Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Rudolf Hoffmann, Briefe aus dem Weltkrieg 1914-1918

Abschnitt 32: 5.2.1917: Brief des Eugen Gura, geboren in Kassel

[311]

Erläuterung:
Siehe die Erläuterung zum Brief vom 13. Februar 1915.


5. Februar 1917.

Es ist ein ganz merkwürdiges Gefühl, wenn man so heraußen an der Front ist und z. B. auf Beobachtung sitzt. Es ist abends, ganz still. Die Nebel sinken auf die Linien nieder — da ist es einem, als läge dort drüben ein — nein — tausend Panther zum Sprung geduckt. In den nächsten Wochen, in den nächsten Tagen schon kann's losgehen. Drunten dampft duftend der Kaffee, die Karten klappen auf den Tisch —im nächsten Augenblick schon wirbelt das schrille Pfeifensignal sie vielleicht auseinander. Im engen Raum, wo die Kanoniere hantieren, ist's kochheiß, angestrengteste Arbeit. — Jetzt liegt die Stellung unserer Infanterie noch wie ausgestorben und drüben gegenüber sind die Höhen wie tot. Unwillkürlich fragst Du dich: was tust du, wenn sie jetzt kommen? Schreist du auf eigene Faust ein Kommando in den Apparat, oder wie lautet die Meldung an den Batterieführer? wie lange dauert es, bis der erste Schuß fällt? was hat sich bis dahin da drüben, drunten ereignet? Aber merkwürdig, man spürt nicht die geringste Nervosität. Du freust dich der Tage, die dir bleiben, und denkst gar nicht, daß das ein Ende haben muß. Denn kommen muß etwas im Frühjahr. Nicht nur wir zeigen äußerste Energie und verzweifelte Entschlossenheit. Eine starke Konstellation von Kräften und Mächten steht uns gegenüber, nicht minder wissend, um was es geht. — Es war heute vormittag so schön und klar. Arbeitsdienst! — Ein Vögelchen sang sein «Witt — Witt» so harmlos in die blaue kalte Luft. — War es nicht eine Totenklage für das große blutige Frühjahrsopfer, das die Völker ihrem Dasein bringen? Es muß sein und wird sein. Es muß durchlitten werden. Was wird nachher sein? Ist es das letzte Frühjahr oder wird dieser Kampf bis auf's Messer noch Jahre währen? Nicht ausgeschlossen, wehe, wenn Schwäche und Kleinmut uns das Schwert aus der Hand wänden. Es muß geblutet werden, weil gelebt werden will. Bin ich ein Krüppel, dafür sind zehn glücklich, später, viel, viel später. Einer für zehn, für Hundert, für Tausend einer. Könnte man doch beten, — inbrünstig um Stärke und Kraft beten.


Personen: Gura, Eugen
Orte: Kassel
Sachbegriffe: Feldpost · Feldpostbriefe · Frontalltag
Empfohlene Zitierweise: „Rudolf Hoffmann, Briefe aus dem Weltkrieg 1914-1918, Abschnitt 32: 5.2.1917: Brief des Eugen Gura, geboren in Kassel“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/173-32> (aufgerufen am 18.06.2019)
 
Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde