Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
Bitte beachten Sie: LAGIS hat eine neue Adresse: lagis.hessen.de. Für eine Übergangszeit stehen Ihnen ausgewählte Module über die bekannte Oberfläche zur Verfügung. Alle anderen sind über die neue Version des Informationssystems zugänglich. Bestehende Permalinks behalten ihre Gültigkeit und leiten bereits jetzt oder nach Abschluss aller Migrationsarbeiten automatisch auf das neue System um.

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 28: Abstecher nach Wiesbaden

[44-46] Etwa 6.000 Metzern hatte ich nun die Hand gedrückt. Wo waren die andern 6000? Auf telegraphische Anfrage stand fest, daß im Kreis Langenschwalbach keine Flüchtlinge seien, wohl aber rund 2000 im Kreis St. Goarshausen. Der Herr Landrat von Diez schickte mich zum Regierungspräsidenten von Wiesbaden.

Kurz nach Mittag kam ich dort an. „Den jungen Pfaff sollte man in den ersten Schützengraben schicken", raunte mich ein dicker Stadtphilister an. Nach dieser freundlichen Begrüßung, die ebenso freundlich beantwortet wurde, fand ich nach langem Umherlaufen das Regierungspräsidium.

Der Türhüter schickte mich auf Zimmer Nr. X. Guten Tag! Mein Name ist ... Ich besuche die Metzer Abwanderer. Könnten Sie mir vielleicht mitteilen, wo außer den Kreisen Cassel, Friedberg, Limburg, Diez diese Leute einquartiert wurden?" Kopfschütteln. „Bitte, gehen Sie auf Nr. Y". Es klopfte an der Tür der Nr. Y. „Guten Tag! Mein Name... Ich besuche..." [S. 45] Kopfschütteln. „Bedaure sehr. Gehört nicht zu meinem Ressort. Bitte fragen Sie doch auf Nr. X!" „Ich komme soeben von Nr. X". — „Ach so! Bitte fragen Sie mal auf Nr. 2!" Tiefe Verbeugung, Dank und üblicher Gruß. Es klopfte an die Tür der Nr. 2. Kaum waren die gewohnten Worte aus dem Gehege meiner Zähne entronnen, schickte man mich wieder zu einem ändern Herrn und von hier abermals zu einem fünften, wo ich endlich erfuhr, daß man hier überhaupt nichts wisse. Nur der Herr Landrat von Kreuznach könne Auskunft geben.

Nachdem die nötige Wurst für eine achttägige Reise eingekauft war, schlenderte ich etwas verärgert zum Bahnhof. St. Goarshausen war mein Ziel. Erst in sieben Stunden günstige Fahrtgelegenheit. Was nun anfangen ? Der plätschernde Regen draußen verschlimmerte nur die Langweile. Da fiel mir plötzlich ein, daß eine in Klingelbach wohnende Metzerin auf der Reise von Metz nach Hessen ihr vier Wochen altes Kind verloren hatte. Das Kind wäre unterwegs krank geworden. In dem „Dorf" Wiesbaden habe ein Arzt die kleine Anna aus dem Zug genommen. Könnte ich nicht jetzt in dem „Dörfchen" Wiesbaden unter den 200.000 Einwohnern meine kleine Landsmännin herausfinden?

Zwanzig Minuten drauf klingelte es am städtischen Krankenhaus. „Wurde vielleicht hier am 20. August ein Metzer Kind namens Anna Weiß untergebracht?" Ein dickes Buch klappte auf. „Nä! Aber eine Frau Weber aus Metz liegt hier in Wochen". Eine Schwester führte mich zu der Kranken. Welche Überraschung! Sie war ein bekanntes Pfarrkind aus der Zeughausstraße. Eine Viertelstunde später läutete der Metzer Kaplan an einem katholischen Kinderheim. Auch hier fand sich keine Spur von der kleinen Anna. Nun wurden sämtliche Telephonnummern aller Wiesbadener Anstalten, die nur in Betracht kommen konnten, aus dem Adreßbuch geschrieben, und als zum sechsten Mal das Telephon die Frage weitertrug : „Ist bei Ihnen vielleicht eine Metzerin Anna Weiß, vier Wochen alt, untergebracht", kam die erfreuliche Nachricht: „Ja, hier ist das Kind!"

Mein Abstecher nach Wiesbaden hatte zwei Mütter beglückt.

Spät in der Nacht, nach langem, langweiligem Warten dampfte endlich der Zug den Rhein entlang. Halb eins saß ich in einem Hotel bei verspäteten Gästen. [S. 46] Statt meine ermüdeten Glieder zu Bett zu führen, plauderte ich mit den Herren über den Krieg und schließlich über Elsaß-Lothringen. Immer und immer die nämlichen Vorurteile. Obwohl unsere Ansichten sich nicht deckten, gingen wir freundlich auseinander; ja einer der Herren nahm mich sogar als Gast mit in sein Schlößchen.


Empfohlene Zitierweise: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 28: Abstecher nach Wiesbaden“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-28> (aufgerufen am 08.05.2026)