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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914

Abschnitt 97: 10.8.1914: Aufruf zur Sorge für die Kinder


Sorgt für die Kinder!

ln der gegenwärtigen Zeit, wo Tausende und Abertausende von Familien ihres bisherigen Ernährers beraubt sind, werden die Frauen in einem gewaltig größeren Umfange als in Friedenszeiten gezwungen sein, sich Erwerbsquellen zu suchen. Und unter den Frauen wieder zuerst die Mütter. Sie haben die Verantwortung für ihre Kinder. Sie müssen für mehrere Personen Brot schaffen. Aber gerade den Müttern ist die Uebernahme von Arbeit, die nicht im Hause erledigt werden kann, sehr erschwert. Wo sollen die Kinder bleiben? In vielen Fällen wird es nicht gehen, sie der Obhut freundlicher Nachbarn anzuvertrauen. Die sind meist in derselben Notlage, und höchstens wo eine alternde Verwandte in der Familie ist, wird die Mutter die Kinder versorgt wissen.

Es scheint uns nun die allerdringendste Pflicht der freiwilligen Hilfsarbeit, für die Kinder der arbeitenden und arbeitssuchenden Frauen der durch den Krieg betroffenen Familien zu sorgen. Hier muß die Hilfe zuerst organisiert werden, und zwar sollten möglichst die Gemeinden ihr Teil dazu beitragen. Die Stadtverwaltung muß ersucht werden, geeignete Räume,die leer stehen, für diese Zwecke zur Verfügung zu stellen. Schulen, Schulhöfe, auf den die Kinder im Freien spielen können, Versammlungssäle, leerstehende Wohnungen würden sich eignen. Lehrerinnen und andere Frauen, die über ihre Zeit verfügen können, stellen sicher ihre Kräfte in den Dienst dieser wichtigen Aufgabe. Auch große Restaurationsgärten, wie der des Gewerkschaftshauses, die Turn- und Spielplätze der Turnvereine könnten für solche Zwecke verwendet werden. Alle diese Anstalten müssten sehr frühzeitig geöffnet werden, damit die Mütter vor der Arbeit die Kinder selbst hinbringen können.

Am schwierigsten wird es sein, für ganz kleine Kinder Unterkunft und Versorgung zu schaffen, aber auch diese Schwierigkeiten müssen überwunden werden, und zwar in größter Eile.

Selbstverständlich müssen die Kommunen ersucht werden, für diese Kinder Frühstück und Mittagessen möglichst unentgeltlich zu gewähren. Werden Schulhäuser für diese Zwecke geöffnet, so ließe sich vielleicht da, wo Schulküchen nicht vorhanden sind, in der Wohnung des Schuldieners von älteren Mädchen unter Aufsicht und mit Hilfe von Frauen zum mindesten eine nahrhafte Suppe für die Kinder herstellen. Löffel und Eßnapf oder Teller könnten von den Kindern mitgebracht werden.

Wir sind überzeugt, daß auf diese Weise viel Elend verhütet, viele Kinder vor Hunger und Verwildern bewahrt würden. Die Organisation dieser Hilfsarbeit wird gewiß nicht leicht sein, aber sie ist dringend notwendig und wie wir erfahren, hier in Offenbach von den vereinigten proletarischen und bürgerlichen Frauen bereits in die Wege geleitet. Aus den Arbeitsnachweisen könnten dann die arbeitsuchenden Mütter auf die Unterkunftsstellen für Kinder aufmerksam gemacht werden, sobald sie eingerichtet sind. Hier ließe sich auch am leichtesten feststellen, wie groß der Bedarf ist.

Es wäre wünschenswert, daß überall, wo bereits ähnliche Arbeit in Angriff genommen ist, Mitteilungen über Ausdehnung und über die in der Praxis gewonnenen Erfahrungen gemacht würden. Sie könnten die Arbeit anderer wesentlich erleichtern, Fehler könnten vermieden werden.

So erfahren wir z. B. von Mannheim über die Errichtung solcher Kriegs-Kinderhorte folgendes. Dort werden anfangs dieser Woche für die Zeit des Krieges sechs Kinderhorte in städtischen Schulen eröffnet, in denen Kinder, sowohl Knaben wie Mädchen, vom 2.—10. Lebensjahr tagsüber Aufnahme und Speisung finden. Es werden nur Kinder aufgenommen deren Väter im Felde und deren Mütter tagsüber auf Arbeit sind. Die Kinder können — wenn nötig — schon von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends im Hort verweilen. Die Kinder zahlen für Aufenthalt und Beköstigung 20 Pfg. pro Tag. Gesuche um unentgeltliche Aufnahme können bei der Anmeldung vorgebracht werden.

Es werden sich ja wohl auch noch andere, bessere Organisationsformen finden lassen, vor allem aber muß die Arbeit rasch einsetzen. Sie ist eine der dringendsten Pflichten, die von der freiwilligen Hilfstätigkeit übernommen werden müssen.

[Offenbacher Abendblatt vom 10. August 1914]


Empfohlene Zitierweise: „Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914, Abschnitt 512: 10.8.1914: Aufruf zur Sorge für die Kinder“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/161-97> (aufgerufen am 06.05.2026)