Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
Bitte beachten Sie: LAGIS hat eine neue Adresse: lagis.hessen.de. Für eine Übergangszeit stehen Ihnen ausgewählte Module über die bekannte Oberfläche zur Verfügung. Alle anderen sind über die neue Version des Informationssystems zugänglich. Bestehende Permalinks behalten ihre Gültigkeit und leiten bereits jetzt oder nach Abschluss aller Migrationsarbeiten automatisch auf das neue System um.

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 20: Weitermarsch nach Niederhadamar und Hadamar

[32-34] Trotz der „knurrenden Zehen", die die Arbeit einzustellen drohten, gings querfeldein durch die Stoppelfelder nach Niederhadamar. Einige erfrischende Äpfel dienten unterwegs als Vesperbrot. Den Diebstahl habe ich dem Herrn Bürgermeister eingestanden, und auch gleich erfolgte die Lossprechung mit der Erlaubnis, für persönlichen Tagesbedarf ruhig weiter zuzugreifen. Eine [S. 33] neunjährige Schülerin, mit der ich in Metz stets auf gutem Fuß stand, führte mich zu den Landsleuten.

Fast alle begleiteten mich nach Hadamar. Die Kinder liefen als Meldereiter voraus. Viele Metzer kamen mir entgegen. Zu vierzig, fünfzig standen sie um mich herum, Katholiken, Protestanten, Juden, alle freuten sich, alle lauschten gespannt meinen Worten. Bald hochdeutsch, bald lothringer Platt, meist französisch, was einem Einheimischen stark auf die Nerven ging. In unserer übergroßen Freude nahmen wir es dem Herrn nicht übel. Von einer Gruppe jubelnder Kinder und Frauen umgeben hielt ich meinen Einzug in das Städtchen, das mir stets in guter Erinnerung bleiben wird. Aus den Häusern kamen noch viele Metzer, andere eilten aus den verschiedenen Straßen herbei. Immer mußte ich plaudern, immer erzählen, auf tausend Fragen Antwort geben. Besonders ließen mir die kleinen Metzerinnen keine Ruhe. Der Herr Kaplan mußte in dies Haus, in jenes Haus, den kleinen Hadamarer Freundinnen eine „Patschhand" geben, sich den Quartiergebern wenigstens vor stellen und ein paar Worte von Metz und von der Lothringischen Schlacht erzählen, von der er natürlich gar nichts wußte. Die Kleinen ahnten nicht, daß der Magen des Herrn Kaplans knurrend energische Beschwerden vortrug — mit den drei Eiern und der paar Äpfeln seit Mittag wollte er sich nicht zufrieden geben — und erst die Zehen! Die juckten und zuckten und gaben deutlich zu verstehen, daß sie künftighin solche Anforderungen energischst ablehnen werden. Trotz alledem mußte man immer freundlich sein, immer und ohne Unterlaß plaudern. Erst nach neun Uhr konnte der Besuch beim Herrn Pfarrer gemacht werden. Bei einem guten Abendessen, das mir vorzüglich mundete, wurde bis zehn Uhr weitererzählt.

Am 8. September war es mir kaum möglich, die Beine zum Gehen zu bringen. Die waren wie zerschlagen. Drei der zehn bedauernswerten Zehen waren dazu leicht verwundet. Ein neues Pflaster von „Hühneraugen tot" wurde aufgelegt. Bei der Messe war die Kirche dicht besetzt. Auch viele Metzer hatten sich heute ausnahmsweise eingefunden. Nach einem Besuch beim Bürgermeister und in den Spitälern begleiteten mich einige kleine Metzerinnen auf den Weg nach Faulbach. Oben auf dem Berg nahmen wir Abschied. So ein kleines rotes Zehnjähriges wollte unbedingt mit mir [S. 34] weiterwandern. Sie hatte ihr Herzchen dem Kaplan geschenkt. „Gelt, in Metz darf ich jeden Tag zu Ihnen kommen?" Ich winkte „ja". Aus dem Auge, aus dem Herzen! Die kleine Rote habe ich seither nicht mehr gesehen.

Reizend lag das Städtchen Hadamar vor mir. Es zählt 2.800 Einwohner. Lange Zeit war es Hauptstadt der Nassauisch-Hadamarischen Grafschaft. Hier finden sich ein Knabenkonvikt, ein königliches Gymnasium, ein Spital für Fallsüchtige, eine Korrektionsanstalt und ein Frauenkloster. Die ältesten Teile des Schlosses, wo früher die Fürsten residierten, stammen aus dem 16. Jahrhundert. Die Liebfrauenkirche ist im 15. Jahrhundert erbaut worden. Auf dem Mönchberg liegt die Franziskanerkirche mit der Fürstengruft. Früher wirkten hier die Jesuiten. Ihre Kirche dient heute den Katholiken als Gotteshaus. Alle Landsleute sind wohl wenigstens einmal zum nahen Herzenberg gepilgert, wo sie an dem berühmten Wallfahrtsort Gebete für eine baldige Heimkehr zum Himmel gesandt haben.


Empfohlene Zitierweise: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 20: Weitermarsch nach Niederhadamar und Hadamar“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-20> (aufgerufen am 08.05.2026)