Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Aufenthalt in Guntersblum (Rheinhessen)
- Bildung eines Landwehr-Ersatz-Bataillons in Mainz
- Fahrt an die Ostgrenze
- Weiterfahrt durch Russisch-Polen
- Erstes Quartier in Miechów
- Unterkunft in Wodzislaw, Vorgehen gegen Pferdedieb
- Marsch nach Andrejew, Biergelage in einer Brauerei
- ...
- Vorrücken über die Warthe
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 35: Weiterfahrt durch Russisch-Polen
◀ [119-120] In Russisch-Polen vom 01.Oktober 2014 bis 04.Dezember 1014
Am Donnerstag, den 1. Okt. passierten wir bei Kattowitz die russische Grenze. Jetzt empfing jeder von uns mehrere Rahmen scharfer Patronen, den wir befanden uns jetzt in Feindesland. Hier ging das Verschieben des Transports auch noch langsamer als vorher. Von Station zu Station gab es stundenlangen Aufenthalt.
Sosnowitz war der erste polnische Ort, den wir berührten. Hier fingen auch die Gräuel des Krieges schon an. Das Bahnhofsgebäude war demoliert, die Innenräume ausgeplündert. Die Fahrkarten lagen zu Tausende auf dem Bahnsteig. Die Rollen Telegraphenpapier wurden als Karnevalsspielzeug benutzt. Die Bevölkerung kam an den Zug. Aus den Augen der meisten schaute der Hunger. Wir schenkten den bleichen Kindern unsere Brotration. Einige ganz schlaue Judenbüblein hatten aber schon die Konjunktur ausgenutzt und verkauften für teures Geld schlechte [S.120] Zigaretten.
Vorsichtig weiter fühlend ging es langsam über Grania, Hawkow, Olkusz nach Walbrom und Miechow. Rechts und links lagen die langgestreckten Polendörfer oder einzelne Gehöfte, elende niedrige Lehmhütten mit Strodach. Vielfach sahen wir noch die Spuren von zerstörten Brücken und Reparaturen an zerstört gewesenen Eisenbahndammen. Auch hier und da ganze Verteidigungsschanzen mit der Front nach Deutschland, also von den Russen gebaut. Der weiße Sandboden mit den weißen Birken bewachsen machte nachts einen gespensterhaften Eindruck.
Wenn der Aufenthalt an einer Stelle, oft mitten auf der Strecke, zu lange dauerte, wurden zur Abwechslung eine halbstündige Gefechtsübung neben der Eisenbahnstrecke gehalten. Nachts wurden beim Stillhalten bereits Posten aufgestellt. Bei Tag musste die Kompagnie nun auch hier für Nahrungsmittel sorgen. Brot und Trockennahrung war ja aufgenommen worden, doch kein Fleisch. So wurde dann jeden Tag ein oder mehrere Stück Vieh gekauft, geschlachtet und verteilt. Das Abkochen geschah zur Seite der Bahn in vorschriftsmäßigen Feuergruben.
Vor dem Wassertrinken war gewarnt worden, da man mit vergifteten Brunnen rechnen müsse. Auf einer Station saß sogar geschlossen (gefesselt?) ein verhafteter Pole, den man einer solchen Tat beschuldigte. Heute glaube ich nicht nur, dass der arme Kerl unschuldig war, sondern dass überhaupt diese Geschichte mit den vergifteten Brunnen fast immer ein Märchen war. ▶
| Empfohlene Zitierweise: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 35: Weiterfahrt durch Russisch-Polen“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-35> (aufgerufen am 05.05.2026) |
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