Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 19: Besuch in Limburg, Staffel, Elz und Offheim

[30-32]
Im Kreis Limburg a. d. Lahn.

Montag, den 7. September, Besuch beim Herrn Landrat. Wie eine wahre Fürsorgemutter kümmerte sich dieser Herr um unsere Leute. In einigen Zirkularen empfahl er die Metzer den Pfarrern und Bürgermeistern. Alle waren tunlichst nach Konfessionen untergebracht. Dreimal hatte ich die Ehre, bei dem Herrn Landrat vorzusprechen. Ein herzliches Vergelt's Gott für all das Gute, das er meinen Landsleuten erwiesen hat. [S. 31]

Trotz des freundlichen Empfangs verließ ich in stark gedrückter Stimmung das Landratsamt. Meine armen Zehen! Wie die schmerzten, als ich auf dem holperigen Pflaster in den engen Gassen zum Bischofspalast humpelte. Und diese wunden, baufälligen Füße sollten dreiunddreißig Dörfer des Kreises ablaufen! Wohl mehr zum Trost als zur Heilung bot mir ein Drogist eine Schachtel „Hühneraugen tot" an. Der Hochw. Herr Bischof entwarf mir selbst den Reiseplan. Ja, mit Wagen oder Auto wäre es eine Kleinigkeit gewesen! Wo aber Pferde resp. Benzin herholen? Es blieb trotz der bösen Zehen nichts übrig, als Schusters Rappen anzuspannen. Ravensteins Karte über „das Lahntal" zeigte mir die dreiunddreißig Dörfer. Wenn auch der Reiseplan noch so oft geändert wurde, es blieben immer 100 bis 110 Kilometer „abzuklopfen". Ein jäher Schreck durchfuhr wohl meine armen Zehen, 110 Kilometer bei dieser Hitze!

Nach elf Uhr lag mir Limburg hinter'm Rücken. In Staffel gab's zum Mittagessen drei Eier und eine Flasche Selterswasser. In der Wirtschaft redete man gerade von den Metzern, über die man verschiedene Urteile fällte: die einen seien brav, die andern schlecht, manche sauber, viele schmutzig, nicht wenige fleißig, noch mehr arbeitsscheu, alle aber mit ihrem jetzigen Lose unzufrieden; man müsse mit den armen Leuten Mitleid haben, die Haus, Herd und Heimat verlassen mußten, um in der Fremde Obdach zu suchen, wo andere Sitten, andere Gebräuche, andere Sprache und meist eine andere Religion herrschten. Der Bischof von Metz habe einen guten Gedankengehabt, einen Pastor aus Metz hierherzuschicken. Das würde doch die Leute trösten. Manche Augen schauten auf den schwarzen Mann mit den zerstäubten Schuhen und Kleidern. Soll der's nicht sein? Ja, er war's. Als es feststand, rückten alle näher heran, und wir schwatzten und schwatzten ... Mittag, ein Uhr … Jetzt hieß es, wieder zum Wanderschirm greifen. Die gute, alte Wirtsfrau hatte den Metzer Kaplan so in ihr mütterliches Herz eingeschlossen, daß sie keinen Heller für das Essen annehmen wollte.

War das eine Hitze, als der freundliche Bürgermeister von Staffel mich von Haus zu Haus zu meinen Landsleuten führte!

Ausgezeichnet mundete das frische Bier beim Herrn Pfarrer von Elz. [S. 32]

Nachdem ich meine Landsleute begrüßt und auch unserm Herrgott in der schönen Kirche „guten Tag" gesagt hatte, ging's den Berg hinauf nach Offheim. Die sengenden Strahlen der Mittagssonne bleichten meinen Schirm. Gerade lenkten die Zehen wieder die Aufmerksamkeit aus sich, als flehende Bittrufe an mein Ohr drangen. „Mère très pur, priez pur nouz; Mère très chaste, priez pur nous; Mère toujour vierge, priez pour nous" . . . Da kam ein altes Mütterchen den Berg herunter; ganz versteckt war sie hinter dem breiten Sonnenschirm. „Rose mystérieuse, priez pour nous; tour de David, priez pour nous“ . . . Sie stand dicht bei mir und hatte mich noch nicht erblickt. „Porte du ciel, priez pur nous; étoile du“ … Bonjour Madamem bonjour“ . . . „Mon Dieu, Seigneur“ . . . Vor Schrecken glitt ihr der Schirm aus der Hand: „Mais, qui êtes-vous donc?" Ach, wie glänzten die alten Augen! Ein leibhaftiger Kaplan aus Metz vor ihr! Sie wohnte allerdings in St. Vinzenz, kannte und liebte aber die schöne Kirche St. Segolena. Ich soll doch beten für sie, damit sie in Metz sterbe und in Metz auf dem Kirchhof Chambières beerdigt werde. Mit ihren sechsundsiebzig Jahren stände sie ja mit einem Fuß im Grabe. Als wir uns die Hand zum Abschied reichten, rollte eine dicke Träne über das runzelige, eingefallene Gesicht. Ob sie noch lebt, die gute Alte?

„O süße Stimme! Vielwillkommner Ton der Muttersprache in einem fremden Lande!"

In Offheim fand ich viele Bekannte. Leider hatten hier nicht alle Metzer ein gutes Andenken hinterlassen. Mit Recht beklagten sich die Einwohner und auch der ehrwürdige Pfarrer, ein Priestergreis. Ja, das kleine Offheim lernte mal Großstadtelend und Großstadtlaster kennen. Da die „Heldinnen" mir von Metz aus schon längst bekannt waren, konnte ich mit Hülfe der Behörde energisch eingreifen. Einer soll es gelungen sein, in die Schweiz zu fliehen.



Empfohlene Zitierweise: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 907: Besuch in Limburg, Staffel, Elz und Offheim“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-19> (aufgerufen am 08.05.2026)