Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg


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Heinrich Müller (der "Müller-Heiner"), einer der ersten Sozialdemokraten in Steinau

↑ Katha Merz, Ein Steinauer Kind erlebt den Ersten Weltkrieg, 1914-1918

Abschnitt 3: Novemberrevolution und Rückkehr der Soldaten

[37-39] 1918 bauten dann auf einmal Steinauer junge Männer — ich kann mich auf Finke-Fritz und Müller-Heiner besinnen — zwischen unserem und Amende Haus und der gegenüberliegenden Sennelsbachbrücke eine Ehrenpforte auf, und es hieß, es wäre nun Revolution. Keiner wußte so richtig, was das eigentlich war. Auf einmal kamen Soldaten mit Kanonen einmarschiert, die aber von dem ganzen Ehrenempfang gar nichts wissen wollten. Alle erschienen unserer Mutter sehr niedergeschlagen. Wir bekamen einen Wachtmeister mit Namen »Otto« ins Quartier, später einen ebensolchen mit Namen »Mörsfelder«. Alle schimpften böse auf die Leute vom Soldatenrat, die ihnen die Schulterklappen und alle Ehrenzeichen [S. 38] von der Uniform gerissen hatten, sie kamen sich offensichtlich entehrt vor.

Nun gab es plötzlich »Demonstrationszüge«, wieder etwas Neues für Steinau. An Roßbachs Ecke stellten sich diese Männer und Frauen auf, mit roten Fahnen, roten Armbinden und angesteckten roten Blumen. Vorneweg marschierte Herr Bernhard Richter vom Obertor, der hinkte an seinem Stock, war begeistert und rief: »Unser Demonstrationszug setzt sich in Bewegung«. Alle marschierten los und sangen voller Begeisterung. Meine Eltern und die Nachbarschaft hingen In den Fenstern, lachten und wußten wahrscheinlich nichts Rechtes damit anzufangen. Aber für unseren Fritz und seine Spielkameraden war das ein Fest, sie marschierten froh und munter daneben her. Dann war überall Tanzmusik, und die ganze übriggebliebene Jugend tanzte so viel sie nur konnte und versuchte wohl, das jahrelang Versäumte nachzuholen. Die älteren Leute schüttelten die Köpfe und hielten dieses Verhalten inmitten unseres nationalen Unglücks für einen großen Frevel; aber die Jungend verlangte auch ihr Recht, was konnte sie denn dafür? Unsere Feinde schrieben in den Zeitungen »Deutschland tanzt«. Wir Kinder standen sonntags auf der Schießhalle am Tanzplatz und bewunderten die »Schiebertänze«, gerne wären wir groß gewesen und hätten mitgemacht.

Nach der Revolution waren In Steinau von der Front zurückflutende Soldaten einmarschiert, sie hießen die »63er«1 und waren ziemlich lange da. Viele haben sich hier verheiratet und sind In Steinau geblieben. Deutschland mußte nun seine eigenen Waffen vernichten. Auf den Wiesen und Äckern hinter dem Schloß wurden [S. 39] alle aufgehäuft und zerstört. Für die Steinauer Jungens war das sehr Interessant, und sie trieben sich viel dort herum, wir durften aber nicht hingehen. Einmal kam ein Steinauer Mann zu meinem Vater und sagte: »Merz, ich hab so ein Ding gefunden, wenn man vorne draufdrückt, springen hinten so Dinger hoch, willst du es haben?« Es war eine Schreibmaschine, die hier noch niemand kannte. Papa aber sagte: »Um Gottes Willen, bleib mir mit dem Zeug aus dem Hause, ich will davon nichts haben.«


  1. Wahrscheinlich Angehörige des 4. Oberschlesischen Infanterie-Regiments Nr. 63.

Personen: Merz, Katha · Müller, Heinrich · Fink, Fritz
Orte: Steinau an der Straße
Sachbegriffe: 4. Oberschlesisches Infanterie-Regiment Nr. 63 · Novemberrevolution · Einquartierungen · Soldatenräte · Uniformen · Demonstrationen · Rote Fahnen · Tanzmusik · Schiebertanz · Rückmarsch der Soldaten · Infanterie-Regiment Nr. 63 · Waffenzerstörung · Demilitarisierung · Schreibmaschinen
Empfohlene Zitierweise: „Katha Merz, Ein Steinauer Kind erlebt den Ersten Weltkrieg, 1914-1918, Abschnitt 7: Novemberrevolution und Rückkehr der Soldaten“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/81-3> (aufgerufen am 15.10.2019)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde