch drücken, marsch weiterarbeiten!", meldet den Vorfall aber trotzdem dem Kompagieführer. „Ja, es ist eine Patrouille von uns draußen, die unser Hindernis untersucht, Ihre Leute dürfen nicht schießen." — Und als jetzt unsere Leute wieder herauswollen, sehen sie am dunklen Himmel die Umrisse der drei eilig flüchtenden Franzosen, denen sie noch nicht einmal eine Kugel nachsenden dürfen, und die dicht vor ihren Gräben angekommen, zu schreien anfangen: „les Allemands, les Allemands!" Und nun ging das tolle Maschinengewehrfeuer los. 5 von unsern Leuten waren draußen und unsere Leute konnten und durften nicht schießen. Unsere 5 Mann sind aber trotz allein gut in den Graben gekommen. Da hätten wir einmal wieder eine glänzende Gelegenheit, Gefangene zu machen, schön verpaßt.

3.6.15. Als ich mittags im Bett lag, fingen die drei Glocken drüben im Kirchturm wundervoll an zu läuten. Wundersam ist man berührt, wenn man nach so langer Zeit den heimatlichen Klang vernimmt, von Dorf zu Dorf hallten sie weiter über die Lande, ich habe gespannt gelauscht, erst [S. 296] schlugen alle drei Glocken ihre Akkorde zusammen, daß es uns alle packte, und zuletzt ließ nur noch eine ihr helles Lied erklingen. Und schon kommen unsere Leute draußen angestürmt: „.Hurra, Hurra, Przemysl1 gefallen!" Mit Gottes Hilfe wieder einen Schritt weiter, mir sind die Tränen über die Backen gelaufen vor Begeisterung und Freude. Bald ist Galizien frei, dann kann hier der Tanz wieder beginnen.
Den schönen Tag habe ich mir frei von aller Arbeit gemacht. Ich habe mir Bier, Butter, Wurst, Erdbeeren und Apfelmus in unserer Kantine erstanden und hinter lieben Briefen von daheim gesessen und still für mich den Tag gefeiert.


  1. Przemyśl, Stadt im (heutigen) südöstlichen Polen. Bis zum Ersten Weltkrieg Teil des österreichisch-ungarischen Galizien, seit Herbst 1914 von russischen Truppen belagert, im März 1915 eingenommen. Im Juni 1915 von österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen zurückerobert.

Persons: Fischmann, Wilhelm
Places: Przemyśl · Galizien
Keywords: Leutnante · Bauarbeiten · Horchposten · Minenwerfer · Unteroffiziere · Patrouillen · Infanterie · Franzosen · Reichsflagge · Kriegsgefangene · Drahthindernisse · Revolver · Nahkampf · Seitengewehre · Maschinengewehre · Siegesmeldungen · Briefeschreiben · Feldpostbriefe
Recommended Citation: „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 31: Ausbau der Stellungen, feindliche Patrouillen“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/164-31> (aufgerufen am 08.05.2026)