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Widerstand der Bauern gegen Enteignungen zum Bau der Autobahn Kassel–Göttingen, April 1935

Der Deutschland-Bericht für den Monat April 1935, der vom Exilvorstand der SPD (Sopade) am 14. Mai 1935 in Prag herausgegeben wird, gibt unter der Rubrik „Aus der Landwirtschaft“ einen Sonderbericht aus Hessen über den Widerstand der dortigen Kleinbauern gegen die Enteignungsmaßnahmen der Reichsautobahn. Er wird hier als Beleg dafür, dass der von den Nationalsozialisten gefeierte Autobahnbau gegenüber den Betroffenen offenbar nur mit rigorosen Maßnahmen durchzusetzen war, vollständig wiedergegeben:

Je genauer den von der Reichsautobahn Kassel-Göttingen betroffenen Bauern die Linienführung dieser Straße bekannt wird, desto mehr regt sich die Kritik. In diesem Landstrich gibt es fast ausschließlich Kleinbesitz. Und da die dichtbewaldeten hessischen Bergzüge für eine agrarische Bearbeitung ausscheiden, herrscht in den Gemeinden durchweg großer Landhunger, der zum schärfsten Protest gesteigert wird, wenn er jetzt auch noch durch Landabgabe für die Reichsautobahn vermehrt wird.
Andererseits will sich die Bauleitung der Reichsautobahn in der Linienführung nur von militär- und verkehrstechnischen Zweckmäßigkeiten leiten lassen. Und unter diesem Gesichtspunkt ist dieses Stück A 6 der westlichen Nord-Südverbindung außerordentlich wichtig, schließt es doch an die Linie Bremen-Hannover. Nach den Auffassungen des deutschen Generalstabes vom kommenden Krieg kommt dieser Nordsüdlinie eine größere Bedeutung zu als der westlichen, die unmittelbar mit dem Rhein parallel läuft. Aus diesen Gründen denkt die Leitung natürlich nicht daran, auf die Bauern und deren Landhunger Rücksicht zu nehmen und will erst recht nicht etwa die Straßen über Höhenzüge oder durch Schluchten führen, die – von allem anderen abgesehen – rein zeitlich einen Mehraufwand für Transporte erfordern würden, wie er unter allen Umständen aus strategischen Gründen vermieden werden muß.
Diese Strecke der Straße berührt also Besitz mit fast ausschließlich kleiner Gemengelage. Dabei wird Ackerland bester Kultur angeschnitten und verschnitten. Teilweise werden die wenigen zusammenhängen den Flächen unwirtschaftlich verteilt. Gegen eine Geldentschädigung wehren sich die Bauern, weil sie bei dem herrschenden Landhunger dieses Gebiets einen sehr fragwürdigen Wert hat. Dazu kommt der überhaupt nicht in Mark und Pfennig zu ermessende Deformationsschaden durch ungünstige Anschnitte oder Durchschneidung. In einzelnen Fällen werden bis zu dreißig Eigentümer in einer Gemeinde so ungünstig angeschnitten, daß Restflächen bleiben, die entweder eine erhebliche Ertragsminderung bringen oder wirtschaftlich völlig unsinnig sind.
In Ortsbauernversammlungen des betroffenen Gebietes sind die Wirtschaftserschwernisse besprochen worden. Beispielsweise die Trennung des Hofes vom größeren Teil des Besitzes, die ungünstige Lage der Überbrückungen und Unterführungen – bekanntlich darf die Autobahn keine Niveau-Kreuzung erhalten, die große Umwege erfordern, gesteigerte Gespannleistungen durch früher vermeidbare Überwindung von Höhenunterschieden.

Die Proteste der Bauern haben jetzt zu einer Verhandlung der Angelegenheit bei der Obersten Bauleitung in Kassel geführt. Der Reichsbahndirektor Liebetrau1 hat sich mit Vertretern der Bauern auseinandergesetzt. Er mußte zugeben, daß angesichts dieser Schwierigkeiten das übliche Enteignungsverfahren zur Hilflosigkeit verurteilt sei.
Man will jetzt folgenden Weg gehen: der Besitz beiderseits der Straße soll je einen neuen Umlegungsbezirk ergeben. Und diese Neuaufteilung soll so erfolgen, daß auch der von der Autostraße nicht berührte Besitzer zu einem gleich großen prozentualen Landopfer herangezogen werden soll. Das bedeutet natürlich praktisch, daß alle ohnehin schon kleinen Besitzer erneut Land verlieren. Und ihr Verlust wird umso größer sein, weil den Erbhofbauern, die die Mindestgröße nur knapp erreichen, zugesichert wurde, daß ihre Erbhofgröße unbedingt erhalten bleiben soll. Den Kreis- und Ortsbauernführern soll bei der Umlegung beratende Stimme gewährt werden. Der Widerstand des am härtesten betroffenen Kleinbesitzes wurde in dieser Unterhaltung erst einmal durch eine sehr vage Versprechung beruhigt, daß Staat, Gemeinden und Kirchen zu besonderer Freigebigkeit in der Bodenabgabe veranlasst werden sollen.
Gleichzeitig machte Reichsbahndirektor Liebetrau die Bauern darauf aufmerksam, daß Liebhaberpreise im Umlegungsverfahren nicht bezahlt werden können, und daß die Vorarbeiten soweit gediehen sind; daß die Umlegung nach der Ernte 1935 erfolgen könne.

(OV)


  1. Reichsbahndirektor Otto Liebetrau war Leiter der Obersten Bauleitung in Kassel.
Belege
Empfohlene Zitierweise
„Widerstand der Bauern gegen Enteignungen zum Bau der Autobahn Kassel–Göttingen, April 1935“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/4832> (Stand: 14.8.2020)
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