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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 27: Besuch der Metzer im Kreis Diez an der Lahn

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Im Kreis Diez an der Lahn.

Der überaus freundliche Herr Landrat übergab mir die Liste der Dörfer, in denen die Metzer Quartier gefunden hatten. Nachdem die Geographie des Kreises gründlich einstudiert war, begann unverzüglich die Wanderreise. Ein Auto brachte mich von Diez nach Holzheim. Vor dem Bürgermeisteramt fand die übliche Ansprache statt. Leider gab es im ganzen Umkreis nur drei katho-lische Kirchen. Da fiel mir ein Gedanke ein. Könnte man nicht für den morgigen Sonntag einen gemeinschaftlichen Gottesdienst für alle Metzer der ganzen Umgegend abhalten? So eine Art Wallfahrt nach Zollhaus, wo die katholische Kirche als Gotteshaus dienen würde. Am Morgen, Hl. Messe mit Generalkommunion, nachher eine große Versammlung? Gedacht, getan! Einige Rad-fahrer sausten nach Netzbach und Lohrheim, und der Kaplan selbst reiste nach Flacht, Oberneisen, Hahnstätten und Zollhaus. Der Besuch war überall sehr kurz. Die Metzer sollten am folgenden Tag mit dem Neunuhrzug [S. 43] nach Zollhaus kommen. Sämtliche Reisekosten würden erstattet werden.

Nahe bei der Kapelle fand ich ein gutes Kosthaus und vortreffliches Logis. Sorgenvoll schauten meine Augen am Sonntag morgen zum grauen Himmel. Es regnete, regnete, hie und da schuttweise. Sollten meine Leute vor diesem grausigen Wetter nicht zurückschrecken? Eine Zentnerlast fiel mir vom Herzen. Der Zug, der einlief, war überfüllt. Nur wenige fehlten. Sogar ein Blinder und einige Krüppel hatten sich herbeigeschleppt. Ach, war die Kapelle klein für uns! Das reinste Schneckenhaus. Ein Zimmerchen, Raum für zwanzig Sitz- und zehn Stehplätze. Welch eine Armut! Es folgten zwei Hl. Messen mit Predigten, deutsch und französisch. Kein Auge blieb trocken. Im Geiste lebten wir alle ein halbes Stündlein in unserm lieben Metz. Nach der Hl. Messe diente am Bahnhof der Wartesaal dritter Klasse als Versammlungslokal. Nach eineinhalbstündigem Plaudern dampfte der Zug mit den Metzern ab. Dreimal ließ man mich donnernd hochleben. Abschiedszeichen und dankbare Zurufe, bis der letzte Wagen dem Auge entschwunden war.

Um ein Uhr nachmittags brachte mich ein Wagen von Zollhaus nach Mudershausen. Es regnete so stark, daß der Kutscher nur unter inständigen Bitten zu bewegen war, weiterzufahren. Mich fror es förmlich vor Kälte in dem offenen Wagen. Nur die Zehen freuten sich des Lebens, da die anderthalb Zentner meines Körpers sie nicht mehr so unbarmherzig fest zu Boden drückten. An diesem Sonntag Nachmittag kamen wir nach Berghausen, Dorsdorf, Eisighofen, Reckeroth, dann längst des Aartals am Michelbach und Hausen vorbei nach Schießheim. Wenig Klagen, weder von den Quartiergebern, noch von den Quartiernehmern kamen mir zu Ohren. Es war ein arbeitsreicher Sonntag. Trotzdem freute ich mich kindlich, als der Kutscher gegen zehn Uhr vor der Wirtschaft in Zollhaus anlangte. So viele Leute sind beglückt worden. „Wenns morgen regnet", sagte mir der Kutscher, „stelle ich Ihnen den Wagen wieder zur Verfügung. Regnet es nicht, dann muß ich im Felde arbeiten". Im Stillen wünschte ich einen sanften Regen. Hätte ich bei diesem Hundswetter den weiten Weg zu Fuß machen müssen, so wäre ich vier bis fünf Tage lang im Kreis Diez herumgelaufen.

Gottlob! Am Montag, den 14. September hatte der Himmel Trauerkleider angelegt und er weinte und [S. 44] weinte so bitterlich, daß die Tränen in Strömen auf meinen Schirm, den Hosenbeinen entlang in den Wagen flossen. Der Kutscher verließ den Bock und setzte sich neben mich. In lebendigem Geplauder verstrich die Zeit rasch. Der junge Mann hatte sicher schon viel in seinem Leben zusammengelesen. Er sprach gelehrt wie ein Professor. Ebertshausen, Klingelbach, Schönborn, Allen- dorf, Ergeshausen, Katzenellenbogen, Burgschwalbach und Kaltenholzhausen wurden in vierzehn Stunden durchreist. Und immer und immer regnete es. Besonders gelungen war die Versammlung in Katzenellenbogen. In einem geräumigen Tanzlokal hatten sich etwa 220 Metzer und 50 Einheimische niedergelassen. Eineinhalb Stunden plauderten wir so traulich wie Altbekannte miteinander. Herzlich wurde gelacht, aber auch Tränen traten uns in die Augen, besonders beim Abschied. „Das waren schöne Stunden", sagte mir ein anwesender Beamte aus Katzenellenbogen. „Ich bin nicht Ihrer Konfession. Heute habe ich meine Ansicht über den lothringischen Klerus geändert".

Dienstags, den 15. September, saß ich morgens um sechs Uhr im Zug. Um halb sieben, die Hl. Messe in Diez. Der Meßdiener, ein Greis von sechzig Jahren, verrichtete die Meßgebete in französischer Aussprache. Zu meinem größten Erstaunen erzählte er mir, daß er seine Jugend vor 1870 in Metz verbracht hatte.


Empfohlene Zitierweise: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 27: Besuch der Metzer im Kreis Diez an der Lahn“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-27> (aufgerufen am 08.05.2026)