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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 36: Besuch in Hannover und Rückreise der Metzer

[57-58] Samstag, den 3. Oktober kam Herr Stadtrat Konrath nach Cassel. Baldige Rückreise nach Metz wurde in Aussicht gestellt. Mit Herrn Staatsanwalt Kremer reisten wir beide nach Hannover, wo einige Hundert Metzer in Ziegeleien wohnten. Der Gegenstand meiner größten Sorge war in dieser Stadt — meine Nase. Die ganze Nacht schien ein Wurm an meinem Gesichtsvorsprung zu nagen. Am Morgen war er geschwollen und angerötet. „Was haben Sie für eine Nase!" bedauerte Herr Konrath. „Donnerwetter, was haben Sie mit Ihrer Nase angefangen?" fragte Herr Kremer. Auch der Herr Polizeipräsident, der in liebenswürdigster Weise uns im Auto nach Lotzen begleitete, hatte das innigste Mitleid mit meiner armen Nase. Sonntag wurden wir telegraphisch verständigt, daß die Rückreise nach Metz gestattet sei. Welch ein Jubel!! Trotz meiner schwerkranken Nase fuhr ich sofort per Straßenbahn nach Lotzen, wo die freudige Nachricht mit übersprudelnder Begeisterung aufgenommen wurde. „Herr Kaplan, ich könnte Sie küssen!" rief eine Frau. Da sie schon halb zum alten Testament gehörte, lachte ich nur über den voreiligen Ausruf.

Montag gedachte ich nach Bremen zu reisen, wo auch Metzer in Korrektionshäusern einquartiert waren. Der Herr Polizeipräsident gab mir folgendes Schreiben mit:

Der Polizeipräsident zu Hannover. Hannover, den 4. Oktob. 1914
Vorzeiger dieses, Herr Kaplan Goldschmitt aus Metz, beabsichtigt im Auftrage der städtischen Verwaltung von Metz den Rücktransport der aus Metz ausgewiesenen deutschen Staatsangehörigen in die Wege zu leiten und zu diesem Zweck die Anstalten zu besuchen, in denen Metzer untergebracht sind.
Die Anstaltsvorstände werden ergebenst ersucht, Herrn Kaplan Goldschmitt bei seinen Bestrebungen zu unterstützen.
gez. v. Beckerath.

Meine Nase hatte aber eine Form und Farbe angenommen, die mir die weite Reise nach Bremen untersagten. Da sich noch Fieber einstellte, fuhr ich sofort nach Cassel zurück. Herr Dr. Brandenburg nahm meine Nase aufs Korn. Zwei Geschwüre hatten sich ins Innere eingenistet. Ein fester Schnitt mit dem Messer rührte mich [S. 58] zu Tränen; dazu drückte der mitleidlose Arzt meine sterbenskranke Nase wie man eine Zitrone über ein Fischgericht ausdrückt. Zu der schmerzvollen Schinderei kam der energische Befehl: Im Bett bleiben, keine Brillen tragen, Nasenbäder mit Kamillentee nehmen! Dies wollte ich in Metz gewissenhaft besorgen, in Cassel mangelte mir die Zeit. Sofort wurden die Metzer Kranken in den Spitälern besucht. Mehr als zwanzigmal hörte ich den Ausruf größter Verwunderung: „Was haben Sie eine böse Nase?" Schließlich zog sich doch meine Stirne sorgenvoll in Falten, als sich auch aller Blicke meiner Mitreisenden in der Straßenbahn auf meine rote Nase lenkten. Statt am Abend Nasenbäder zu nehmen, hielt ich einen Vortrag in dem Verein kath. kaufmännischer Gehilfinnen, wo ich für meine unglückliche Nase nur Worte bittern Hohnes hatte.

Die Nase rächte sich nicht. In kurzer Zeit hatte sie sich derart erholt, daß ich wieder nach Hannover abreisen konnte, um den Rücktransport meiner dortigen Landsleute zu organisieren. Es war keine leichte Arbeit. Da mußte mit der Stadtverwaltung, der Polizei, der Bahnhofskommandantur u. s. w. verhandelt werden.

Endlich schlug die frohe Stunde der Abfahrt von Hannover nach Cassel, von wo aus ein Extrazug uns nach Metz brachte. Obwohl nicht alle Metzer das beste Andenken hinterlassen hatten, sah man erfreulicherweise viele Casselaner, die ihre Gäste zum Bahnhof begleiteten. Vereinzelt fielen sogar Abschiedstränen, ob aus Trauer oder Freude, konnte ich im Drang der vielen Beschäftigungen nicht feststellen.

Die Verpflegung war unterwegs tadellos. Welche Freude, als Metz in Sicht kam! Beim Anblick der St. Segolenakirche jubelte mein Herz auf.

[Es folgt ein Gedicht von Josefine Moos.]


Empfohlene Zitierweise: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 36: Besuch in Hannover und Rückreise der Metzer“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-36> (aufgerufen am 08.05.2026)