Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Bildung eines Landwehr-Ersatz-Bataillons in Mainz
- Fahrt an die Ostgrenze
- Weiterfahrt durch Russisch-Polen
- Erstes Quartier in Miechów
- Unterkunft in Wodzislaw, Vorgehen gegen Pferdedieb
- Marsch nach Andrejew, Biergelage in einer Brauerei
- Versorgung der Truppe, Beschaffung von Petroleum
- ...
- Vorrücken über die Warthe
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 36: Erstes Quartier in Miechów
◀ [120-121] Am Samstag, d. 3. Okt. waren wir gegen Mittag in Station Miechow angelangt. Hier wurden wir ausgeladen. Nachdem wir eine volle Woche in unserem Viehwagen verlebt hatten, war er uns fast lieb geworden wie eine Wohnung und es geschah nicht ohne eine gewisse Wehmut, dass wir den Zug verließen, der nun wieder nach der Heimat zurückdampfte. Bis die Bagagewagen und die Pferde ausgeladen waren, vergingen noch einige Stunden, und als das Kommando „Marsch!“ kam, war es schon Nachmittag. Ich selbst konnte noch nicht gut gehen und bestieg gleich am ersten Marschtag den Bagagewagen, um mich fahren zu lassen.
In Polen pflegen die Stationen der Bahn stundenweit von den gleichnamigen Städten entfernt zu liegen. So auch Miechow. Das Städtchen war fast eine Stunde weit von der Bahn abliegend. Der Weg ging zunächst bergab und stieg dann vor Miechow etwas an. Miechow mochte wohl ein Städtchen von 5000 Einwohnern sein. Wir durchquerten es und hielten vor einem großen alten Gebäude, das den Eindruck eines alten Klosters machte. Hier sollten wir unser erstes Quartier beziehen. Die Räume wurden mit Stroh ausgelegt und nachdem sich jede Korporalschaft so gut es ging etwas zusammengebraut hatte, gingen die meisten zur Ruhe.
Ich wenigstens war froh, als ich mich umlegen konnte. Andere machten wohl auch noch einen Gang durch das Städtchen.
Es war Judensabbat, [S. 121] doch ging derselbe in der Abenddämmerung zu Ende und die Wirtschaften öffneten ihre Pforten, sodass der eine oder andere am Mutbier sich noch gütlicher tat als gut war. In der Nacht wurden wir in unserem Zimmer durch ein lautes Klirren geweckt. Die Fenster waren Doppelfenster und die Inneren waren herausgenommen. Die Äußeren öffneten sich nach außen. Zwei von uns hatten nun am Abend sein Gewehr auf die Fensterbank gestellt und an das Fenster gelehnt. In der nacht muss wohl der Wind den Verschluß gelockert haben, denn das Fenster hatte sich geöffnet und das Gewehr war, die Scheiben zertrümmernd, hinaus gestürzt und hinunter auf den gepflasterten Hof, wo es mit zerbrochenem Schaft liegen blieb, merkwürdigerweise ohne sich zu entladen. Wir waren natürlich sehr erschrocken bis wir den Sachverhalt bei einer angezündeten Kerze festgestellt hatten.
Das war das erste Quartier in Russland. Am andern Tag versuchte ich zum ersten mal wieder zu gehen, und es ging über Erwarten gut, sodass ich den ganzen Tagesmarsch, der etwa 20 km. betrug, mitmachen konnte. Wir folgten der Straße, die nach Nordosten in der Richtung nach Warschau führte. Meist hatte man links und rechts freies Feld, nur kurze Strecken passierte man Wald. Am Mittag wurde in einem Flecken, Hiaziwielki, Halt gemacht und ein Essen gekocht. Nach einer Stunde ging es wieder weiter bis wir am Nachmittag in das Dörfchen Wodzislaw einzogen.
Diese russischen Dörfchen gleichen wie ein Ei dem andern. In der Mitte lag ein großer viereckiger, gepflasterter Marktplatz und von ihm aus gingen alle Straßen rechtwinklig nach den vier Himmelsrichtungen. Beim Einzug hatten wir immer dasselbe Bild: unzählige Juden standen und gafften. Sie trugen die scheinbar vorgeschriebene Tracht, lange Stiefel, schmierige schwere Kaftans und ein schwarzes Schildkäppchen. Arbeit schienen sie keine zu haben. ▶
| Empfohlene Zitierweise: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 36: Erstes Quartier in Miechów“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-36> (aufgerufen am 05.05.2026) |
|---|
