Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 25: Über Schwickershausen und Camberg nach Werschau

[40-41] Abends spät kam ich nach Schwickershausen. Wie freute sich hier mein gutes, dickes Pfarrkind X, mehr noch über meine lange Hose, Frack und Zylinder als über den Besuch. „Wie der Euch gut steht! Man kennt Euch nimmer!" Und sie lachte so herzlich und laut, daß sich der umfangreiche Bauch schüttelte.

Ihr Mann begleitete mich den Berg hinunter nach Erbach. Es war stockfinster geworden. Gleich bei den ersten Häusern drangen französische Laute an mein Ohr. Junge Mädchen aus Monteningen plauderten vor der Tür. Schnell verteilten sie sich in die verschiedenen Straßen und riefen die Metzer zum Pfarrhaus. Hier eine Massenversammlung auf offenem Platz. Wohl an die hundert Personen standen um mich herum. Nach neun Uhr kam der Pfarrer von einer Reise zurück. Ein jäher Schreck durchfuhr seine Glieder, als er von weitem meine helltönende Tenorstimme vernahm und vor seinem Haus die dichte Volksmenge erblickte. Wir plauderten noch einige Minuten miteinander, und dann führten mich meine Landsleute, meist fröhliche Backfische zurück nach Camberg. Nicht allein brauchten sie den Rückweg anzutreten. Die Glut einiger brennender Zigarren verriet die hessischen Verehrer, die uns heimlich folgten, aber dreister wurden, als der Herr Kaplan Abschied genommen hatte. Gerade konnte ich feststellen, wie sich um den Arm meiner Begleiterinnen ein anderer Arm schlang; fröhliches Lachen drang noch aus der Ferne an mein Ohr.

Der Herr Pfarrer erwartete mich. Bei einem Glas Wein plauderten wir bis Mitternacht. Ein interessanter Herr! Welch ein Unterschied zwischen der Pastoration in der Metzer Grenzstadt, wo die Leute — nicht immer die besten — aus der ganzen Welt zusammenströmen und dort an der Lahn bei diesen [S. 41] tieffrommen Landbewohnern! Der Herr Pfarrer erzählte mir rührende Beispiele tiefster Frömmigkeit. Besonders die Männerwelt zeigt offen ihren Glaubenseifer. Mit den einfachsten, gewöhnlichen Mitteln — Riesenerfolge. Und wir? Trotz Predigt, Katechese, Vereinstätigkeit, Turnen, Spielen, Spaziergängen, Lichtbildern, Kinema, Unterrichtskursen, staatlicher resp. Privatfürsorge … Endresultat: Null und wieder Null. Die Unterhaltung war lebhaft. Doch weiß ich nicht recht, ob mir die verwundeten Zehen und schmerzenden Schnakenstiche oder die feurige Beredsamkeit meines Gastgebers die müden Augen noch offen hielten. Es war doch ein harter Tag — seit dem interessanten Gespräch mit dem Hosenträgerverkäufer bis jetzt zu den theologischen Erörterungen praktischer Pastoralfragen.

Am 11. September im Eilmarsch zum Bahnhof. Um zehn Uhr die erste Ansprache an die in Oberbrechen untergebrachten Metzer. Dann schlenderte ich auf einem Feldweg nach Werschau. War das schon, heiß! Und die armen Zehen! Bei jedem Stein des Anstoßes zuckten sie erschreckt zusammen. Drei Metzer Familien wohnten hier, die gerade am Mörsbach die Wäsche besorgten. Ein zehnjähriges Mädchen aus Monteningen gab mir ein paar Patschhändchen, obwohl ich nicht „ihr" Kaplan war.


Empfohlene Zitierweise: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 25: Über Schwickershausen und Camberg nach Werschau“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-25> (aufgerufen am 08.05.2026)