Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessian World War I Primary Sources

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 31: Aufenthalt in Guntersblum (Rheinhessen)

[115-116] Am Bahnhof hatten sich einige Frauen aus Dillenburg eingefunden, die zufällig von unserem Abrücken erfahren hatten. Maria aber hörte erst davon, als wir schon im Zug saßen nach [?]. Von Wetzlar aus ging der Transport zunächst nach Giessen, wo wir in einer Bahnhofsbaracke erst eine Stärkung in Form einer dicken Suppe empfingen. Darüber war es Nacht geworden, und nun trug uns der Zug über Frankfurt, Mainz nach Guntersblum1, wo wir gegen 2 Uhr in der Nacht ankamen. Wir marschierten auf einen freien Platz, der wie wir am andern Tag sahen, der Schulhof war.

Aus dem Schulhaus trat ein Offiziersstellvertreter mit langem wallenden Bart, stellte aus der Namensliste fest, dass wir alle angekommen waren und händigte jedem einen Quartierzettel aus. Darüber war es 3 Uhr geworden und wir gingen in der dunklen Nacht auf die Wohnungssuche. Nach langem Hin und Her fand auch ich mit einigen Gefährten die bezeichnete Straße und die Hausnummer, wo Kohlenhändler Hill wohnte. Einige Fußtritte und Faustschläge an das Hoftor brachten zwar keinen Menschen, aber doch einen Hund auf die Beine, der alle unsere Rufe mit lautem Bellen beantwortete.

Endlich kam aus einem Seitenbau ein Stalljunge hervor, der auf unsere Aufforderung seine Herrschaft aus dem Schlafe klopfte. Nach einigem Warten erschien dann auch in der größten Unschuld ein nicht mehr ganz junges Mädchen im Nachtgewand und öffnete uns, die wir nun zu vieren im Hofe standen, die Tür. Ihr Anerbieten, uns erst noch einen Kaffee zu machen, lehnten wir ab. Wir wollten lieber noch 2-3 Stunden schlafen; denn um 7 Uhr waren wir schon wieder auf dem Appellplatz auf dem Schulhof befohlen. So wies sie uns [S. 116] unser Zimmer an und wir begaben uns zur Ruhe.

Um ½ 7 wurden wir zum Kaffee geweckt. Jeder bekam noch eine doppelt belegte Butterbrotscheibe eingepackt und so wurden wir entlassen. Die Sache auf dem Schulhof dauerte nicht lange. Wir wurden bloß eingeteilt und bekamen unseren neuen Vorgesetzten. Ein ganzes Bataillon wurde hier zusammengestellt unter dem Oberstleutnant Hahn, einem gar gestrengen Herrn. Unsere Kompagnie bekam den Feldwebel Klaft als Instruktor. Nachdem alles rangiert war, wurden wir einstweilen entlassen.

Obwohl wir unser reichliches Frühstück bereits verzehrt hatten, wurden wir zuhause noch einmal an den Frühstückstisch genötigt, wo ein Berg von Brötchen, ein Berg von Wurst und ein großer Krug Wein standen. Der Hausherr machte nun selbst die Honneurs. Er war ein älterer bärtiger jovialer Bürger, und die Dame, die uns empfangen hatte, war seine einzige Tochter. Sein Sohn war auch schon im Feld und hatte bereits aus Frankreich geschrieben. Die tadellose Bewirtung, die an diesem Tage anhob, ließ nicht nach solange wir in Guntersblum blieben.


  1. Ort im Kreis Mainz-Bingen, südlich von Oppenheim.

Recommended Citation: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 31: Aufenthalt in Guntersblum (Rheinhessen)“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-31> (aufgerufen am 06.05.2026)