Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessian World War I Primary Sources

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 52: Verladung bis zum Bahnhof Schildberg

[135-136] So hatten die anderen Kompagnien in der Nachbarschaft dieselbe Arbeit geleistet, damit die anmarschierenden Russen keine Kohlen haben sollten. Am 12. oder 13. erhielt ich beim Nachmittagsappell einen Zettel zugesteckt, auf dem dann geschrieben stand: Ein Lehrer, der Bürgerquartier wünscht, kann sich bei mir melden. Wrzezione, Lehrer. Straße und Hausnummer. Ich begab mich nach dem Appell hin und wurde sehr liebenswürdig aufgenommen. Ein sauberes Fremdenstübchen stand mir zur Verfügung, ich nahm noch einmal ein Bad, hatte jedoch nicht die Beruhigung, dass durch den Wechsel der Wäsche jede Läusegefahr für meinen Wirt behoben sei. Denn wir hatten bereits Ungeziefer im ganzen Gepäck. [S. 136]

Essen mußte ich in der Restauration, aber am Abend saß ich mit dem Kollegen und seiner Frau zusammen. Meist war noch eine junge Kollegin da und wir spielten vierhändig. Es war das letzte Mal, dass ich mit 10 Fingern Klavier spielte. Obwohl wir täglich auf unsere Abberufung warteten, dauerte unser Aufenthalt doch bis zum Sonntag, den 15. November.

Am Vormittag hatte ich im Photograph noch eine Aufnahme von der ganzen Kompagnie gemacht, von der ich zwar ein Bild bestellt, aber niemals eins erhalten habe/ Dann wurde gezahlt und angetreten/ Noch einmal ertönte der Gesang „Deutschland über alles“ über die Straße von Zalenze und dann ging der Marsch zum Bahnhof, wo wir eingeladen wurden, um in nördlicher Richtung abzudampfen. Wir fuhren über Beblinitz(?), Rosenberg (heute Olesno), Kreuzburg (heute Kluczbork), Rempen(?) die ganze Nacht durch und kamen am Montag, den 16. November, kurz vor Mittag auf dem Bahnhof Schildberg an, wo wir ausgeladen wurden.

Es war rauh und kalt und wir suchten den Wartesaal auf. In einem Seitenbau wurde erst ein Mittagessen gekocht und dann fing die Reise wieder auf Schusters Rappen an. Auf guter Straße kamen wir nach einigen Stunden nach Grabow an der Grenze. Hier wurde erst noch einmal Rast gemacht, wobei wir in einer Wirtschaft ein Glas Bier tranken, dann wurde der Marsch ins Feindesland wieder angetreten, nachdem wir geladen und gesichert hatten. Gleich hinter Grabow führte der Weg über die Prosna, deren Brücken beiderseits durch Drahtverhau geschützt war und nun fing auch wieder das Sauwetter an.

In dem ersten russischen Kaff, Gizgice (?), machten wir Halt. Ich kam mit einigen Leuten in eine elende Hütte. Sie wurde nur von einem Mann bewohnt, der ein lahmes Bein hatte und schon jahrelang die Hütte nicht mehr verlassen hatte. Ein 10 – 11 jähriger Junge betreute ihn, was natürlich Zustände ergab, die sogar für polnische Verhältnisse stark waren. Wir sanken aber bald todmüde auf das Stroh u. schliefen fest. Am andern Morgen gab es erst noch einmal Post, dann ging der Marsch weiter. Nach kurzer Zeit wir den Brigadekommandeur Schmierecke (?) und machten dem Major Diekmann und seinem Adjudanten die schwersten Vorwürfe. In Schildberg hatten nämlich die Feldgrauen Uniformen für uns bereit gelegen; doch hatte der Befehl zum Umkleiden unser Bataillon nicht erreicht, woran freilich das Bataillon nicht schuld sein konnte. Diekmann bekam also seinen Rüffel unschuldig und wir blieben in Blau.


Recommended Citation: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 52: Verladung bis zum Bahnhof Schildberg“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-52> (aufgerufen am 05.05.2026)