Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 55: Kriegsalltag in der Etappe

[140-142] Dann wurde die nähere Umgebung besichtigt. Hinter dem Haus war eine große Halle aus Balken gewesen, von der aber nur noch die Reste standen. Vor dem Haus hatte der Krieg offenbar eine Wasserleitungsanlage zerstört, denn tiefe Gräben durchzogen den Hof. Schützengräben konnten es in dem geschlossenen Hof nicht sein. Das niedrige Gebäude auf der anderen Seite schien ein Arbeitsraum, vielleicht auch Küche oder dgl. Gewesen zu sein. Jetzt zeigte der stroh – und düngerbedeckte Boden, dass der Raum als Pferdestall benutzt wurde, und unsere Bagagepferde musterten erstaunt den weißen Kachelofen, neben dem auch sie angebunden wurden.

An der östlichen Schmalseite des Hofes war in die hohe Mauer eine Bresche gebrochen oder geschossen, durch die man hindurch gehen konnte. Sie führte in die Gärten, von denen aus man in etwa 500 m. Entfernung die Warta fließen sah. Im Übrigen war der ganze Hof in unbeschreiblicher Weise beschmutzt, wie das ja bei allen russischen öffentlichen Gebäuden so üblich zu sein schien.

Das Mittagessen, aus einer Konservensuppe, war unterwegs schon gekocht und verzehrt worden. Unter den Arbeiten zur Einrichtung des Quartiers hatte sich aber der Hunger wieder eingestellt, und nun ging es in die Stadt auf die Suche nach Lebensmitteln. 2 Metzgerläden wurden gefunden, doch in keinem war etwas zu haben. Ebenso war das Brot schon alle aufgekauft; Ich fragte den ersten besten Juden nach einem Teehaus; „Kimme sa mit! E Wirtschaft ham ich nit, aber se könne bekomme a Gläschen Tee in meinem Haus;“ Gern folgten wir ihm über einen kleinen Hof und krochen unter einer halboffenen Türe durch in ein Staatszimmer mit einem runden Tisch und mehreren Stühlen. Die Tischdecke war zwar nicht mehr ganz einwandfrei, aber immerhin war der Raum für polnische Verhältnisse verschwenderisch eingerichtet. Bald standen 3 Gläser mit dampfenden Tei auf dem Tisch. Dazu wurden runde süße Plätzchen von verdächtigem Grau serviert und wir ließen uns die Gaben gut schmecken. Bald schaute ein schwarzer Lockenkopf durch die Türspalte, und der Jude führte uns sein Töchterchen vor; „Wer soll bleiwe bei uns, der Russe oder der Preiß?“ „Der Preiß“ war die prompte Antwort; Um die Abneigung des Kindes gegen die Russen zu erklären, erzählte er uns, dass seine Frau schwer darnieder liege an den Folgen einer Mißhandlung durch russische Soldaten. Sie hatte sich geweigert, Brot zu verkaufen aus dem einfachen Grunde, weil sie keines hatte und war darauf mit dem Pritschenstiel gezüchtigt worden. Ähnliche Lieder zu des Russen Ruhme hatten wir in der letzten Zeit häufig singen gehört, und doch packte uns immer wieder von neuem die Wut über die Rohlinge. Wir bezahlten und gingen ins Zuchthaus zurück.

Zum Glück hatte ein anderer Kamerad von unserer Korporalschaft noch ein Brot erobert, welches verteilt wurde. Dazu gab es noch auf den Kopf ein Stück Wurst vom Bagagenwagen, und das Nachtessen war auch gehalten.

Daß sich der Feind in verdächtiger Nähe befand, bewiesen die fortwährend fallenden Schüsse zwischen den beiderseitigen Vorposten. Um vor Überfällen sicher zu sein, wurde am Abend noch ein Streifkorps aus Freiwilligen zusammengestellt, welches die Nachbarschaft des [S. 141] Städtchens auf seine Sicherheit untersuchte. Kaum waren sie ausgerückt, da kam von Neuem Leben in die Zellen; „Handwerker heraus zum _rückenbauen!“ Die Russen hatten nämlich beim Zurückgehen über die Warta alle Brücken über die verschiedenen Arme derselben mit Petroleum begossen und angesteckt; auch die massive Eisenbahnbrücke war gesprengt, und nun galt es, eine Notbrücke für uns zu schlagen, damit wir dem abziehenden Feind auf der Ferse bleiben konnten. So wurde dann ein Brückenbaukommando gebildet, mit Handwerkszeug ausgerüstet und von einigen Gruppen mit Gewehr begleitet. Als sie aber an der Warta ankamen, waren bereits Pioniere an der Arbeit, und das Kommando konnte wieder ins Zuchthaus wandern. Ganz ungefährlich war die Sache bei dem Brückenbau übrigens nicht, da Streifpatrouillen der abziehenden Russen die ganze Nacht auf die hin – und hergehenden Lichter der Pioniere feuerten, glücklicherweise ohne Schaden anzurichten.

Schon war es dunkel und noch immer fehlten unsere Radfahrer. Allgemein ängstigte man sich um sie. Endlich spät abends kamen sie erschöpft an. Sie waren bei ihrer Fahrt vor dem Bataillon her auf eine starke russische Patrouille gestoßen und hatten das schönste Patrouillengefecht gehabt. Da es ihm gelungen war, 2 oder 3 der Feinde abzuschießen, hatten sich die anderen aus dem Staub gemacht, nur unsere Radfahrer hatten die Verfolgung aufgenommen, allerdings ohne weiteres Resultat. Sie waren heute die Helden des Tages.

Beim Schein unserer Kerze und der im Kamin steckenden langen Bretter (man hatte schließlich gefunden, dass die Balken und Bretter auch brannten, ohne zerkleinert zu sein, wenn man sie bloß immer hinten nachschob, wenn sie vorn abgekohlt waren) saßen wir noch zusammen auf unserer Pritsche, als die Tür aufgerissen wurde und einer hereinschrie: „Eure Bude brennt ja, wollte ihr lebendig braten?“ Richtig, da oben hatte der Kamin ein Loch, und die Hitze hatte das Deckengebälk angezündet. Flammen und Rauch schlugen auf dem Flur aus der Wand und drohten einen hölzernen Wandelgang, der in Höhe des 2. Stockes um den ganzen Flur ging, zu ergreifen. Ein paar Wasser löschten den Brand, und eine hilfsbereite Hand, die mit Lehm umzugehen wußte, verschmierte den schadhaften Kamin, sodass wir glücklich ungebraten die Nacht überdauerten.

Abwechselnd wurde Feuerwache gehalten und die anderen schnarchten bald trotz der Zuchthausumgebung mit dem besten Gewissen dem kommenden Tag, dem Tag unserer Feuertaufe entgegen. Für mich hat diese Nacht noch eine besondere Bedeutung, [S. 142] da ich während derselben zum ersten Mal seit Kattowitz und zum letzten Mal in Polen überhaupt die Stiefel von den Füßen bekam.


Empfohlene Zitierweise: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 55: Kriegsalltag in der Etappe“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-55> (aufgerufen am 05.05.2026)