Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

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Theodor Birt, Vor der Entscheidung! Seite 3

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Theodor Birt, Vor der Entscheidung! Seite 4-5

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Theodor Birt, Vor der Entscheidung! Außendeckel

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Theodor Birt, Vor der Entscheidung! Titelblatt

↑ Theodor Birt, Vor der Entscheidung! Lazarett-Ansprache, 1917

Abschnitt 1: Kaiser Wilhelm II. steht für Heer und Volk

[3-5]
Liebe Vaterlandsgenossen!

Wo deutsche Männer sich festlich versammeln, da tut eine Aussprache wohl; da tut es wohl, in Rückschau und Vorausschau die Gedanken zu sammeln. So auch heute, da die Gegenwart voll Ungewißheit, Unruhe und Bewegung ist und hinter dem Vorhang der Zukunft sich uns ein ungeheures Drama verbirgt, der letzte Akt eines Dramas, in dem es um unser Gut und Blut geht.

Der Friedenskaiser hieß und war Kaiser Wilhelm lange Zeit, seit 1888, also fast 30 Jahre lang. Schon als Friedenskaiser gewann er sich unser Zutrauen, gewann er sich das Herz seines Volkes. Die neidische große Welt hat uns unser ruhiges Dasein, unser ruhiges Arbeitsleben mit der heißen Wochentagsarbeit und den frohen Festtagen nicht gegönnt, und dieser friedensfrohe Monarch hat den schwersten, blutigsten aller Kriege in der Geschichte der Menschheit auf sich nehmen müssen. Nicht nur zu Fuß und zu Roß wird heute gekämpft, auch im Auto, in unterirdischen Stollen, Sappen und Minengängen, im Luftschiff, im Flugzeug, [S. 4] mit der Kreuzerflotte auf dem Wasser und unter dem Wasser. Nicht nur die Menschen, alle vier Elemente, Feuer, Wasser, Luft und Erde sind in Aufruhr. Kaiser Wilhelm ist Kaiser des Reichs, ist oberster Kriegsherr, aber er ist auch Mensch; er trägt das Schicksal des Vaterlandes, unserer Soldaten, seiner Volksgenossen auf seinem Herzen, und das Los der Schlacht bewegt ihn, erschüttert ihn mächter als uns alle, da er weiß, daß er, der eine, die Verantwortung für das Ganze trägt.

Umso enger ist unser Kaiser mit seinem Heer und Volk verwachsen; umso dankbarer gedenken wir seiner am heutigen Kaisertage1, dem Geburtstag Seiner Majestät. Kein großes Gedränge ist heute in Berlin; vor dem gewaltigen Königsschloß der Hohenzollern fahren keine Karossen mit gallonierten Dienern vor in unendlichem Zuge, die Prinzen, Generäle, Minister, die Gesandten Englands, Rußlands, Frankreichs! Da ist es still geworden. Wohl aber geben die Kriegsküchen in Berlin Volksfeiern mit gemeinsamer Festtafel und einen Trunk Bier dazu. Das ist schön. Wo Militärmusik ist, da fehlt es auch nicht am Zapfenstreich. Aehnlich geht es überall, von Pinsk im Osten bis St. Quentin im Westen, unter Zivilisten und Soldaten, Gesunden und Verwundeten. Der Kaiser selbst ist in Feldgrau, hart an der Front, bei Schneesturm und [S. 5] Unwetter, immer in Alarmbereitschaft, in angespannter Arbeit und Beratung; so ohne Frage auch heut; sein Stab, Generäle und Vertreter der Ministerien um ihn. Er ist gleichsam die Telefonzentrale für alles. Das Kampfergebnis jeden Tages, jeder Stunde verfolgt er wachsam und in Rastlosigkeit, von Verdun, von Kowel, vom Sereth, von der Düna, von Ypern, und steigert die Tatkraft Hindenburgs, Capelles und aller seiner Helfer durch sein energisches Vertrauen.


  1. Der Kaisergeburtstag wurde am 27. Januar gefeiert.

Persons: Birt, Theodor
Recommended Citation: „Theodor Birt, Vor der Entscheidung! Lazarett-Ansprache, 1917, Abschnitt 1: Kaiser Wilhelm II. steht für Heer und Volk“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/en/purl/resolve/subject/qhg/id/119-1> (aufgerufen am 22.07.2019)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde