Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Die Situation in Metz zu Beginn des Krieges 1914
- ...
- Besuch in Faulbach, Ahlbach und Oberweyer
- Über Ober- und Niederzeuzheim nach Frickhofen
- Besuch der Metzer in Frickhofen und Mensfelden
- Von Kirberg über Niederselters nach Camberg
- Über Schwickershausen und Camberg nach Werschau
- Besuch in Eschhofen, Dehrn und Dietkirchen
- Besuch der Metzer im Kreis Diez an der Lahn
- ...
- Sorge um zurückgebliebene Metzer
↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915
Abschnitt 24: Von Kirberg über Niederselters nach Camberg
◀ [38-40] Donnerstag, den 10. September, schon um sieben Uhr auf der Straße nach Kirberg. Unterwegs grüßte mich ein guter alter Papa, Hausierer seines Berufes. Wir plauderten wie traute Freunde miteinander, schimpften weidlich auf die Engländer, Russen und Franzosen, klagten über das heiße Wetter und sehnten bessere Zeiten herbei. „ Sie sind ein leutseliger Herr", meinte er schließlich. „Ich kenne fast alle Pfarrer der Gegend, habe Sie aber meines Wissens noch nicht gesehen". — „Ich bin Kaplan in Metz". — „In Metz? Da muß ich stehen bleiben. In Metz? Ich will nicht vorwitzig sein, aber was kommen Sie denn hierhermachen?" Als der Alte meinen Reisezweck und meine Reisestrapazen erfuhr, konnte er [S. 39] nicht müde werden, Lobeshymnen auf mich zu singen. „Sie müssen Bischof werden!" beteuerte er zum Schluß. Sein Glück ward grenzenlos, als der zukünftige Bischof ihm ein paar Hosenträger abkaufte und hoch über den Preis bezahlte.
Gegen zehn Uhr wanderten der Herr Bürgermeister von Kirberg und ich zur Begrüßung meiner Landsleute von Haus zu Haus. Auch der protestantische Pfarrer hatte deren aufgenommen. In dem Spital fanden einige Kranke die sorgfältigste Pflege. In Kirberg hat es mir ausgezeichnet gefallen. Freundliche Häuser, freundliche Leute — wenn doch auch nur alle Metzer dort so freundlich gewesen wären! Einige haben es an dem nötigen Takt fehlen lassen. Besonders ein Weibsbild, das übrigens schon seit Jahren mit der Polizei und der Geistlichkeit in andauerndem Kriegszustand lebte, mußte hier unsanft ins Gebet genommen werden. Ob's Wirkung gezeitigt hat? Kaum! Schon einige Monate nach der Rückkehr fiel es, obwohl verheiratet, der Sittenpolizei in die Hände, wanderte ins Seuchenspital, dann ins Gefängnis, schließlich folgte Stadtverweis, und heute sitzt es, unweit Cassel, in dem sicheren Gewahrsam eines Arbeitshauses. Mutter und Tochter erinnerten sich dort des Metzer Kaplans, Fleh- und Jammerbriefe liefen ein.
„Das eben ist der Fluch der bösen Tat,
Daß sie fortzeugend immer Böses muß gebären".
(Schiller.)
Leider haben solche Elemente uns in ganz Hessen einen bösen Namen gemacht. Auch in dieser Hinsicht war meine Mission nicht immer sehr angenehm.
Gegen zwölf Uhr — unbarmherzig brannte die Sonne mir ins braune Antlitz — Mittagessen in einer Dorfkneipe von Dauborn. Wurst und immer wieder Wurst. Durch Eufringen ging's weiter nach Niederselters, bekannt durch das Selterswasser. Wir hielten unsere Rendez-vous im Hofe des Bürgermeisters ab. Leider vergaß ich hier, den Herrn Pfarrer zu besuchen. Gegen drei Uhr begann es zu regnen. Welch Glück! Fast alle Metzer begleiteten mich zum Bahnhof. Nach kurzer Fahrt stieg ich in Camberg aus. Hier waren viele Metzer untergebracht. Sie wurden in ein größeres Wirtslokal zusammengetrommelt. Mein Besuch hob den etwas heruntergekommenen Mut sichtlich. Es kam nämlich wegen des Gebrauchs der französischen Sprache zu einigen [S. 40] unangenehmen Zwischenfällen. Die meisten Metzer hatten‘s aber sehr gut. Nach einem flüchtigen Besuch beim Pfarrer und Bürgermeister wanderte ich in Begleitung einiger Landsleute durch einen langen Wald nach Dombach.
Die Metzer, gering an Zahl, fanden sich beim Pfarrhaus ein. Ein unglückliches Dienstmädchen, das seinem Leichtsinn ein kleines Büblein verdankte, weinte zum Steinerweichen. Sie lebte in der Tat in einer verzweifelten Lage. Beim Herrn Landrat legte ich Fürsprache für sie ein, damit sie unverzüglich in ihre Bitscher Heimat zurückkehren könne. ▶
| Empfohlene Zitierweise: | „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 24: Von Kirberg über Niederselters nach Camberg“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-24> (aufgerufen am 08.05.2026) |
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