Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessian World War I Primary Sources

↑ Julius Reuch / Heinrich Weber, Kirchenchronik von Groß-Felda

Abschnitt 9: Novemberrevolution und Rückzug des Heeres

[622] Ende 1918 bekamen wir auch in unserem Vogelsberg feldmarschmäßig ausgerüstete Einquartierung zuerst nur der Etappe. Feldapost war die nächste Truppe, die hier eintraf. Schon diese ersten Truppen aus der Front wurden von den Dorfleuten reich bewirtet. Die meisten Truppen, die durch unsere Dörfer zogen, blieben nur ein oder zwei Tage. Am Samstag, dem 30. November 1918 wurden Straßen und Häuser mit Tannengrün und bunten Papiergirlanden durch junge Mädchen, junge heimgekehrte Krieger und die Schuljugend mit größtem Eifer geschmückt. Eine besonders große Ehrenpforte wurde errichtet von der Ecke des Hauses des Beigeordneten Völzing zu der Ecke des Hauses Weifenbach. Daran war ein Schild befestigt mit der Inschrift „Dem Vaterlande zum Schutz, dem Feinde zum Trutz". Schon acht Tage zuvor waren von Belgien auf dem Wege nach Dresden große Sanitätsautos durchgekommen. Die Leute waren ganz verhungert und durchfroren. Die Wagen hielten in der Gaß und die Soldaten wurden bewirtet. Darauf kam eine Feldpostformation mit der Aufschrift: Kaiserliche Feldpost, wobei das Wort Kaiserlich durchgestrichen war. Am Freitag, dem 29. 11. 1918 kamen einige Lastautos in badischen, bayrischen und preußischen Farben. Dann in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember wurde telephonisch von Mücke aus Einquartierung angesagt. Nachts 12 Uhr schellte dies der Polizeidiener aus. Ankunft nachts 2 Uhr. Das Angebot der Quartiere war größer als die Nachfrage. Jeder wollte einen Soldaten haben. Die Leute, die keinen erhielten, sollen böse gewesen sein. Es war ein ungeheuer herzlicher Empfang in stockdunkler Nacht. Am folgenden Morgen verließen die kriegsgefangenen Franzosen von Groß-Felda und Kestrich die beiden Orte. Sie zogen in guten neuen Uniformen ab. Mit dem Waffenstillstand fühlten sie sich als Sieger und hatten sich sehr frei und z. T. frech benommen, arbeiteten nichts mehr, liefen auf der Straße umher und sangen laut. Vom 6. auf den 7. Dezember gaben die Soldaten in dem Lokal Weiffenbach einen Tanz und verließen am 7. 12. gegen 9.30 Uhr den Ort.

Es folgten dann Lastautos voller zerlumpter Soldaten. Dies gemahnte an den Rückzug des napoleonischen Heeres aus Rußland. Danach abermalige Einquartierung einer Maschinengewehrabteilung, die am anderen morgen nach Lauterbach abzog, um im Zug nach Hannover und Schneidemühl weiterzureisen. Von nun an kamen und gingen die Soldaten unentwegt. Besonders mecklenburgische und sächsische Truppenteile zogen durch unsere Ortschaften. Ihre Ziele waren Riesa, Dresden und Leipzig. Die Einquartierungen dauerten von einigen Tagen bis mehrere Wochen. Der Rückzug verlief in guter Zucht, Ordnung und Ruhe. Es kam nie zu Ausschweifungen. Lediglich sehr viel Heeresgut, besonders Pferde und Wagen, wurden damals zu Spottpreisen verschleudert. Es gab ja keine Aufsicht mehr. Die Soldaten unserer Heimatgemeinden kamen endlich im November und Dezember auch nach Hause.

Vom 9. November 1918 bis zur Genehmigung der Weimarer Verfassung bestand die Regierung Scheidemann-Ebert. Zur Unterstützung derselben wurden überall Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Auch hier wurde ein Bauernrat gewählt, zu dem Lehrer und Pfarrer gehörten. Die Ruhe wurde aber in unserem Dorf niemals gestört.


Persons: Weber, Heinrich · Scheidemann, Philipp · Ebert, Friedrich
Places: Groß-Felda · Vogelsberg · Belgien · Dresden · Mücke · Kestrich · Lauterbach · Hannover · Schneidemühl · Riesa · Leipzig
Keywords: Einquartierungen · Truppenrückmarsch · Sanitätsautos · Soldaten · Feldpost · Polizei · Demobilmachung · Kriegsgefangene · Franzosen · Pferde · Arbeiter- und Soldatenräte · Bauernräte
Recommended Citation: „Julius Reuch / Heinrich Weber, Kirchenchronik von Groß-Felda, Abschnitt 9: Novemberrevolution und Rückzug des Heeres“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/en/purl/resolve/subject/qhg/id/28-9> (aufgerufen am 17.07.2019)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde