Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- 1.8.1914: Die Sozialdemokratie und der Krieg
- ...
- 10.8.1914: Umgang mit Franktireurs in Belgien
- 10.8.1914: Geheimhaltung von Truppenstandorten
- 10.8.1914: Keine Goldautomobile mehr in Deutschland
- 10.8.1914: Appell zugunsten der Arbeitslosen
- 10.8.1914: Aufruf zur Sorge für die Kinder
- 10.8.1914: Generalstab stoppt Jagd auf Goldautos
- 10.8.1914: Keine Verbreitung von Sensationsgerüchten
- ...
- 12.8.1914: Aufruf an die Arbeiterjugend
Abbildungen
↑ Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914
Abschnitt 96: 10.8.1914: Appell zugunsten der Arbeitslosen
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Freiwillige und bezahlte Arbeit.
Denkt an die Arbeitslosen!
Uebertreibung ist immer vom Uebel; um wie viel mehr in diesen Tagen der Not. Tausende liegen bereits arbeitslos auf der Straße, andere Tausende und Abertausende werden ihnen folgen. Unendlich schwer wird es werden, auch nur für einen Teil dieser armen Frauen und Männer Arbeitsgelegenheit zu verschaffen. Die Arbeitsnachweistätigkeit aber ist die wichtigste Seite aller Hilfsarbeit an den im Lande Zurückgebliebenen. Darum sollte man diese Arbeit nicht noch durch allerhand gewiß gut gemeinte, aber unüberlegte Maßnahmen zum Schaden der Allgemeinheit erschweren. Er ist ein unbedingtes Gebot der Zeit. Von der freiwilligen Arbeit, zu der sich jetzt Angehörige der in besserer Lebenslage sich befindenden Kreise, Schüler, Studenten, Damen usw. in hellen Scharen melden, darf die bezahlte Arbeit natürlich dort nicht verdrängt werden, wo es den Unternehmern möglich ist, in ihren Betrieben bezahlte Kräfte zu beschäftigen.
Es war nach unserer Meinung volkswirtschaftlich schon nicht richtig, daß man Schüler, Studenten, Pfadfinder zu den Erntearbeiten aufrief, wo die zahllosen Arbeitslosen zur Verfügung standen. Immerhin mag hier entschuldigend der Umstand gelten, daß die Einbringung der Getreideernte eilte und die Arbeitsvermittelung noch nicht auf die Ueberführung von Industriearbeitslosen in die Landwirtschaft genügend eingestellt war. So ist denn jetzt der augenblickliche Bedarf an Erntehilfskräften gedeckt, zum Teil mit freiwilligen Helfern, die keinen Lohn benötigen, während Arbeitslose brachliegen.
Das muß nunmehr — nachdem Behörden, Arbeitsnachweise und Gewerkschaften zu gemeinsamer Arbeit sich zusammengefunden — anders werden. Es ist gewiß gut gemeint, wenn z. B. Schülerinnen der Offenbacher höheren Mädchenschule für die Zwecke der Obsternte und Obstverwertung zur Verfügung gestellt werden sollten, aber man vergesse nicht, daß man dabei Gefahr läuft, hungernden Familien von Kriegsteilnehmern eine Arbeitsgelegenheit zu rauben. Für die noch bevorstehende Gärtnerei- und Landwirtschaftsarbeit muß unter allen Umständen die Arbeitsgelegenheit allein den arbeitslosen Frauen und Männern, die auf jeden Pfennig Lohn angewiesen sind, vorbehalten bleiben.
Noch unverantwortlicher wäre es, wenn Privatunternehmungen, Kaufleute usw. — wie es in einigen Fällen schon vorgekommen sein soll — sich die jugendlichen freiwilligen Kriegsnothelfer sich zunutze machen würden, um bezahlte Arbeitskräfte zu sparen. Ehrenpflicht der Geschäftsinhaber und Unternehmer, die noch Arbeit oder gar infolge des Krieges erhöhte Arbeit haben, ist es, erwerbslose Personen, besonders die Frauen der zum Kampf ausgezogenen Männer gegen Bezahlung bei sich anzustellen, damit nicht die Zahl der Arbeitslosen noch weiter erhöht wird. Wir sind überzeugt, daß unsere Geschäfte, so lange es ihnen möglich ist, die zu vergebenden Arbeiten an solche Personen übertragen, die sie durch Bezahlung vor Not und Elend bewahren.
Auch die Behörden scheinen im ersten Eifer auf den hier zur Besprechung stehenden Gebieten Fehlgriffe getan zu haben. So z. B. wenn in Breslau Studenten und Primaner als freiwillige Straßenbahner eingestellt wurden, oder in einigen Vororten Berlins Pfadfinder als Briefträger. Auch die Einstellung von Frauen Eingerückter Straßenbahner — diese Frauen sind ja durch die Maßnahmen der Städte so wie so von der ärgsten Not geschützt — in den Schaffnerdienst ist zu verurteilen. Man bilde geeignete Arbeitslose aus, wie das erfreulicherweise in Offenbach und Frankfurt geschieht.
Gewiß ist es erfreulich und anerkennenswert, wenn die Angehörigen der wohlhabenden Schichten und ihre Jugend im Dienste der Allgemeinheit auch zur Uebernahme von Arbeiten bereit sind, denen sie sich zu anderen Zeilen geschämt hätten, aber für Romantik ist in dieser harten Zeit kein Platz.
Arbeitsgelegenheit für jene Mütter und Väter zu schaffen, dic arbeitslos, also ohne jeden Verdienst sind, das ist jetzt die Hauptsache, und da darf gutgemeinte aber schlecht passende Hilfsbereitschaft nicht störend wirken. Recht vielen Arbeitslosen muß Arbeit und Lohn verschafft werden, damit ihre Familien keinen Hunger zu leiden brauchen und damit ihnen das beschämende Bewußtsein so lange wie möglich erspart bleibt, daß sie der Fürsorgetätigkeit zur Last fallen, obwohl sie arbeitsfähig und arbeitsfreudig sind.
Nichts drückt so nieder als Arbeitslosigkeit. Der von ihr Betroffenen bemächtigt sich eine verzweifelte Stimmung, die bekämpft werden muß, denn wir stehen erst am Anfang des Krieges und haben eine lange Zeit der Entbehrungen vor uns.
[Offenbacher Abendblatt vom 10. August 1914]
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| Empfohlene Zitierweise: | „Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914, Abschnitt 511: 10.8.1914: Appell zugunsten der Arbeitslosen“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/161-96> (aufgerufen am 07.05.2026) |
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