Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Predigt 1: zu 1. Mose, 12, 2
- ...
- Predigt 4: zu 1. Petri 2, 17
- Predigt 5: zu Jerem. 29, 11-14
- Predigt 6: zu Offenb. Joh. 2, 10
- Predigt 7: zu 2. Cor. 6, 4 ff.
- Predigt 8: zu 1. Johannes 2, 17
- Predigt 9: zu Ev. Joh. 19, 26-27
- Predigt 10: zu Jesaias 55, 6
- Predigt 11: zu Colosser 3,1
- Predigt 12: zu 2. Thimot. 1,7
Abbildungen
↑ Christian Eisenberg, Zwölf Feld-Predigten des Feld-Divisionspfarrers. Zweite Reihe, 1916
Abschnitt 10: Predigt 10: zu Jesaias 55, 6
◀ [44-48]
Suchet den Herrn, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist. Jesaias S5, 6.
Liebe Kameraden!
Der Name des heutigen Sonntags ruft uns zu: rogate, betet. Ernst und mahnend, lockend und freundlich klingt das Wort durch die Welt. Man möchte fragen: Ist's mehr eine Mahnung, ein Befehl des heiligen Gottes; oder ist's eine Erlaubnis des barmherzigen Vaters an seine staubgeborenen Menschenkinder? Wir dürfen beides heraus hören. Die Mahnung: Ihr Menschenkinder, die Ihr Euch so leicht verliert in dieses Lebens Lust und Leid; die Ihr so gern auf Euch selbst vertraut und dann doch immer wieder so schnell mit Euerer Kraft und Euerem Können am Ende seid; die Ihr nicht vom Brot allein leben könnt, sondern Nahrung gebraucht für Euere unsterbliche Seele, — betet! Und die Erlaubnis: Ihr Menschenkinder, die Ihr das Herz oft so voll habt von Sorge und Sehnsucht und großem Anliegen aller Art; die Ihr Euch sehnt nach Kraft, Trost und Frieden, nach Reinheit und wahrhaftigem Leben, — Ihr dürft beten! So laßt uns gern auf dieses Doppelte hören, das in unserem wort enthalten ist.
Es ist unnatürlich, wenn wir's nicht tun. Beachtet die Tatsache, Kameraden, daß es wohl viele einzelne gebetslose Menschen auf Erden gibt, aber kein Volk, keinen Stamm ohne Gebet. Ob es die unkultivierten Stämme sind, die vor ihren selbstgemachten häßlichen Götzenbildern auf den Knien liegen und ihnen ihre Gaben und Gebete bringen- oder die Muhamedaner, die ihren Gebets-Teppich ausbreiten und sich nach Mekka hin verneigen; oder die Christen, die im Geist und in der Wahrheit zu ihrem Gott aufblicken als zu ihrem Vater; — der Zug zum Gebet, zum Umgang mit den unsichtbaren, ewigen Mächten liegt im Menschen, vom Schöpfer selbst hineingelegt, als edles Gut und himmlische Gabe ihm mitgegeben. Darum soll niemand meinen: betende Menschen seien etwas Besonderes. Das Gegenteil ist richtig: gebetslose Menschen sind etwas Unnatürliches; in ihnen ist etwas erstorben, das in ihnen lebendig war und nach Gottes Willen lebendig bleiben soll. Ein altes Wort sagt: „Das Beten ist das Atemholen der Seele", wir wissen vom Körper, wie unentbehrlich ihm ein gleichmäßiges, ungehemmtes Atem-Holen ist; wie er krankt und abstirbt, wenn ihm das fehlt. Ebenso ist's mit der Seele. Betet sie nicht mehr, so ist sie krank, so hat sie etwas verloren von ihrer ursprünglichen Kraft und Frische. — Von hier aus ist die Art mancher Menschen zu beurteilen, die über das Beten spotten, als über etwas Kindisches und Schwächliches; die sich wohl gar rühmen: sie beteten nie, sie hätten das nicht nötig und seien dem längst entwachsen. Solchen sagen wir: Arme Menschen; wie wenig Ursache habt Ihr in Wirklichkeit, Euch zu brüsten; Ihr tut uns leid, denn Ihr wißt gar nicht, wie viel Euch mit dem Gebet fehlt.
Rogate, betet, — Jahr um Jahr hat uns diese Mahnung und Erlaubnis unseres Gottes schon erreicht. Im Gleichmaß der Friedensjahre und unter all den guten Tagen, die über uns dahin gegangen sind, haben wir diese Stimme oft genug überhört. Nun wird sie seit vielen Monaten schon verstärkt durch all das große, schwere Erleben, in das wir hineingestellt sind. In wie mancher Stunde ruft Gott selbst uns hier draußen zu: betet! In den langen Zeiten des Schützengraben-Dienstes mit seinen uns [S. 46] allen so wohlbekannten hundertfachen Gefahren und Mühen- vor den Sturm-Angriffen, zu welchen wir danach geführt wurden; jetzt vor dem immer wiederkehrenden Hinaus-Gehen in die vorderste Stellung mit ihrem ständigen Granat-Hagel —, Kamerad, war's dir da nicht oft, als ob Gott selbst Dich fragte: „hast Du auch gebetet"? habt Ihr nicht selbst dabei oft genug die Erfahrung gemacht, daß man doch anders hinausgeht und anders draußen steht, wenn man, sich betend in Gottes Hände befohlen hat, als wenn man ohne Gebet und ohne einen Blick nach oben in den Tag, vielleicht auch in die ewige Nacht hinein lebt? Es ist kein Zweifel, daß in dieser schweren Zeit, in die wir jetzt gestellt sind, mehr gebetet wird, als früher; hier draußen und daheim, wie sollten unsere Frauen und Kinder mit ihrer Sorge und Sehnsucht daheim fertig werden, wenn sie ihr Denken und Sehnen, ihr Fürchten und hoffen nicht immer wieder in Gebete umwandeln und damit vor Gottes Angesicht treten dürften? Und mancher starke Mann in des Königs Rock hat es hier im Feld wieder gelernt, seine Hände zu falten, der es vorher lange nicht mehr getan hatte.
