Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessian World War I Primary Sources

↑ Julius Reuch / Heinrich Weber, Kirchenchronik von Groß-Felda

Abschnitt 4: Feldpost und Pakete, Kriegszeitung, Kriegsgefangene

[617] Die Namen der Gefallenen, die gewöhnlich schon vorher durch die Briefe der Kameraden bekannt geworden waren, wurden dem Pfarramt durch die Post übermittelt. Der Pfarrer hatte dann die schmerzliche Kunde in die Häuser zu bringen. Bei dieser Gelegenheit hat der Schreiber dieser Zeilen den starken Heldensinn einzelner Väter und auch Mütter still bewundern können. Für die Gefallenen fanden alsbald Gedächtnisfeiern statt. Diese Feiern, die in einem Sonntagsgottesdienst gehalten wurden, und zu denen Verwandte und Bekannte des Entschlafenen von weither kamen, waren jedemal erhabende Kundgebungen der ganzen Gemeinde.

Mit den in der Front stehenden Soldaten entwickelte sich ein reger Verkehr. Briefe und Pakete ins Feld wurden an unserem Postamt im ersten Kriegsherbst und Winter täglich zu Hunderten eingeliefert. Dem entsprach auch eine Vergrößerung unserer Postverhältnisse. Im Frühjahr 1914 entstand am Westeingang unseres Ortes ein neues Postgebäude, das im Sept. 1914 bezogen werden konnte und Raum für die gesteigerten Bedürfnisse der Kriegszeit bot. Die ,alte Post' unter der Figge'schen Wirtschaft wurde im Jahr 1916 als Gefangenenlager für Irländer und Franzosen eingerichtet.

Ende Sept. 1914 waren die Adressen der im Felde Stehenden in den Händen des Pfarrers und im Okt. ging der für sämtliche Soldaten des Kirchspiels verfaßte Kriegsbrief hinaus. Bei der großen Zahl derselben wurde noch im Spätherbst 1914 eine bequemere und rascher funktionierende Art des Verkehrs gewählt. Das Wochenblatt ,Einer für Alle', herausgegeben von Pfarrer Joseph Gauger in Elbersfeld, wurde bei den Angehörigen der Krieger wöchentlich verteilt und hinaus in das Feld geschickt. An den christlichen Festtagen wurde das Kriegerblatt wirkungsvoll ergänzt durch besondere Festschriften und Büchlein. Auch an des Leibes Bedürfnisse wurde gedacht. Das Pfarrhaus Groß-Felda war in den Weihnachtstagen 1914 ein kleines Warenhaus geworden, in dem die Pfarrfrau inmitten weniger treuer Helferinnen an sämtliche Frontsoldaten der Pfarrei Pakete richtete, in denen neben Leibwäsche aller Art auch Weihnachtsgebäck und die geschmückten Tannenzweige mit Weihnachtslichtern nicht fehlten. Viele Hunderte von Briefen und Karten hat der Chronikschreiber in den 23 Monaten der Kriegszeit, die er hier zubrachte, erhalten.

Schon im Sept. 1914 war aus der frischen Offensive im Westen der Schützengrabenkrieg geworden. Die Hoffnung auf eine rasche Beendigung des schweren Völkerringens, die die glänzenden Erfolge der Augusttage geweckt hatten, verflog. Auch die größte Vernichtungsschlacht bei Tannenberg, die von dem über Nacht zum Nationalhelden gewordenen ,Hindenburg' den Russen geliefert wurde (27.–29. Aug. 1914) und der Fall Antwerpens (9. Okt. 1914) sowie die daran anschließende Verfolgung unserer Feinde bis zum Yserkanal konnten den aufreibenden Stellungskrieg nicht abwenden.

Auf der See kam es im ersten Kriegsjahr zu keinen entscheidenden Unternehmungen. Die englische Flotte hielt sich in respektvoller Entfernung der deutschen Küste und vermied es ängstlich, den deutschen .Rattennestern' Kiel und Wilhelmshafen zu nah zu kommen. Noch größeres Aufsehen als die Untätigkeit der englischen Flotte machte die Tätigkeit der deutschen Auslandskreuzer und der Unterseeboote.


Persons: Reuch, Julius · Gauger, Joseph · Hindenburg, Paul von
Places: Groß-Felda · Elberfeld · Tannenberg · Antwerpen · Kiel · Wilhelmshaven
Keywords: Gefallene · Pfarrer · Feldpost · Feldpostbriefe · Feldpostpakete · Post · Kriegsgefangene · Iren · Franzosen · Kriegszeitungen · Weihnachten · Weihnachtspakete · Stellungskrieg · Schützengräben · Seekrieg · Unterseeboote
Recommended Citation: „Julius Reuch / Heinrich Weber, Kirchenchronik von Groß-Felda, Abschnitt 4: Feldpost und Pakete, Kriegszeitung, Kriegsgefangene“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/en/purl/resolve/subject/qhg/id/28-4> (aufgerufen am 23.07.2019)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde