Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 18: Besuch in den Orten des Kreises Friedberg

[28-30] In zwölf Ortschaften des Kreises waren die Tausend Metzer untergebracht. Zum Glück fand ich einen Wagen. Der freundliche Herr Kaplan bot sich mir als Begleiter an. Bri heißem, aber schönem Wetter fuhren wir in der Frühe des 4. September von Friedberg ab und kamen zuerst nach Bruchenbrücken. Der Herr Bürgermeister führte mich zu meinen Landsleuten, die ich alle einzeln [S. 29] besuchte. Diese Hausbesuche waren interessant, doch zeitraubend und sehr ermüdend. Wir telephonierten jetzt den Bürgermeistern der andern Dörfer, die Metzer zu einer bestimmten Stunde irgendwo zu versammeln. In Nieder-Wöllstadt lauschten etwa achtzig Personen meinen Worten. In Okarben standen die Metzer in einem Hof. Alle schauten gespannt nach dem Wagen. „Wir dürfen heim, wir dürfen heim", jubelten die Kinder. „Wer sollte von Metz hierherkommen?" fragten sich die Erwachsenen. Verwundert schauten alle die beiden Geistlichen an. „Ei, das ist ja unser Kaplan!" rief da ein Junge. „Ja, es ist unser Kaplan, aber er hat keinen Rock an". Nun erkannten mich viele. Wie froh waren die siebzig Leute! Punkt Mittag kamen wir in Groß-Karben an, wo man uns ein paar Eier als Mittagessen auftischte. Unterdessen versammelten sich etwa fünfzig Metzer in der Wirtsstube. Es folgte die gewöhnliche Ansprache. Wünsche und Beschwerden wurden vorgetragen, notiert und später den Bürgermeistern oder Landräten übermittelt. In Vilbel, ganz in der Nähe von Frankfurt, fanden sich rund hundert Metzer im Hof des katholischen Pfarrhauses ein. Da es meist französisch sprechende Landsleute waren, hielt ich meine Rede in ihrer Muttersprache, was mich nachher in eine unliebsame Diskussion verwickelte. — In Dortelweil jubelten mir besonders viele Pfarrkinder von St. Segolena zu. Bittere Tränen weinte hier ein gutes Mütterchen. Sie hatte so Heimweh nach den Metzer Kirchen und war noch obendrein um ihren Rosenkranz gekommen. Sie erhielt meinen Rosenkranz, den ich erst vierzehn Tage später ersetzen konnte. — So gerne wäre ich auch nach Rodheim gepilgert. Es schlug aber bereits neun Uhr, als wir wieder in Groß- Karben anlangten, von wo wir auf den Rückweg Bürg-Gräferode besuchten. Hier wohnten zwei Familien mit vierzehn Köpfen. Alle saßen um einen Tisch vor einem Berg wohlriechenden Pfannenkuchens. Es war eine Freude zuzuschauen, wie der Berg rasend schnell abgetragen wurde. Nur eine Person klagte hier, da sie nicht französisch mit den Einheimischen zu sprechen vermochte. Nun, da konnte ich mit dem besten Willen der Welt nicht helfen.

Wir hatten das unsrige an diesem Tage getan. Ich war todmüde.

Am andern Morgen brachte mich die Bahn nach Bad Nauheim. Ein Polizeibeamter gab mir die Adresse [S. 30] von siebenundsechszig Landsleuten, die in vier Stunden von Haus zu Haus besucht wurden. Niemand klagte. Dank gebührt vor allem den lieben Schwestern des Spitals, die sich mit hingebender Sorge unserer Kranken annahmen. Besonders leid tat mir ein siebzehnjähriges, schwerkrankes Mädchen, das bereits Vater und Mutter verloren hatte. Bis ein Uhr mittags zog der hungrige Kaplan in Nauheim umher. Nur noch eine Frau war zu besuchen. Obgleich ihr Mann sich nie gut mit Geistlichen befreunden konnte, schreckte ich vor einem weiten Umweg nicht zurück, um der Frau vielleicht eine Freude zu bereiten. Zufällig traf ich den Mann in Uniform an. „Ich verbiete mir jeden geistigen Zuspruch!", schnauzte er mich barsch an. „Ich komme als Bürger von Metz zu Ihnen, bringe Grüße vom Herrn Bürgermeister, erkundige mich..." „Meine Frau ist krank. Der Bürgermeister von Metz soll einen Arzt, keinen Pfarrer schicken!" Er zeigte mir die Tür. Einige Tage später fand ich in St. Goarshausen eine Verwandte dieses Herrn, die überglücklich war, dessen Adresse erfahren zu können. — Nach einem kurzen Besuch beim Herrn Pfarrer dampfte ich schon um drei Uhr nach Butzbach ab. Auf dem Rathaus gab man mir die Adressen. In Begleitung zweier Schuljungen besuchte ich die einzelnen Familien in den Häusern, zwei Stunden lang. Schon in Nauheim schmerzten mich die Füße entsetzlich, hier konnte ich am Abend kaum noch vorankommen. Der katholische Pfarrer bot mir Nachtquartier an. Am andern Morgen, Sonntag, den 6. September, wollte ich nach dem Hochamt und der Predigt um zwölf Uhr nach Limburg an der Lahn fahren, verfehlte aber den Zug. Erst gegen sieben Uhr abends kam ich in diese Stadt. Der Hochw. Herr Regens des Limburger Priesterseminars, dem ich zufällig begegnete, war acht Tage lang mein Gastgeber.


Empfohlene Zitierweise: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 18: Besuch in den Orten des Kreises Friedberg“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-18> (aufgerufen am 08.05.2026)