Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessian World War I Primary Sources

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 40: Vorrücken bis zum Bahnhof Checiny

[124-125] Auch die erste jüdische Schächterei sah ich in Andrejew (?) und nahm mir an diesem Tage auch vor, für kein Geld der Welt polnische Wurst zu essen. Trotzdem habe ich später doch solche gegessen. Wenn man ja seinem Ekel in allen Stücken nachgeben wollte, wäre man verhungert und verdurstet. Schon die Wasserversorgung war schauerlich. Wasserleitung kannten oft große Städte nicht. Das Wasser lieferten die großen Leierbrunnen, die an einem großen Schwingrad gedreht wurden. Der Eimer wurde von allen schmutzigen Fingern angefasst und ein Schutzdach hatten die meisten Brunnen meist auch nicht, sodaß aller Schmutz ungehindert hinein fallen konnte. Wer es deshalb nur irgend vermeiden konnte, trank kein Wasser. Allerdings ließ sich das nicht ganz streng durchführen.

Am Mittwoch, den 7. Okt. verließen wir Andrejew(?) und marschierten weiter. Am Vormittag stellte sich Schneegestöber ein, was unsere Mittagspause bei Mnichow, wo wir abkochten, ungemütlich machte. Jenseits Mnichow kreuzten wir die Bahn und verfolgten die Landstraße bis Tokania. Hier bogen wir rechts ab in einen grundlosen Feldweg, der nach dem Bahnhof Checiny führte. Nach einer halbe Stunde war derselbe erreicht, und wir machten es uns in einem Hause bequem, das früher wohl eine Art Kantine oder eine Bahnwirtschaft gewesen war. Es war jetzt leer. Bloß eine große Theke und ein Gläserschrank stand noch darin. 3 Räume waren vorhanden. Rechts vom Flur wohnte der Feldwebel und der Kompagnieführer, links vom Flur war vorn Schreibstube und dahinter Küche und gleichzeitig Schlafraum für die 3 Ordonanzen und für Zipp.

Vor unserem Haus war ein Hof, der durch ein 2. Haus gegen den Weg abgegrenzt war. Der eigentliche Bahnhof lag 100 m weiter rückwärts. Vor uns aber lag noch der große Ziehbrunnen, der an die Pußtabrunnen erinnerte. Weiter abseits lagen noch einige [S. 125] Wohnungen und Ställe, wo unsere Pferde untergebracht waren. Das Bataillon war auf der Bahnstrecke nun verteilt worden, denn wir hatten jetzt die Aufgabe, die Strecken zu sichern. Hier lagen wir also jetzt fest bis zum 16. Okt.

Die Tage waren wieder hell und klar geworden, bei Tage warm, bei Nacht kühl. Die Bagage, die auf unserem Hof stand, mussten wir nun selbst bewachen, sodass wir nachts 2 mal Posten stehen mussten. Dafür hatten wir sonst keinen Wachtdienst. Heßler hatte alle Hände voll mit Kochen zu tun, Amend half bei der Schlachterei, die hier jeden Tag stattfand und ich selbst bekam nun allerhand zu schreiben. Die Stammrollen mussten fertig gestellt werden, die Kompagniechronik wurde von mir geführt, Befehle geschrieben, Meldungen erstattet, Kartenskizzen entworfen und mit dem Hektographen vervielfältigt u. dgl. mehr. Wenn die Arbeit zu viel wurde, half der lange Hagen.


Recommended Citation: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 40: Vorrücken bis zum Bahnhof Checiny“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-40> (aufgerufen am 05.05.2026)