Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessian World War I Primary Sources

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 32: Aufenthalt in Guntersblum (Rheinhessen)

[116-117] Etwa 8 Tage dauerte unser Aufenthalt hier. Nach und nach bekamen wir hier unsere Ausrüstung und die zusammengetrommelten Restbestände aller Kammern. Sie konnte nicht erstklassig sein, entsprach aber vielfach selbst den primitivsten Ansprüchen nicht. Ich hatte eine Hose von den 88ten1, einen Waffenrock mit dem gekrönten K2, ebenfalls Regiment 88 bedeutend, einen Mantel mit den gelben Aufschlägen der 118er3 und das Gute kommt zuletzt-ein Dragonerhelm4, den ich bis zuletzt getragen habe. Auch die übrigen Ausrüstungsstücke waren zum Teil sehr zusammengewürfelt, zum Teil sehr schlecht. Das Verpassen und Aussuchen der Stücke dauerte bei den geringen Vorräten sehr lange, und das Ausbessern und Zurichten der unpassenden und schadhaften Stücke setzte alle Handwerker, Schneider, Schumacher u. Sattler in Bewegung. Die übrige Zeit wurde mit Exerzieren ausgefüllt, wobei wieder das berüchtigte: „Zum Schuß! Fertig!“ das Paradestück war.

Ein Sonntag fiel in diese Guntersblumer Zeit. An diesem waren eine Menge Frauen angekommen, um ihre Männer hier zum letzten mal zu besuchen. Auch von Dillenburg waren welche dabei, denn wir hatten viele Dillenburger in der Kompagnie. Am Sonntag Nachmittag marschierte ich mit unseren Kameraden an dem Guntersblumer Wasserwerk vorbei, das wir besichtigten nach dem Rhein hinaus, wo wir in einer Restauration einkehrten und uns an einem Gläschen Wein und einem Handkäse gütlich taten. Hier in Guntersblum traf ich einen alten Bekannten, den Dr. Chelius, der früher in Eisemroth5 Arzt und unser Hausarzt in Offenbach6 gewesen war.

An einem Mittwoch Nachmittag rückten wir von Guntersblum wieder ab, wie immer [S. 117] ohne zu wissen, wohin. Wir wurden mit Musik vom Appellplatz zum Bahnhof gebracht, in die Wagen verteilt, und nun hielt der Oberstleutnant, der zurückblieb, eine Rede, in der viel von Feindesland und von Tapferkeit die Rede war, sodass wir wohl ahnten, dass uns baldiger „Außendienst“ bevorstand. Für felddienstfähig waren ja alle, die eingeteilt waren, bereits in Wetzlar und später in Guntersblum zum 2. Mal befunden worden.


  1. d.h. des 2. Nassauischen Infanterie-Regiments Nr. 88 in Mainz.
  2. Das gekrönte K auf der Schulterklappe verwies darauf, dass Königs Konstantin I. von Griechenland seit 1913 Regimentschef der 88er war.
  3. Das 4. Großherzoglich-HEssische Infanterie-Regiment Prinz Carl Nr. 118 war in Worms stationiert.
  4. Dragoner waren Angehörige der Kavallerie.
  5. Heute Gemeinde Siegbach, Lahn-Dill-Kreis.
  6. Offenbach, Gemeinde Mittenaar, Lahn-Dill-Kreis.

Recommended Citation: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 32: Aufenthalt in Guntersblum (Rheinhessen)“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-32> (aufgerufen am 06.05.2026)