Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Predigt 1: zu 1. Mose, 12, 2
- ...
- Predigt 4: zu 1. Petri 2, 17
- Predigt 5: zu Jerem. 29, 11-14
- Predigt 6: zu Offenb. Joh. 2, 10
- Predigt 7: zu 2. Cor. 6, 4 ff.
- Predigt 8: zu 1. Johannes 2, 17
- Predigt 9: zu Ev. Joh. 19, 26-27
- Predigt 10: zu Jesaias 55, 6
- Predigt 11: zu Colosser 3,1
- Predigt 12: zu 2. Thimot. 1,7
Abbildungen
↑ Christian Eisenberg, Zwölf Feld-Predigten des Feld-Divisionspfarrers. Zweite Reihe, 1916
Abschnitt 11: Predigt 11: zu Colosser 3,1
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Suchet, was droben ist, da Christus ist, sitzend zu der Rechten Gottes. Colosser Z, 1.
Liebe Kameraden!
Das Himmelfahrt-Fest, das wir heute begehen1, hat für uns Christen eine doppelte Bedeutung. Zunächst gedenken wir dabei jener Stunde auf dem Ölberg bei Jerusalem, da der Herr, wie uns das Neue Testament erzählt, von seinen Jüngern Abschied nahm. Das war der Abschluß des Erdenlebens Jesu Christi.
Am Karfreitag hatte er am Kreuz das Haupt geneigt, ein zum Sterben müder Mann. Und doch klang sein „es ist vollbracht" schon so freudig, so dankbar und triumphierend. Die Seinen konnten damals den vollen Inhalt dieses königlichen Wortes noch nicht fassen. Was war denn vollbracht? Schien nicht das Lebenswerk ihres Meisters in Scherben zu gehen? Dann aber war die Auferstehung gekommen, dadurch der lebendige Gott sich feierlich und öffentlich zum Werk seines Sohnes bekannte. Nach und
nach war den Jüngern das alles deutlich und faßlich geworden.
Tief hatte sich ihnen in den unvergeßlichen Tagen zwischen Ostern und Himmelfahrt die erquickende Tatsache eingeprägt, daß ihr Meister, den sie lieb gewonnen hatten, wahrhaftig der Herr sei, der Sieger über Sünde und Tod, der Lebendige, der ihnen nun durch nichts mehr geraubt werden konnte, mochte er auch ihren leiblichen Augen entrückt werden. Folgerichtig und natürlich mußte ihnen das erscheinen, was sie am Tag der Himmelfahrt bei Bethanien erlebten: daß ihr verklärter Herr, losgelöst von allen Fesseln dieser Erde, auffuhr zu Gott. Wie eine Tron-Besteigung erschien ihnen, was dort geschah; als ob die himmlischen Heer-Schaaren feierlich den einholten, der sein heiliges Werk auf Erden vollbracht [S. 50] hatte und nun zur ewigen Herrlichkeit eingehen durfte, vorher hatten sie den königlichen Auftrag aus seinem Mund entgegen genommen: in alle Welt hinauszugehen und mit der Predigt des Evangeliums ihm ein Reich zu erobern, wir wissen, wie die Apostel diesen Auftrag ausgeführt, wie sie freudig ihr Leben dafür eingesetzt haben, und wie Gott ihre Arbeit gesegnet hat. Ein großer Teil der Menschheit ist für Jesus von Nazaret gewonnen worden, viele, viele haben es gelernt, ihre Kniee in seinem Namen zu beugen. Millionen von Herzen haben es erfahren, daß es sich unter dem Szepter des gekreuzigten, auferstandenen und zur Rechten Gottes erhöhten Heilandes gut leben und selig sterben läßt, und daß die am besten daran sind, die sich unter den Schutz und Segen des Wortes stellen: „Siehe, ich bin bei Euch alle Tage."
Daran gedenken wir am heutigen Tag. Zu Ihm, dem gen Himmel gefahrenen Heiland blicken wir empor als zu dem König der Ehren. In freudigem, dankbarem Glauben huldigen wir Ihm und schämen uns des Evangeliums von Christo nicht. Nicht wahr, Kameraden, hier draußen erscheint uns das leicht und selbstverständlich, dieses Bekenntnis zu Christus und seinem Evangelium. Es würde uns allen viel fehlen, wenn wir das nicht hätten, wenn uns jemand unsere Gottesdienste, die Möglichkeiten zum Gebet und zur Erbauung nehmen wollte. Wir empfinden, daß damit ein starker Halt aus unserem Feld-Leben verschwinden würde. Aber: wird das auch so bleiben, Ihr Männer, wenn wir wieder daheim sein dürfen? Werdet Ihr dann auch dort Mut und Freudigkeit finden, Euch ebenso schlicht und selbstverständlich, wie hier, zu Jesus Christus und seinem Reich zu bekennen? Mancher von Euch hat es ja erst hier draußen gelernt und wird deshalb vielleicht daheim auf Verwunderung stoßen, wenn er nach der Heimkehr in seiner Stellung zur Religion anders sein will, als vor dem Krieg. Aber wahrhaftig: es braucht sich keiner seines Bekenntnisses zu Christo zu schämen. Wohl dem, der zu den Untertanen des Königs aller Könige und des Herrn aller Herrn gehören darf. Tief möge dieses Himmelfahrts-Fest im Feld uns allen das aufs neue in die Seele prägen.
