Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Percy Graf von Bernstorff, Zeitungsberichte des Regierungspräsidenten in Kassel an den Kaiser, 1917-1918

Abschnitt 12: Bericht vom 22. Oktober 1917 (1)

[957-958] Kassel, den 22. Oktober 1917

Im verflossenen Halbjahr war die Stimmung der Bevölkerung zunächst weniger zuversichtlich, teilweise war sie sogar gedrückt. Der lange und harte Winter mit seinen zahlreichen Nöten und Entbehrungen wirkte noch nach. Der Mangel an vielen Lebensmitteln, insbesondere der Kartoffeln, wurde bei dem sehr späten Frühjahr immer empfindlicher, und daß es in den Städten Kassel [S. 958] und Hanau nicht zu Unruhen gekommen ist, ist in erster Linie der tatkräftigen und umsichtigen Leitung der Stadtverwaltungen zu danken, die in vorbildlicher Weise für ihre Einwohner sorgten. Insbesondere ist es der Stadt Kassel durch ihre gerechte und sparsame Verteilung gelungen, mit ihrem Kartoffelvorrat bis nahezu an die Reifezeit der Frühkartoffeln hinzukommen.

Später wurde die Stimmung dann besser. Das Wetter war durchweg sonnig und warm und machte die Menschen natürgemäß zufriedener und anspruchsloser in bezug auf Nahrung und Kleidung. Trotz der vorgerückten Jahreszeit war die Frühjahrsbestellung gut gelungen. Der wenn auch nicht günstige, so doch zufriedenstellende Stand der Wintersaaten ließ auf eine ausreichende Ernte hoffen. Die Zuteilung an Obst, Gemüse und Frühkartoffeln in den Städten war zwar nicht reichlich, aber doch hinlangend. Die Brotration konnte nach Einbringung der Kömeremte wieder auf ihre frühere Höhe gesetzt werden. Die Verteilung der vorhandenen Lebensmittel wurde in den Städten auf Grund der gemachten Erfahrungen in gerechter und bestimmter, vorher genau festgelegter und bekanntge[ge]bener Weise bewerkstelligt, so daß Stockungen und langes Stehen vor den Kaufläden vermieden worden sind. Beruhigend wirkte später dann besonders die Gewißheit, daß die Ernte nicht schlecht, sondern ausreichend werden würde.

Vor allem waren und sind es aber die militärischen Ereignise zu Lande und zur See, die das Volk in allen Schichten immer wieder voll Vertrauen und Hoffnung in die Zukunft blicken lassen. Mit stolzer Genugtuung wurde die Kunde von der Befreiung Galiziens und der Bukowina, dem Vordringen in Kurland, der Einnahme von Riga und letzthin von der Besetzung der Insel Oesel aufgenommen. Mit Bewunderung und Dankbarkeit blickt man nach Flandern. Ganz vornehmlich ist es aber der verschärfte Kreuzerkrieg, der die Stimmung aller Volksschichten stets wieder belebt. Jeder liest mit Spannung von seinen Fortschritten, jeder gründet auf ihn die Hoffnung auf einen baldigen ehrenvollen Frieden.


Personen: Bernstorff, Percy Graf von
Orte: Kassel · Hanau · Galizien · Bukowina · Kurland · Riga · Oesel, Insel · Flandern
Sachbegriffe: Stimmung, öffentliche · Lebensmittelmangel · Kartoffeln · Unruhen · Witterung · Obst · Gemüse · Brotversorgung · Schlagestehen · Seekrieg
Empfohlene Zitierweise: „Percy Graf von Bernstorff, Zeitungsberichte des Regierungspräsidenten in Kassel an den Kaiser, 1917-1918, Abschnitt 12: Bericht vom 22. Oktober 1917 (1)“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/26-12> (aufgerufen am 24.07.2021)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde