Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 33: Abschluss des Besuchs im Kreis St. Goarshausen

[53-54] Beim Herrn Landrat trug die Unterhaltung anfänglich einen gereizten Ton. Die Empfehlung des Herrn Oberregierungspräsidenten sowie meine sachliche und energische Verteidigung meinerseits glätteten die Sturmeswellen. Die Versammlung durfte abgehalten werden, ja der Herr Bürgermeister war so freundlich, trotz des strömenden Regens, persönlich einen geeigneten Saal ausfindig zu machen.

Sonntag, den 20. September, Beichte, Hochamt, Predigt, nachmittags unsere Versammlung, die großartig verlief. Das schlechte Wetter hielt die Metzer nicht ab. Der große Saal war gedrängt besetzt. Die anwesenden Polizisten bekamen keine Arbeit, wohl aber die Stenographen, die schließlich den Stift beiseite legten, als es jedermann einleuchtete, daß der Redner kein Vaterlandsverräter sei.

Montags bat mich eine Metzerin, doch erst gegen abend abzureisen, da eine Landsmännin ein Kind erwarte, das ich persönlich taufen möchte. Um elf Uhr kam der neue Weltbürger an, um Mittag wurde er getauft — Franz Reinhart ist sein Name. Um ein Uhr brachte mich das Bähnle nach Nastätten. Dort stand wieder der gemütliche lange Schaffner. Er lächelte; ich auch. „Morgen früh"!!

Der Herr Pfarrer begleitete mich nach Holzhausen. Er besuchte noch andere Dörfer. Um acht Uhr sollte ich in Nastätten im katholischen Frauenverein einen Vortrag halten. Gegen halb acht kam ich von der Reise zurück. Das Rathaus war von Menschen umlagert. Da wird wohl eine Siegesnachricht eingelaufen sein! „He, Junge, was ist denn los?" — „Ei, der Herr Bürgermeister hat ausschellen lassen, daß ein Herr von Metz gekommen sei, [S. 54] um eine Rede über den Krieg zu halten". — Donnerwetter, der Redner bin schließlich ich selber. Diese Suppe hat mir gewiß die Schwester des Herrn Pfarrers eingebrockt. So war's. Was sollte ich nur sagen? Vom Krieg wußte ich schier gar nichts.

War der Rathaussaal besetzt? Das Stadtoberhaupt und die Herren Lehrer saßen am Vorstandstisch. Vor mir sah ich viele Diakone und Diakonissinnen und viele, viele Menschen, 90 % nicht meiner Konfession, — und da sollte ich jetzt eine Rede vor der gespannt lauschenden Menge halten, und ich wußte noch nicht über welches Thema! über Lothringen sprach ich, über Land und Leute meiner Heimat. Dann kam die Mobilmachung zur Sprache. Selbsterlebtes aus der großen Grenzfestung steigerte das Interesse. Einzelheiten meiner großen Missionsreise von den italienischen „Minenlegern" bis zum langen Nastätter Schaffner mit seinem gemütlichen „morgen früh" hielt die Zuhörer volle zwei Stunden gefesselt. Einige Patriotische Lieder und eine Kollekte zugunsten des roten Kreuzes schlossen die Versammlung. Erst um ein Uhr lag der müde Kaplan im Bett.

Dienstag, den 22. September ging's per Wagen nach Nassau, von hier per Bahn nach Limburg, dann über Gießen, Marburg wieder zurück nach Cassel, wo ich spät nach Mitternacht anlangte.


Empfohlene Zitierweise: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 33: Abschluss des Besuchs im Kreis St. Goarshausen“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-33> (aufgerufen am 08.05.2026)