Die Bedeutung dieses Tages liegt zum andern darin, daß unserem christlichen Hoffen und Denken dadurch ein klarer Inhalt und ein festes Ziel gegeben wird. „Suchet, was droben ist". Tief steckt solches Suchen dem Menschen als heißes Bedürfnis im Herzen. So lange es Menschen auf Erden gibt, so lange haben sie sich fragend, hoffend und sehnend ausgestreckt nach den ewigen, unsichtbaren Mächten, von denen sie sich abhängig fühlten. Und wenn sie mit ihrem Fragen und Suchen nicht ans Ziel kamen, dann weihten sie, um ja nichts zu versäumen, wenigstens einen ihrer Altäre dem „unbekannten Gott". Auch unter den Menschen von heute gibts noch viel zielloses Sehnen und Hoffen, Tasten und Fragen nach Gott und seiner unsichtbaren Welt. Aufwärts geht dabei ganz unwillkürlich der Blick. Aber was und wo ist dieses „Droben" ? Wir kennen die Gedanken, die sich unsere Kinder darüber machen, die zu dem blauen Wolken-Himmel über uns aufblicken und sagen: dort oben wohnt der liebe Gott, und die Sterne sind die Fenster an seinem Haus. Auch wir Erwachsenen blicken gern empor zu den ziehenden Wolken und blinkenden Himmels-Lichtern und träumen dabei von „der Heimat der Seele dort droben im Licht". Wo ist dieses Droben? Die Wissenschaft lehrt uns, daß es mit unseren Sinnen nicht zu fassen ist. Aber unser Text zeigt uns den Weg. Droben ist: wo Christus ist. Im Glauben blicken wir in das Angesicht Jesu Christi, so wie die Evangelien sein Bild uns zeichnen, und wir gewinnen darüber die Gewißheit: so wie Er ist, so ist Gott: haben wir Jesum im Herzen, dann haben wir Gott; kommt unsere Seele bei Jesus Christus zur Ruhe, dann liegt Gottes Frieden über uns; gibt Jesus uns seine Vergebung, dann sind wir bei Gott in Gnaden.
Bei Christus ist unserer Seele wahre Heimat. Diese irdische [S. 52] Welt bietet sie uns nicht. In ihr bleiben wir Gäste und Fremdlinge, von denen der eine heute abgerufen wird, der andere morgen. Darum sollen wir unser Herz nicht an diese Welt hängen, weder in guten, noch in bösen Tagen. Der Weg durch sie hindurch ist oft schwer genug. Wir, die Jünger, dürfen uns nicht darüber wundern, nachdem es bei Ihm, dem Meister, nicht anders war. wie mühsam und dornenvoll war der Lebensweg Jesu Christi. Aber es war ein weg durch Kampf zum Sieg, durch Dunkelheit zum Licht. Zu Ihm blicken wir darum aus all den Mühen und Nöten unseres Lebens getrost und voll Zuversicht empor. Er soll in all dem Kampf und heißen Streit unser Herr und Meister bleiben, von ihm wollen wir uns führen und leiten lassen. Er soll uns das Ziel, für das wir uns in dem ungeheuren Kingen hier draußen mit Gut und Blut einsetzen, hell und rein erhalten. Dann wird auch für uns der Weg durch Kampf zum Sieg führen.
„Droben" ist, wo Christus ist. Er, der Auferstandene und zur Rechten Gottes Erhöhte, hat uns das Vaterhaus mit den vielen Wohnungen sicher gestellt, wo ein jeder der Seinen ein Plätzchen soll finden dürfen. Dorthin gehen unsere Gedanken in der Trauer um alle die gefallenen Kameraden. Wo sind sie geblieben, die einst mit uns auszogen, und aus deren Reihen wir nun so viele vermissen? Ihre Leiber ruhen hier in fremder Erde, in die wir sie betten mußten. Ihre Seelen aber, so hoffen wir von des Herrn Gnade, sind droben, wo Christus ist. Dort allein kann das Denken, Sehnen und Grämen all der vielen Traurigen daheim zur Ruhe kommen. Dort können und sollen all die Heimwehgedanken, die zwischen uns und unseren Angehörigen hin und her gehen, sich in stille, starke Fürbitten wandeln und dadurch ihren Stachel verlieren.
Was droben ist—, Kameraden, laßt uns nicht müde werden, darum zu ringen, danach zu suchen. Es gibt nichts anderes, das unseren Füßen soviel Kraft, unseren Seelen so viel Freude geben könnte, als das. Amen.
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- Am 1. Juni 1916. ↑
| Personen: | Eisenberg, Christian |
|---|---|
| Sachbegriffe: | Feldpredigten · Feldgeistliche |
| Empfohlene Zitierweise: | „Christian Eisenberg, Zwölf Feld-Predigten des Feld-Divisionspfarrers. Zweite Reihe, 1916, Abschnitt 11: Predigt 11: zu Colosser 3,1“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/125-11> (aufgerufen am 06.05.2026) |



