Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
Bitte beachten Sie: LAGIS hat eine neue Adresse: lagis.hessen.de. Für eine Übergangszeit stehen Ihnen ausgewählte Module über die bekannte Oberfläche zur Verfügung. Alle anderen sind über die neue Version des Informationssystems zugänglich. Bestehende Permalinks behalten ihre Gültigkeit und leiten bereits jetzt oder nach Abschluss aller Migrationsarbeiten automatisch auf das neue System um.

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 34: Fahrt an die Ostgrenze

[118-119] So verging noch einmal eine Woche mit Vervollständigung der Ausrüstung, Beschaffung der Bagage mit Bespannung u. dergleichen Vorbereitungen. Am Samstag d. 26. Sept. war noch einmal Besichtigung des ganzen Bataillons mit der gesamten Ausrüstung, und am Sonntag, d. 27. Sept. erhielten wir den Befehl zum Ausrücken. Wohin wir kamen, wußte natürlich niemand; doch hofften wir alle auf Etappendienst in Belgien, welches damals schon nahezu ganz besetzt war. Französische Sprachführer wurden schon hier und da beschafft; ich hatte bereits meinen Belgien-Führer schicken lassen und alles rechnete mit Brüssel.

Am Sonntag Mittag standen wir schon marschbereit. Doch dauerte es noch bis zum Abend, bis die Musikkapelle uns abholte. Mit Blumen geschmückt marschierten wir die Stadt hinunter zum Bahnhof und wurden an einen langen Güterzug geführt mit lauter Kolli -oder Viehwagen, in denen Holzbänke quer gestellt waren. Eine Lokomotive stand noch nicht davor, sodass wir noch nicht beurteilen konnten, wohin die Reise gehen sollte. Erst als alles eingestiegen war, stieß eine Maschine an den Zug, zu unsrem großen Erstaunen aber auf der Seite nach Frankfurt zu.

Es war schon dunkle Nacht, als sich der Zug endlich in Bewegung setzte, und als wir durch den Tunnel fuhren und über die Rheinbrücke, da wussten wir, dass unsere Reise nach Osten ging, was uns alle enttäuschte, da man damals der Meinung war, der Krieg sei im Osten schlimmer als im Westen. In Hanau gab es zum ersten mal eine Reisepause und gleichzeitig die erste Transportspeisung, obwohl es mitten in der Nacht war. Von dem herrlichen Kinzigtälchen sahen wir nichts, denn als es Tag wurde, waren wir bereits über Bebra hinaus. Besonders stürmische Begrüßung durch das Publikum erlebten wir in Eisenach. Doch fehlte es nirgends an freudigen Zurufen, wenn auch der erste Freudentaumel der Begeisterung vorbei war. Unsere Reise ging über Gotha, Weimar, Leipzig, Torgau, Kottbus, Liegnitz, Breslau nach Kattowitz.

Wegen des häufigen längeren Aufenthalts und der vielen Speisungen ging es ziemlich langsam. [S.119] In den Viehwagen war der Aufenthalt durchaus nicht angenehm. Bei Tag drängte sich alles an die beiden Schiebetüren, die durch einen Querpfahl ersetzt waren. Das Wetter war meist helles warmes Herbstwetter. Dabei gab es fortwährend etwas Neues zu sehen, sodass die Tage wohl schnell herumgingen. Aber nachts war es umgekehrt, dann trat empfindliche Kälte ein, und niemand wollte in der Nähe der Tür sitzen, denn an Liegen war wegen des geringen Raums nicht zu denken. Jeder drängte nach dem Innersten des Wagens, um möglichst auf der hintersten Bank sitzend einen unruhigen häufig gestörten Schlaf zu tun. Morgens war man starr vor Kälte und wie gerädert von der unbequemen Haltung im Schlaf. An der ersten Station, wo der Transport am Morgen hielt, wurde dann am Bahnhofsbrunnen Generalreinigung gehalten.

In Torgau hatte ich einen Unfall, der mir die nächsten Tage verleidete. Es war gegen Abend, und wir waren wieder einmal mit Suppe und Wurst abgespeist worden. Als ich zum Wagen zurückkehrte und eben hinein klettern wollte, spürte ich einen heftigen Schlag in der rechten Wade. Ich glaubte, ein übermütiger Kamerad hätte mir mit einem Stein an die Wade geworfen und drehte mich schimpfend um. Doch es war niemand hinter mir. Auch wurde der Schmerz in der Wade immer heftiger, sodass ich an Muskel – oder Aderzerreißung dachte. Ich half mir kümmerlich in den Wagen, doch wurden jetzt die Schmerzen derart heftig, dass ich dem Arzt Meldung machen ließ. Der junge Assistenzarzt kam herbei, und als er vernommen, was los sei, ließ er mich durch 2 Mann nach einer Wärterbude führen, untersuchte da das Bein, fand aber nichts.

Der herbeigerufene Arzt, Dr. Poppo von Eisenroth stellte eine starke Wadenmuskelzerrung fest und umwickelte das Bein fest mit einer Binde. So wurde ich wieder zum Wagen gebracht und hatte nun 3 Tage „Hausarrest“ im Viehwagen. Das Essen musste ich mir stets holen lassen, was nicht immer sehr vorteilhaft für mich war. In der ersten Nacht hatte ich starke Schmerzen, dann ließen sie allmählich nach, doch vergingen 8 Tage, bis ich wieder ordentlich gehen konnte.


Empfohlene Zitierweise: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 34: Fahrt an die Ostgrenze“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-34> (aufgerufen am 06.05.2026)