Welches ist der Inhalt dieses tausendfachen, aus der Not der Zeit heraus geborenen Betens? Immer nur Angstrufe? Immer nur stürmisches Flehen um Erhaltung des eigenen Lebens, um Bewahrung und Errettung derer, die man lieb hat, um Erfüllung der heißen Wünsche, die im Herzen wohnen? Wir verachten und verurteilen es nicht, wenn sich dergleichen wieder und wieder hervordrängt und als Gebet zu Gott emporsteigt, hat doch auch der Heiland das Flehen des sinkenden Petrus um das eigne Leben, das Betteln des Kananäischen Weibes und das inbrünstige Eintreten des Jairus für geliebte Häupter nicht verachtet, sondern sich gewährend und helfend zu den Bittenden geneigt. So wird auch mancher Kriegsteilnehmer, wie manche von unsern Lieben daheim die aus der Erfahrung geschöpfte Zuversicht haben: wir haben wahrhaftig einen Gott, der Gebete erhört.
Aber die Höhe des Betens ist dieses Flehen um irdische Güter und eigne, persönliche Anliegen nicht. Nicht so soll es sein, daß Gott uns den Willen tut, sondern: wir den seinen. Das Leben ist — auch im Krieg — der Güter höchstes nicht. Das höchste, wertvollste Ziel für unser Beten muß bleiben: daß wir immer mehr eingehen in Gottes Willen, still werden in seiner Gnade, bereit stehen zu seinem Dienst, frei werden von allem Niedrigen und Schlechten. Dein Name werde geheiligt, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, — der Heiland weiß schon, warum er diese schlichten, großen Bitten an die Spitze des Gebetes für die Seinen stellt. — Wer dazu gelangen will, hat natürlich mehr nötig, als ein seltenes, stotzweises, auf die Stunden der Not und Gefahr sich beschränkendes Betteln. Wollen wir zur Höhe christlichen Betens gelangen, so müssen wir ein Gebetsleben führen. Dazu ist treues, fleißiges Üben nötig; ein Sich-Gewöhnen an regelmäßige Gebetszeiten, trotz aller Unrast des Lebens; ein Umgehen der Seele mit Gottes Wort; ein innerliches Verarbeiten dessen, was die Tage bringen, vor Gottes Angesicht. Mag manches davon unter dem drückenden, hemmenden Einfluß unseres Feldlebens schwer zu verwirklichen sein, — auch hier gilt's: dem Aufrichtigen läßt es Gott gelingen, und: dem Demütigen gibt Gott Gnade.
Laßt uns dabei den tiefen Ernst nicht überhören, der durch unser Textwort klingt: „solange er zu finden ist; solange er nahe ist." Danach gibt es also auch ein „zu spät"; es könnte eine Zeit kommen, da der Herr dir so fern rückt, daß deine tastende Hand ihn nicht mehr erreichen und Deine suchende Seele ihn nicht mehr finden kann. Kamerad, schieb das, was Du heute für Dein Seelenheil tun kannst, nicht bis morgen auf; Du weißt nicht, ob Du morgen noch lebst. Du weißt ja, daß jeder Tag hier bei uns seine Opfer fordert, und es kann Dir heute niemand sagen, ob Du nicht morgen dazu gehörst. — Noch in anderem Sinn gibt es ein „zu spät"' Denke nicht, daß du Gottes Nähe [S. 48] von dir schieben kannst, wenn sie dir nicht paßt, um dann wieder nach Ihm zu greifen, wenn du meinst, Ihn nötig zu haben. Es könnte sein, daß Du grade dann mit all Deinem Bitten und Flehen vor verschlossene Türen kommst, und — Du dürftest Dich dann nicht darüber wundern. In dieser schweren gewaltigen Zeit wirbt Gott um unsere Seelen, wie nie zuvor. Wer jetzt das rechte Beten nicht lernt, wird es wohl nie lernen. Suchet den Herrn, so lange er zu finden ist,- rufet ihn an, so lange er nahe ist.
Amen.
▶
| Personen: | Eisenberg, Christian |
|---|---|
| Sachbegriffe: | Feldpredigten · Feldgeistliche |
| Empfohlene Zitierweise: | „Christian Eisenberg, Zwölf Feld-Predigten des Feld-Divisionspfarrers. Zweite Reihe, 1916, Abschnitt 367: Predigt 10: zu Jesaias 55, 6“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/125-10> (aufgerufen am 06.05.2026) |



