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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 17: Besuch bei Metzern im Kreis Friedberg

[27-28] Im Kreis Friedberg.

Im Kreis Friedberg waren rund tausend Metzer einquartiert. Ihre Unterbringung war trefflich organisiert. Schon vor unserer Ankunft erließ die Behörde folgenden Aufruf an die Bewohner des Kreises:

„In der nächsten Woche werden Einwohner (vorwiegend Frauen und Kinder) der Festung Metz hier eintreffen, die aus militärischen Gründen ihre Heimat verlassen müssen. Wir sind zur Unterbringung und Verpflegung, deren Kosten die Stadt Metz trägt, auf Grund des Kriegsleistungsgesetzes verpflichtet.
Sie alle haben die Trennung von Angehörigen, die dem Kriegsrufe gefolgt sind, erfahren. Umsomehr sind wir der Überzeugung und Zuversicht, daß Sie bestrebt sein werden, den Landsleuten aus dem Reichsland, die der Krieg vom Ernährer und Heimat [S. 28] hat, nach Kräften zu helfen und ihnen zu zeigen, daß die Fremde solche Opfer zu würdigen weiß. Wir fordern Sie daher auf, die mit der Unterbringung beauftragten Behörden in ihrem schwierigen Werke durch freiwillige Meldung und Bereitstellung von Liebesgaben für die von der Reise mitgenommenen Landsleute nach Möglichkeit zu unterstützen. Sie alle wissen und haben das durch die bisherigen Waffenerfolge bestätigt gefunden, daß unsere Krieger in der Front ihre ganze Kraft in treuer Pflichterfüllung einsetzen. Bleiben Sie dahinter nicht zurück und zeigen Sie unseren Brüdern aus dem heiß erkämpften Reichsland, daß der Heimat gemeinsames Band uns alle umschlingt.
Friedberg, den 11. August 1914.
Großherzogliches Kreisamt Friedberg.
gez. Frhr. Schenk.

Als ich in Friedberg gegen Mittag ankam, meldete man gerade den Fall der französischen Festung Givet. Ein Kellner, der lange Zeit in Paris gewesen zu sein vorgab, erklärte uns Gästen mit gewichtiger Amtsmiene, daß man nicht Givet, sondern Give aussprechen müsse. Meine Ansicht war eher für „Jive". Darob ein bitterböses Gesicht. In Paris sagt man trotzalledem „Give", selbst wenn die Metzer „Jive" aussprechen". Dieser energische Satz bildete den Schluß unserer Diskussion. Ein reichliches Trinkgeld hat den guten Kellner hoffentlich besänftigt.

Der katholische Pfarrer bewirtete mich zwei Tage mit freundlichster Liebenswürdigkeit. Der Herr Kaplan machte mit mir die Rundreise in der Stadt. Vier volle Stunden wanderten wir von Straße zu Straße, von Haus zu Haus, Treppe auf, Treppe ab. Den armen Metzern Trost und in einigen Fällen Hülfe gespendet zu haben, versüßte unsere Müdigkeit. Eine Frau klagte, daß sie unterwegs ihren Mann und die Schwiegermutter verloren hatte. Ersterer war in Cassel, letztere wurde Sonntags drauf in Butzbach angetroffen.


Empfohlene Zitierweise: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 17: Besuch bei Metzern im Kreis Friedberg“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-17> (aufgerufen am 08.05.2026)