Hessian World War I Primary Sources

Contents
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Quartier im Dorf Druzykowa
- Jüdische Bewohner im Städtchen Pilica
- Schwierigkeiten wegen Druck eines Feldpostbriefes
- Vormarsch bis in schlesische Kohlenrevier
- Verladung bis zum Bahnhof Schildberg
- Marsch über Brzeziny nach Blaschki
- Unterkunft in einem alten russischen Gefängnis
- Kriegsalltag in der Etappe
- Vorrücken über die Warthe
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 51: Vormarsch bis in schlesische Kohlenrevier
◀ [134-135] Unterdessen war der allgemeine Rückzug bis an uns heran gekommen. Noch einmal holte ich am 5. Nov. in Olkusz die Post. Da kam am 6. Nov., es war ein Freitag, der Befehl, Rabsztyn zu räumen. Die Bagage wurde in den Zug, der vorbei fuhr, verladen, die leeren Wagen fuhren mit den marschierenden Mannschaften, und während letztere den Rückmarsch antraten über Olkusz u. Slawkow nach Kattowitz, kam ich zu dem Bewachungskommando in den Kolliwagen, der unsere Bagage enthielt. Gegen Abend fuhr unser Zug von Rabsztyn ab und hinter uns waren bereits die Zerstörungsmannschaften. Wir sahen noch, wie sie mit ihren Äxten in die Telegraphenapparate schlugen, dass die Schrauben und Messingteile bis an die Decke spritzten. Zuletzt wurden die Bauwerke gesprengt und der Sprengzug war der letzte, der von Station zu Station die Zerstörung trug und dahinter kamen die Russen.
Unsere Rückfahrt dauerte lange. Auf einer kleinen Station hielten wir die ganze Nacht. Da stand auch noch ein Zug mit Liebesgaben, von welchen an die vorbei fahrenden Soldaten verteilt wurde. Ich erhielt einen langen Halsschal, den ich nachher Tag und Nacht getragen habe und den ich noch heute besitze. Gefroren haben wir in dieser Nacht fürchterlich in dem kalten Wagen, in dem kaum so viel Platz frei war, dass man sitzen, geschweige denn liegen konnte.
Am 7. Nov. langten wir in Zalevze(?) bei Kattowitz an und die Truppen kamen ungefähr gleichzeitig an. Eine Restauration wurde und uns zur Wohnung angewiesen. Ein großer Saal war mit Stroh ausgeschüttet und [S. 135] diente als Schlafsaal und nach langer Zeit aßen wir zum ersten Mal mit Messer und Gabel am gedeckten Tisch aus Porzellantellern. Auch konnte man seinen äußeren Menschen wieder einmal in Ordnung bringen lassen, Haare und Bart schneiden lassen. Gleich am ersten Tag marschierten wir hinaus zur Knophos – Grube (?), wo der Feldwebel wohnte und nahmen in der Fabrikbadeanstalt ein Bad, was jetzt nötig tat.
Unser Appellplatz war die Knophosgrube(?), unser Quartier lag in Zalonce(?), sodass wir jedesmal 20 Minuten hinaus zu marschieren hatten. Vormittags hatten wir zuweilen Exerzieren auf dem Felde, nachmittags meist Appell in allen Gegenständen. Bald mußte das Mützenfutter gewaschen werden und die Halsbinde, bald kam das Schuhwerk dran, bald die Waffen u.dgl. Unsere freie Zeit benutzten wir zum Billardspielen oder zu Gängen durch die Stadt. Photographische Aufnahmen ließen wir machen von der Korporalschaft und von unserer Gruppe bestehend aus Amend, Heßler, Apel und mir.
Eines Tages rückten wir feldmarschmäßig sehr früh morgens aus, marschierten über Domb(?), Laurahütte(?) nach Norden bis zur Straße von Beuthen nach Bendzin. Dort überschritten wir die Grenze wieder, passierten das Städtchen Gedlatz(?) und bogen dann von der Straße rechts ab nach der Grube Simianowitz. Vorn marschierte ein Zug, dann kamen 2 Wagen mit dem Kompagnieführer, dem Feldwebel und einigen Bergbeamten vom Oberbergamt Kattowitz und die beiden anderen Züge folgten. An der Grube angekommen, marschierten wir auf den Zechenhof, bildeten (?), machten zum Schuß fertig und warteten der Dinge, die da kommen sollten.
Die Beamten begaben sich mit dem Kompagnieführer in die Geschäftsräume, erklärten den Betrieb für geschlossen und beschlagnahmten die Geschäftsbücher. Dann wurde der ganzen Belegschaft durch das Grubentelephon der Befehl zum sofortigen Ausfahren erteilt. Nach Ablauf einer halben Stunde war dieser Befehl ausgeführt Mit geballten Fäusten und finsteren Gesichtern verließen die schwarzen Gestalten die Schächte, denn sie wußten, dass jetzt eine schwere arbeitsreiche Zeit für sie kam, und dabei war der Winter vor der Tür. Als alles ausgefahren war, wurden die Pumpen und Fördermaschinen gesprengt und in 24 Stunden gab es eine ersoffene Zeche mehr. Dann rückten wir geschlossen wieder ab und erreichten am Abend Zolanze(?) wieder, allerdings nicht mit dem Gefühl, eine gute Tat vollbracht zu haben. ▶
| Recommended Citation: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 51: Vormarsch bis in schlesische Kohlenrevier“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-51> (aufgerufen am 05.05.2026) |
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