Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Rudolf Hoffmann, Briefe aus dem Weltkrieg 1914-1918

Abschnitt 18: 23.5.1915: Brief des Eugen Gura aus Kassel

[201-202]

Erläuterung:
Siehe die Erläuterung zum Brief vom 13. Februar 1915.


Buschhof, 23. Mai 1915. Pfingstsonntag.

Abends in den Graben. Die Nacht war ruhig. Weißt Du, der Krieg ist schrecklich, vorne die Leichen, der ekelhafte Geruch, die Brutalität. — Christus sagt ungefähr so: «Wer das Schwert braucht, soll durchs Schwert umkommen.» Er, der Idealist in seiner Zeit, war unbedingt gegen den Krieg; da ist nicht dran zu deuteln. Und wir haben den Krieg in keiner Weise provoziert. Aber Christus sagt dann: «Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, so biete ihm die rechte» oder so ähnlich, wer glaubt, daß all das Erdendasein nur ein Durchgangsstadium und erst jenseits dieser Welt das Leben, der wird um dieses Lebens willen die christliche Lehre von der Demut bis ins Äußerste, Konsequenteste befolgen. Soll aber in Wahrheit diese Erde mir ihrer ungeheuren Zweckdienlichkeit in ihrer Tier- und Pflanzenwelt, in ihrer ganzen Schöpferkraft und Schönheit, soll all das Menschenwerk und all die Menschenqual nur ein Spiel, nur ein Schein, nur ein Durchgang sein, ist nicht das Leben eben um des Lebens willen da, ist's nicht Selbstzweck? Ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, nicht daran, das alles, Ehre, Schönheit nichts zu achten, wie ich's nach Christus tun müßte. Ich stehe zu fest auf der Erde, bin hingeschmiedet wie Prometheus zur Qual, zum Leiden —, aber ich kann nicht los, ich wünsche mir nicht das Jenseits als die Erlösung vom Erdendasein. Der Krieg ist schrecklich und doch — soll man um des Leides willen auf die Ehre verzichten? Ist Ehre ein Phantom oder ist's ein Teil der Kraft, die das All, die das Sein, die Erde, den Erdensohn erhält, die vernichtet und aufbaut zugleich? Ich weiß es nicht. Jetzt gilt nur fürs Vaterland zu streiten und zu sterben. Und je mehr man am Leben [S. 202] hängt, desto größer das Verdienst. Und ein großes Streiten muß noch kommen und ein großes Sterben. Ich denke nicht an Frieden, an wiederkommen — sie liegen zu weit — allzu weit.


Personen: Gura, Eugen
Orte: Buschhof
Sachbegriffe: Feldpost · Feldpostbriefe · Schützengräben · Leichen
Empfohlene Zitierweise: „Rudolf Hoffmann, Briefe aus dem Weltkrieg 1914-1918, Abschnitt 5: 23.5.1915: Brief des Eugen Gura aus Kassel“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/173-18> (aufgerufen am 26.04.2024)