Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 35: Besuche in verschiedenen Orten in Nordhessen

[55-57] Beschwerlich war der Weg nach Wolfshagen. Ein Hundswetter! Regen und Sturm. Zum Mittagessen brauchte ich weder Stuhl noch Tisch. Im Straßengraben verzehrte ich für acht Pfennig Brot und fünfundzwanzig Pfennig Wurst. Ein Apfelbaum schüttelte mir freigebig [S. 56] zwei saftige Apfel zu Füßen. In Wolfshagen gefiel es mir außerordentlich. Eine schöne gotische Kirche aus dem 15. Jahrhundert, ein altertümliches Rathaus. Der Bürgermeister war die Freundlichkeit selber, energisch und herzensgut kam mir die Oberin des Diakonissinnenheims vor, beim protestantischen Herrn Pfarrer mußte ich Kaffee trinken, der Herr Landrat, ein ehrwürdiger Greis, empfing mich wie einen alten Freund. — Wolfshagen ist mir ans Herz gewachsen. Schade, daß gerade hier meist niedriges Gesindel aus Metz unserm Namen keine Ehre machte.

In Volkmarsen blieb ich bis spät abends. Trotz des Regens machte ich hier Hausbesuche. Ein braver Mann aus der Zeughausstraße lag krank im Bett. Er wollte seinen alten Kaplan gar nicht wiedererkennen, und doch war dieser derselbe geblieben, obgleich sich die Hosen etwas verlängert und der Rock stark verkürzt hatte.

Um zehn Uhr begleitete mich der Herr Pfarrer zum Bahnhof. Nachtquartier in Warburg (Westfalen), Abreise am Morgen um sieben Uhr nach Liebenau, wo mich die Metzer mit Jubel empfingen.

Ein steiler Weg führte mich durch einen langen Wald nach Hofgeismar. Unterwegs als Mittagessen, Wurst und Brot. Mein Ziel war Schöneberg. Da ich alle dort untergebrachten Metzer zufällig auf der Straße traf, wanderte ich sofort nach Hümme. Von diesem Dorf blieb keine gute Erinnerung in meinem Herzen. Nicht als ob die Einheimischen unfreundlich gewesen wären — nein — aber es regnete und regnete, man hätte keinen Hund vor die Tür gejagt. Der Metzer Kaplan aber mußte in den schmutzigen Straßen von Haus zu Haus, durchnäßt bis auf die Haut.

Per Bahn ging's nach Grabenstein, dann zu Fuß, in Begleitung vieler Landsleute, bei wolkenbruchartigem Regen nach Immenhausen. In einem Wirtslokal trockneten hier meine Kleider zum drittenmal für diesen Tag. Ich durfte auch einen Teil der Heizkosten tragen, da ein Glas Wein sechzig Pfennig kostete. Da einige kein Deutsch verstanden, plauderten wir im Flüsterton französisch miteinander. Darob machten einige Gäste grobe Bemerkungen, obwohl sie beim Kartenspiel „grand, zéros, coeur, trèfle" u. s. w. riefen. Vier Tage reiste ich in den Dörfern und Städten Gudensberg, Fritzlar, Wabern, Jesberg, Zimmersrode, Bebra, [S. 57] Rothenburg, Melsungen, Sontra, Ballerode und Witzenhausen umher, in denen viele Metzer untergebracht waren.


Empfohlene Zitierweise: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 35: Besuche in verschiedenen Orten in Nordhessen“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-35> (aufgerufen am 10.05.2026)