Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessian World War I Primary Sources

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 39: Versorgung der Truppe, Beschaffung von Petroleum

[123-124] Da am andern Tag Ruhetag war, so wurde wieder ein Rind und ein Schwein geschlachtet und großes Schlachtfest gefeiert. Der Unteroffizier Zipp besorgte die Schlachterei und Wurstmacherei. Auf dem wunderschönen großen Mahagonitisch im Salon wurde das Schwein zerlegt und die Wurst gemengt. Heßler hatte jetzt gut kochen, denn wir waren an der Quelle. Wir litten auch an diesem Tag keinen Hunger, ja am Abend war eine richtige Metzelsuppe angesagt, zu der die Wehrleute vom Unteroffizier aufwärts geladen waren. Ein Fässchen Bier war besorgt, ein trefflicher Kartoffelsalat stand auf dem Tisch und Zipp hatte für eine delikate Bratwurst gesorgt.

Eben hatte man sich zur Tafel gesetzt, als plötzlich von der Straße herauf Alarm geblasen wurde und einige Schüsse fielen. Kleft schluckte schnell seinen Bissen Bratwurst hinunter, trank auch noch einen Schluck Bier und stürmte hinaus. Der Koch und ich blieben allein, alle anderen folgten dem Feldwebel. Ich hatte für solche Fälle den Befehl, die Akten zu bewachen und wenn Gefahr drohte, zu bergen, und der Koch hatte noch einen Kessel Wurst im Wasser, die er nicht preisgeben wollte. Alles rannte nach dem Marktplatz, wo der Tumult ausgebrochen war; doch bald wurde es ruhig und nach einer Stunde saß wieder alles am Tisch und beendete das unterbrochene Mahl.

Es war nichts gewesen. Auf einen der Posten, die auf dem Marktplatz die Bagage bewachten, war zwar ein Schuß gefallen, den die Posten nach der Richtung, wo er herkam, erwiderten. Doch war nicht festzustellen, wer geschossen hatte, und eine Durchsuchung aller Häuser am Marktplatz förderte kein Resultat zu Tage. Ich hatte mir einen Schnupfen geholt, den Heßler und ich waren in den Hemdsärmeln auf den Balkon gelaufen, das Gewehr schussfertig in der Hand, um den Eingang ins Haus zu verteidigen. [S. 124]

Am Abend ging uns die Lampe aus, und ich wurde geschickt, ein Petroleum zu holen. Eine Kanne hatten wir nicht, da nahm ich die Lampenglocke und ging auf die Suche nach Naphta (Petroleum) . Am Marktplatz wurde ich in ein Haus gewiesen, durch einen dunklen Gang, durch den ich nur mit Hilfe von Streichhölzern durchfand, gelangte ich endlich an eine Tür, hinter der Stimmen hörbar waren. Ich drückte auf und war in einer richtigen russischen Krämerbude. In der Ecke stand ein Tisch, auf welchem auf der einen Seite allerlei Reste eines (?) Mahles, auf der anderen Seite ein großer Haufen Feinschnitttabak lagen. Hinter diesen saßen 2-3 Kinder in fürchterlichen Schmutz und stopften mit Hilfe kleiner Messinghülsen den Tabak in Zigarettenpapier. Die fertigen Zigaretten kamen in ein buntes Kästchen und tags drauf liefen sicher unsere Schmutzfinken an den deutschen Soldaten entlang und riefen. „Koife da Zigaretten? Bester Herr?“ Ich habe von diesem Tage an keine Zigaretten mehr in Russland geraucht.


Recommended Citation: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 39: Versorgung der Truppe, Beschaffung von Petroleum“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-39> (aufgerufen am 05.05.2026)